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Allyn Pierce: Der Held der US-Feuerkatastrophe

Die Nummer eins der inspirierendsten Menschen 2018 wurde zum Helden, als das Inferno über Paradise hereinbrach. Am 8. November rollte eine Feuerwalze über die Kleinstadt in der Sierra Nevada mit 26.000 Einwohnern nördlich von Sacramento, die aus dem beschaulichen Ort ein Schlachtfeld machte. Bis auf wenige Häuser fiel die gesamte Stadt den Flammen zum Opfer. In ganz Kalifornien toben Waldbrände, wie sie Amerika noch nie erlebt hat. 1.200 Menschen wurden bei Redaktionsschluss vermisst. Allyn Pierce, ein Krankenpfleger an der Adventist-Health-Feather-River-Klinik in Paradise, wurde an diesem Tag zum Helden und zur Symbolfigur für ein Amerika, das viele heute vermissen: ein Land, in dem sich Menschen selbstlos für andere einsetzen, wo das Miteinander zählt. Allyn Pierce hätte seinen Heldenmut beinahe mit dem Leben bezahlt. Das ist seine Geschichte.

Georg Kindel5. Dezember 2018 No Comments
ooom100 Allyn Pierce Malibu fire

Mr. Pierce, die Jury von OOOM 100: DIE INSPIRIERENDSTEN MENSCHEN DER WELT hat Sie in diesem Jahr auf Platz eins gewählt. Wir gratulieren!

Ich kann es noch immer nicht fassen. Ich danke Ihnen, aber ich denke nicht, dass ich es verdiene, vor Menschen wie Barack Obama zu liegen. Ich habe nur meine Pflicht getan und Menschen geholfen. Ich wurde in der Flammenhölle eingeschlossen, konnte schließlich entkommen und flüchtete nicht, sondern fuhr zur Klinik zurück, um Patienten zu helfen.

Nicht jeder würde das tun und sein Leben riskieren.

Aber jeder, mit dem ich arbeite. Wir sind Klinikangestellte und unsere oberste Priorität sind die Patienten und ihre Sicherheit.

Sie waren am 8. November, dem Tag der Katastrophe, auf der Intensivstation an der Adventist-Health-Klinik in Paradise. Wie verlief der schicksalhafte Morgen?

Ich machte das, was ein Pflegeleiter zu tun hat. Ich arbeite seit mehr als zehn Jahren mit meinem Team zusammen. Die gesamte Klinik hat nur 99 Betten, die Intensivstation umfasst zwölf davon. Es ist ein ländliches Krankenhaus.

Was genau passierte am 8. November in Paradise?

Ich war in einem Morgenmeeting. Meine Frau machte unsere Kinder für die Schule fertig und wollte dann weiter in die Arbeit fahren. Sie schickte mir eine SMS, dass im Umkreis eine Menge Feuer toben und der Wind ziemlich stark ist. Als ich aus dem Meeting kam, war bereits rundherum überall Rauch. Um acht Uhr Früh informierten wir die Einsatzleitung, dass wir eine rasche Entscheidung brauchen, ob wir die Klinik evakuieren sollen. Das Ganze spielte sich in einem Zeitraum von nur 30 bis 40 Minuten ab. Ich ließ mein Team alle Patientenakte vorbereiten, so dass wir im Evakuierungsfall sofort flüchten können. Ich habe schwerkranke Patienten, einige von ihnen werden nur von Maschinen am Leben erhalten. Wir mussten also aufpassen, was wir tun. Wir mussten 67 Patienten aus der Klinik den Hügel runterbringen. Das dauerte knapp 20 Minuten. Wo es ging, holten wir sie raus aus den Betten, rein in die Fahrzeuge und weg waren sie. Zum Schluss überprüfte ich sämtliche Räume, damit wir niemanden vergessen. Als ich mich überzeugt hatte, dass alle weg waren, ging ich zu meinem Fahrzeug. Wir hätten früher beginnen sollen. Das Feuer kam bereits den Hügel herunter und begann den Campus der Klinik in Flammen zu setzen.

malibu fire california allyn pierce

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Sie waren einer der Letzten, die den Klinik-Campus verließen.

Ja, wir waren zu dritt und nahmen die Pearson Road Richtung Süden, eine kleinere Straße. Das Feuer kam bereits aus der Richtung, in die wir fuhren. Plötzlich war ein Stau, es gab kaum ein Weiterkommen. Verlassene Fahrzeuge standen auf der Straße. Die Häuser und Bäume rings um die Straße brannten bereits, Gastanks explodierten. Ich musste zu mir selbst mehrmals sagen: „Das ist echt! Das passiert wirklich!“ Es war völlig surreal. Ich versuchte möglichst nicht über Flammen zu fahren, denn hätte ein Reifen Feuer gefangen, hätte es das Ende für uns bedeutet.

