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Alfred Strigl: Das Nahen des Rettenden

Nachhaltigkeitsforscher Alfred Strigl über das Phänomen Greta Thunberg. Millionen gibt sie Hoffnung und Zukunftsglauben. Doch ihre Bewegung macht Menschen auch Angst. Das finde ich gut. Sehr gut sogar. Jeder Trend, der groß genug ist, öffentlich beachtet zu werden, schwört unweigerlich einen Gegentrend herauf. Die moderne Systemtheorie erklärt das damit, dass alles mit allem verbunden ist. Nichts bleibt unbemerkt. Und je bemerkenswerter sich etwas zuträgt, umso Merkwürdigeres wird sich auf das hin ereignen. Ein sich aufschaukelnder, rückgekoppelter Regelkreis. Das ist Evolution und Co-Evolution und Co-Co-Evolution.

Alfred Strigl8. Oktober 2019 No Comments
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Der aggressive und zwieträchtige Populismus, der in Politik und Gesellschaft derzeit weltweit grassiert, hat deshalb nicht nur Schattenseiten. Ich meine, dass Populismus, Vergröberung und Verrohung wesentliche Symptome einer längst schon angebrochenen Wendezeit darstellen. In Zeiten des Umbruchs wird vieles simplifiziert. Muss es auch. Denn zu komplex, ja, überkomplex ist die Welt geworden. Seit Kurt Gödel, dem österreichischen Beinahe-Nobelpreisträger, wissen wir, dass der Komplexität nur mit einfachen Lösungen Herr geworden werden kann. Das Logisch-Unlogische dabei ist, dass man komplexe Systeme nur mit mehreren sich widersprechenden (!), einfachen Lösungen beschreiben und erlösen kann. Banalität und Tiefe. Ausschweifung und Schlichtheit. Muße und Fokus. Greta und ihre Widersacher. All das braucht eine erlösende Wendezeit.

Ich habe Sehnsucht nach einer Zukunft, in der vieles wieder einfacher, ehrlicher wird und ist. Die Komplexität der Jetztzeit verlangt einfache, weil damit ganz andere Lösungen. Es gibt anscheinend keine sinnlogische Erklärung mehr, wie etwas mit wem oder was wieso und wodurch zusammenhängt, bedingt, verhindert, bewirkt oder auslöst.

Menschen zum Beispiel. Ein Mensch allein, ein Team oder eine ganze Organisation – das sind komplexe Systeme. Die Art und Weise, wie hier eine Handlung oder Reaktion zustande kommt, ist derart komplex, dass es mit Sicherheit keine definitive Vorhersage geben kann. Und deshalb erfordern komplexe Probleme auch einfache Lösungen. Die bekannteste Geschichte dazu ist die des Gordischen Knotens. Niemand konnte ihn aufwinden, bis Alexander kam und ihn mit einem schlichten Schwerthieb „löste“. Gelöst. Basta.

Der Greta-Trend des schonungslosen Ansprechens ungeliebter Wahrheiten erzeugt (s)einen co-evolutionären Gegentrend: Anfeindungen, Gehässigkeiten, Angst. Und ich sehe am Horizont neue Bewegungen co-co-evolutiv erstarken: Schulen imaginativer Hoffnung, intuitiver Achtsamkeit, inspirierten Zukunftswissens. Die Endzeit-Hymne „Patmos“ von Friedrich Hölderlin, benannt nach der griechischen Insel, auf welcher Johannes seine prophetische Offenbarung erhalten und niedergeschrieben haben soll, beginnt mit den berühmten Zeilen: „Nah ist und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ So fragil, anders und nicht in klassische Normen passend diese junge Frau auch ist – für mich verkörpert Greta nachgerade dadurch das Nahen des Rettenden.

Epilog. Greta Thunberg schreibt Anfang September 2019 auf Instagram: „Ich habe Asperger-Syndrom, und das bedeutet, dass ich manchmal ein bisschen anders bin als die Norm. Und unter den richtigen Umständen ist Anderssein eine Superkraft. Ich gehe mit meiner Diagnose nicht an die Öffentlichkeit, um mich dahinter zu ,verstecken‘. Ich tue es, weil ich weiß, dass viele Unwissende es immer noch als ,Krankheit‘ oder etwas Negatives ansehen. Und glauben Sie mir, meine Diagnose hat mich schon früher eingeschränkt. Bevor ich in die Schule ging, hatte ich keine Energie, keine Freunde und ich sprach mit niemandem. Ich saß nur allein zu Hause und hatte Essstörungen. All das ist jetzt weg, seit ich einen Sinn gefunden habe in einer Welt, die so vielen Menschen manchmal sinnlos erscheint.“ 

Alfred Strigl ist Nachhaltigkeitsforscher, Biochemiker und Gründer von plenum, der Gesellschaft für ganzheitliche, nachhaltige Entwicklung.

8. Oktober 2019