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Die OOOM 100-Nummer 1: Alexej Nawalny und der Ruf nach Freiheit

Er ist ein Held im Kampf für Freiheit, Menschenrechte und gegen die Willkür des Staates. Ein Einsatz, den Alexej Nawalny, russischer Oppositionspolitiker und Dissident, beinahe mit dem Leben bezahlen musste. Seit einem Jahr sitzt er nach einer Prozessfarce in einem russischen Straflager in Haft. Nawalny steht mit seinem Mut und Engagement in einer Reihe mit den Systemkritikern und Nobelpreisträgern Alexander Solschenizyn und Andrei Sacharow. Seine Botschaft ist klar: „Habt keine Angst – geht auf die Straße! Schweigt nicht!“ Alexej Nawalny ist die Nummer 1 der inspirierendsten Persönlichkeiten der Welt im OOOM 100-Ranking 2021/22.

Georg Kindel4. März 2022 No Comments

Er ist der Ruf nach Freiheit, der nicht zu zerstören ist. Nicht mit Unterdrückung, nicht mit Gewalt und auch nicht durch Gefängnis.

Alexej Nawalny, 45, russischer Oppositionspolitiker, Dissident und Gründer der Stiftung zum Kampf gegen Korruption, ist zum Symbol der Freiheit geworden. Er wurde von einer internationalen Jury im sechsten „OOOM 100: The World‘s Most Inspiring People“-Ranking zur inspirierendsten Persönlichkeit des Jahres 2021/22 gewählt. Millionen Menschen gingen für ihn auf die Straßen, als seine Stimme vor einem Jahr durch einen Prozess in Moskau zum Verstummen gebracht werden sollte. Zu dreieinhalb Jahren Haft in einem Straflager wurde Alexej Nawalny verurteilt, weil er mehrfach gegen Bewährungsauflagen einer früheren Haftstrafe verstoßen haben soll, so das Urteil. Dass diese Verstöße nicht vermeidbar waren, weil er nach einer Vergiftung in Deutschland im Koma lag, hatte vor Gericht keine Bedeutung.

Giftanschlag. Es sollte ein simpler Flug vom sibirischen Tomsk nach Moskau sein, als Nawalny an Bord des S7 Airlines-Fluges am 20. August 2020 über Übelkeit klagte und schließlich das Bewusstsein verlor. Wie sich später herausstellte wurde er Opfer eines heimtückischen Giftanschlags mit dem militärischen Nervengift Nowitschok. Nach einer Notlandung in Omsk, wo man ihn zwei Tage lang behandelte und ins Koma versetzte, wurde er in einer beispiellosen Rettungsaktion in die Berliner Charité überstellt. Die deutschen Ärzte retteten sein Leben, das er für seinen Einsatz für Freiheit und Menschenrechte beinahe verloren hätte.

Verhaftung. Bei seiner Rückkehr nach Moskau wurde Nawalny unter den Augen einer fassungslosen Weltöffentlichkeit noch am Flughafen verhaftet. Seit seiner Inhaftierung sei sein Gesundheitszustand schlecht, sagen seine Anwälte. Nawalny berichtete von systematischem Schlafentzug, er würde nachts stündlich von Wächtern geweckt. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg forderte die sofortige Freilassung des Regimekritikers. Es sei eine „Gefahr für Nawalnys Leben“ gegeben. Denn sein Engagement für Freiheit und Menschenrechte soll im Straflager Pokrow einhundert Kilometer östlich von Moskau gebrochen werden. Von „psychischer Gewalt“ schrieb die „New York Times“, die man Nawalny antue. Seine Unterstützer befürchten gar, dass er die Torturen der Haft nicht überleben wird. Er schöpfe Kraft im christlichen Glauben, ließ Nawalny wissen.

„Terrorist“. Alexej Nawalny wählt selbst im Gefängnis den Widerstand als Mittel des Protests: Er schreibt Briefe, geht wochenlang in Hungerstreik und verfasst Social-Media-Posts. Das Regime konterte damit, den ehemaligen Rechtsanwalt als „Terroristen“ und „Extremisten“ einzustufen.

Der Aufstieg. Alexej Nawalny stammt aus der Ukraine, studierte Rechtswissenschaften und Börsewesen. Er trat 1999 der sozialliberalen Partei „Jabloko“ bei und fiel anfangs durch eine radikale Wortwahl auf. Als Jurist klagte er in von ihm selbst angestrebten Gerichtsverfahren immer wieder Politiker und Beamte wegen Korruption und Veruntreuung von Staatsgeldern an. Knapp eine Milliarde Euro musste aufgrund seiner Dutzenden Verfahren an den Staat zurückbezahlt werden. Durch seinen Einsatz für Transparenz machte er sich viele mächtige Feinde bis in höchste Politikkreise. Auch Präsident Putin nahm Nawalny immer wieder ins Visier, unter anderem zuletzt mit einem Enthüllungsvideo über einen 1,1 Milliarden Euro teuren Palast am Schwarzen Meer, der Putin gehören soll (der Kreml bestreitet das). Immer wieder forderte er die Bevölkerung auf, auf die Straßen zu gehen. Immer wieder wurde er wegen Demonstrationen, Widerstand gegen die Staatsgewalt oder konstruiert wirkender Delikte verhaftet. Auch gegen seine Mitarbeiter und Organisationen, die ihn unterstützen, wurde scheinbar willkürlich vorgegangen. Nawalny kandidierte als Moskauer Bürgermeister und bekam 27 Prozent der Stimmen. So wie Obama nutzte er eine digital vernetzte Jugendbewegung im Aufbegehren gegen den – in Russlands Fall autoritären – Staat. Als er schließlich ansetzte, 2018 bei der Präsidentschaftswahl gegen Putin zu kandidieren, wurden die Attacken unverhohlener und die Schikanen offensiver. Die zentrale Wahlkommission Russlands erklärte seine Kandidatur für nicht zulässig. Ein Anschlag mit Farbstoff kostete ihn 2019 fast das Augenlicht. Schließlich kündigte er die Gründung einer Gewerkschaft für die Angestellten des öffentlichen Dienstes an. Dazu sollte es nicht mehr kommen. Politiker und Menschenrechtsorganisationen auf der ganzen Welt fordern Nawalnys Freilassung. Doch Russland bleibt hart.

Visionär des Wandels. Alexej Nawalny steht für den Wandel. Er hat großen Mut bewiesen in seinem Kampf, dem russischen Volk seine Freiheit zurückzugeben. Er steht in einer Reihe mit Systemkritikern wie den Nobelpreisträgern Alexander Solschenizyn und Andrei Sacharow. Alexej Nawalny ist ein Held und Vorbild für uns alle, für unsere Freiheit einzustehen.

Fotos: Shutterstock

4. März 2022