Hatten Sie Angst?

Die beiden Kollegen in meinem Auto wurden extrem nervös, also spielte ich den Soundtrack von „Deadpool 2“. Wir hörten Peter Gabriels „In Your Eyes“ und begannen mitzusingen. Während um uns das Feuer tobte, hörten wir diesen ruhigen Song und taten so, als wäre die Welt in Ordnung. In jedem Hollywoodfilm würde man die Szene für unglaubwürdig halten. Zu diesem Zeitpunkt steckten wir in der Nähe eines Feuerwehrwagens fest. Er fuhr nicht mehr weiter, die Feuerwehrmänner pressten von innen ihre feuerfesten Sicherheitsdecken gegen die Scheiben. Spätestens da dachte ich: „Das ist kein gutes Zeichen!“ Meine beiden Mitfahrer sprangen aus dem Auto, liefen zum Feuerwehrwagen und kletterten in das Fahrzeug. Ich beschloss, in meinem Truck zu bleiben, vor allem, weil wir feststeckten und Leute zum Teil aus ihrem Wagen geflüchtet waren. Ich wollte nicht einer von denen sein, dessen verlassenes Fahrzeug die Flucht anderer blockiert. Fahrzeuge in der Nähe versuchten zu fahren, doch ihre Reifen fingen Feuer, Tanks explodierten, überall waren Flammen. Es kam ein Feuertornado auf mich zu. Es war, als würdest du einen Actionfilm ansehen und sie machen alle Stunts auf einmal.

Dachten Sie in dem Moment: ‚Ich werde sterben!’?

Ja, ich dachte, ich werde jetzt sterben. Ich dachte, es ist vorbei. Mein Smartphone hatte keinen Empfang, also nahm ich eine letzte Videomessage für meine Frau und meine Kinder auf und verabschiedete mich von ihnen. So ist mein Ende also, war mein Gedanke. Es war furchtbar: diese Angst, all meine Lieben nie wieder zu sehen. Das Feuer kam bereits von hinten und den Seiten und ich saß in der Falle. Ich erinnere mich, dass A-ha mit „Take On Me“ lief. Ich sagte auf Video: „Ich habe wirklich alles versucht hier rauszukommen. Ich liebe euch alle!“ Und dann habe ich mein Handy so verpackt, dass es möglichst kein Feuer fängt. Ich habe meine Jacke ausgezogen und sie gegen die Scheibe gedrückt, denn die Flammen verursachten eine enorme Hitze. Plötzlich hörte ich einen lauten Knall.

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Was war passiert?

Ein Bulldozer knallte gegen die abgestellten Fahrzeuge, die die Straße blockierten, und rammte sie einfach aus dem Weg. Sie flogen zur Seite und explodierten. Plötzlich war der Weg aus dem Wald frei. Ich fuhr los, stoppte aber wieder und drehte um.

Wieso?

Ich entschied mich, zur Klinik zurückzufahren. Ich wäre zwar in Sicherheit gewesen, aber ich wollte helfen. Als ich zurückkam, sah ich andere Kollegen von mir auch gerade eintreffen. Obwohl die Klinik geräumt war, brachten Rettungswägen neue Verletzte zum Krankenhaus. Wir errichteten also eine improvisierte Notaufnahme auf dem Parkplatz. Wir rannten in die Klinik, holten Medikamente, Geräte, Betten, Stühle, alles was wir brauchen konnten, um Verletzte zu behandeln. Wir hatten Patienten mit Rauchgasvergiftungen, einige mussten künstlich beatmet werden. Das ging so lange gut, bis die Klinik Feuer fing und zu brennen begann. Wir beschlossen, alles auf den Hubschrauberlandeplatz zu verlegen, über den schon eine Feuerwalze hinwegrollte.

Durch Ihren heldenhaften Einsatz konnten alle Patienten gerettet werden. Was sagte Ihre Familie, als sie Sie wieder in die Arme schließen konnten?

Meine Frau hatte seit dem Morgen nichts von mir gehört. Sie war verrückt vor Angst. Als sie das verbrannte Auto sahen rannten sie mir entgegen, sie weinten und umarmten mich.

Was war mit Ihrem Haus?

Es wurde völlig zerstört, die Flammen haben alles vernichtet. Unsere ganze Stadt ist ausgelöscht. Aber uns ist nichts passiert. Das zählt.

Wie gehen Sie damit um, plötzlich ein Held zu sein?

In den Medien oder im Internet mag ich als Held gehandelt werden, aber zu Hause bin ich nur Dad. In dieser Feuerkatastrophe gibt es so viele Menschen, die ihr Leben riskierten. Ich bin nur einer von vielen. Jeder andere hätte in Paradise dasselbe gemacht.

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