Das grüne OOOM

Alfred Strigl: Corona sei Dank

Die Pandemie hat die Welt ein zweites Jahr fest im Griff. Aktionen, Gegen- und Überreaktionen halten uns in einem euphorisch-hysterischen Zustand. Das finde ich gut. Und sage fünfmal danke.

Alfred Strigl14. Januar 2022 No Comments

Danke, Corona.
Durch dich hält die Welt den Atem an. Vieles läuft anders, ungewohnt, unkomfortabel. Corona gibt uns Gelegenheit, aus der Komfort- in die Wachstumszone gelockt zu werden. Natürlich erkenne ich die Gefahr, die durch Corona ausgeht. Menschen sterben. Das ist ein Grund zur Sorge, zur Trauer, zum Überdenken, wer und was wirklich wichtig ist im Leben.
Corona fordert uns auf, darüber nachzudenken, welchen Stellenwert der Gesundheit und vor allem welchen Schrecken der Tod in unserer westlichen Gesellschaft hat. Denken wir Welt und Leben in zufällig bewusster Materialität und terminativer Endlichkeit? Oder denken wir Welt und Leben in spirituellen Geheimnissen und wundersamen Kreisläufen? Welches Welt-, Lebens- und Menschenbild tragen wir in uns? Und welche Bilder dominieren um uns? Das und vieles mehr forderst du, Corona, aus uns heraus. Ich bin stolz, dass wir nicht – wie noch vor wenigen Jahrhunderten bei Pandemien üblich – vorschnell Schuldige ausmachen und diese schlimmstenfalls lynchen. Wie achtsam, liebevoll und zivilisiert ist die Welt doch geworden. Darauf bin ich stolz. Das meine ich ernst.

 Danke, Nachhaltigkeit.
Dich rufen wir jetzt an – als großes, neues Leitbild. Wir haben weltweit die 17 Sustainable Development Goals (SDGs) erschaffen. Nicht nur Staaten und Großkonzerne sollten sich anstrengen, die Zukunft perspektivenreicher zu machen. Ich will persönlich beitragen. Das gibt mir Sinn, Hoffnung, Vertrauen und Freude. Doch diese Ziele sind mir zu kalt und düster obendrein, wenn sie auch für mich gelten sollen. „Keine Armut. Kein Hunger“, prangern sie uns an. Niemand will ernstlich Armut, Hunger, Elend und Seuchen in der Welt. So musste ich die Weltnachhaltigkeitsziele in eine mir verständliche und geliebte Sprache übersetzen. Aus dem Bekämpfen von Armut wird der Wunsch nach „Reichtum und Ressourcen“. Aus „Kein Hunger“ wird das Ziel „Gutes Leben in Fülle“. Auch alle anderen Ziele habe ich ins Positive übertragen. So gefallen sie mir besser. „Keine Armut“ umgemünzt heißt: Reichmut zu lernen und zu leben, die Fülle in der Welt zu sehen und zu gestalten. In solch einer Welt möchte ich leben.

Danke, Reichmut.
Es ist doch beschämend, dass wir zwar „Armut“ kennen und als Wort im Sprachgebrauch führen. Doch das helfende und heilende Gegenüber, „Reichmut“, ist gänzlich aus unserer Sprache gefallen. Oder ist Reichmut noch nie in die Welt gekommen? Haben wir „reichmütig sein“ noch zu lernen? Wie würden Sie Menschen bezeichnen, die vermögend, unterstützend und anstiftend sind? Die ihr Vermögen nicht sinn­entleert durch die aufgeheizten Wachstumsmärkte jagen, sondern ihre Gaben und Talente in Güte, Milde und Weitblick barmherzig einzusetzen verstehen. Es braucht Mut, meine Gaben und Talente auszupacken, sie für eine schönere und liebevollere Welt auszugeben. Es braucht Mut, mein Vermögen und mein Geld nicht wegzusperren und nicht vor dem oder der, die es gut gebrauchen könnten, zu verstecken. Dank Corona haben wir jetzt die Zeit darüber nachzudenken, wie echte Nachhaltigkeit in die Welt kommen kann. Reichmut spielt eine gehörige Rolle dabei. Wie auch dein und mein Geld. 

Danke, Geld.
So geht Reichmut: sozial-ökologisches Crowdfunding und Crowdinvesting, ethisches Banking, grüne Anleihen und Investments, gemeinwohlstiftende Konten, zinslose Darlehen zwischen Privaten, Mitmachen bei Vermögenspools oder mein Geld, meine Gaben und meine Ressourcen sinnstiftend teilen und oft auch einfach verschenken. Das alles macht mein und dein Vermögen zu einem heilvollen und sinnstiftenden Wundermittel. Integrieren und lieben wir die Schatten, die wir schon zu lange auf Geld – das eigene und das der anderen – projizieren. Nehmen wir Kontakt mit unseren Talenten und Vermögen auf. Das macht Freude. Geld- und Integrationsarbeit, wie das mein Lehrmeister Peter John König nennt, ist tiefes Erkennen der Projektionen, die wir auf Geld und auf andere Projektionsflächen werfen. Das Hineinfühlen und Empfinden sowie das Zurücknehmen und Integrieren dieser (Schatten-)Kräfte ins eigene Bewusstsein ist wahre Heilarbeit. Dies fördert nicht nur unsere emotionale Intelligenz, weil wir damit eine Alphabetisierung unserer Gefühle hinbekommen. Es führt auch zum wahren Erlernen und erwachsenen Führen der – aus meiner Sicht – ach so laienhaft gemanagten Finanzsysteme.

Danke, Wirtschaft.
Bei allem, was Finanzwirtschaften vermögen soll, scheint die Liebe mit Sicherheit nicht darunter zu sein. Wie würden Sie eine Wirtschaft nennen, die vollkommene Geldtransparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette einfordert, um vor Wucher und Abzocke zu schützen? Eine Wirtschaft, die über ein „full cost accounting“ ausrechnet, wie viel Nutzen oder Schaden ein Produkt für die Welt erzeugt? Doch es gibt Wirtschaftsmodelle, die Liebe, Gemeinwohl und sozial-ökologischen Benefit mitten in ihr Zentrum stellen. Denn letzter Sinn und Zweck allen Wirtschaftens ist die Sorge um Mensch, Leben und Natur. Helmy Abouleish, der Erfinder eines dieser Modelle, nennt das „Wirtschaft der Liebe – Economy of Love“. Christian Felber fordert kooperatives Gemeinwohlbanking und formiert mittlerweile weltweit die Gemeinwohlökonomie. In der B-Corp- Bewegung schließen sich Tausende Unternehmen der Idee an, „die Besten für die Welt“ zu sein. Sie, die Social Entrepreneurs und viele andere weisen den Weg in eine Zukunft, in der die Wirtschaftswelt zur neuen Gralsstätte für Werte, Bewusstsein und Menschheitsentwicklung wird. 

Dank Corona, Nachhaltigkeit, Reichmut, Geld und Wirtschaft werden wir die Welt retten?
Ja. Und ein Wesentliches, ein Letztes gehört noch dazu: innen wie außen zur Liebe werden. „Innen wachsen – außen wirken“ nennen das Julia Buchebner und Stefan Stockinger in ihrem neuen Buch. Die nachhaltige Welt, die wir uns wünschen, beginnt in liebevollem Reichmut in und zu uns selbst. Ich habe es selbst ausprobiert – es ist erlernbar. 

14. Januar 2022