Lifestyle & Travel

Am Ende der Welt

Die Route entlang der chilenischen Fjorde zählt zu den außergewöhnlichsten Once-in-a-Lifetime-Erlebnissen. Den Besuchern dieses Teils von Patagonien zeigt sich eine grandiose, stille, erhabene Landschaft voll Naturgewalten, Gletschern und Regenwäldern. Auf den Spuren weltberühmter Entdecker, Forscher und Seefahrer wie Darwin und Magellan muss heute an Bord eines Expeditionsschiffes nicht auf Komfort und Luxus verzichtet werden. Der Rückblick auf eine faszinierende Schiffsreise unmittelbar vor dem ersten Lockdown im März 2020 nach Feuerland und ans „Ende der Welt“, die schon bald wieder möglich sein wird.

CHRISTINA ZAPPELLA-KINDEL28. Mai 2021 No Comments

Die Reise ans Ende der Welt beginnt in Ushuaia, der an einen steilen Berghang gebauten südlichsten Stadt Argentiniens. An diesem entlegenen Punkt der Welt, der südlichsten Stadt der Erde, die zum Ausgangspunkt für Antarktisexpeditionen geworden ist, ist es das ganze Jahr über kalt und feucht. Ein westlicher Wind peitscht meist den Gletscher Glaciar Martial hinab bis zum Ende der Ruta Nacional 3, des wichtigsten Highways des Landes, der in der Hauptstadt Buenos Aires 3.045 Kilometer entfernt seinen Anfang nimmt. Die vielen kleinen bunten Häuser wirken beim Landeanflug wie eine Spielzeugstadt und schmiegen sich anmutig zwischen den imposanten Bergen und dem tiefschwarzen Meer an.

An Bord der HANSEATIC nature. Die letzte Nacht verbrachten wir in Buenos Aires, um am frühen Morgen mit einem Inlandsflug nach ­Ushuaia aufzubrechen. Die rund 70.000 Einwohner zählende Stadt hat sich in den letzten 30 Jahren aufgrund des wachsenden Kreuzfahrttourismus vom verschlafenen Dorf zu einem lebhaften Städtchen entwickelt, ist es doch einer der besten Ausgangspunkte für eine Antarktis-Expedition oder wie in meinem Fall für eine Reise zu den chilenischen Fjorden. Unser Aufenthalt in Ushuaia ist nur kurz. Am Hafen erwartet uns schon unser Expeditionsschiff, die HANSEATIC nature von Hapag Lloyd Crui­ses, die in Rankings immer wieder zur besten Kreuzfahrtgesellschaft der Welt gewählt wurde. Noch am selben Tag legt das 138 Meter lange Schiff in Richtung Beagle-Kanal und Garibaldi-Gletscher ab. Die HANSEATIC nature kam gerade erst von einer Antarktisexpedition zurück, denn jede Reise dorthin beginnt und endet in Ushuaia. Das Schiff bietet Platz für 230 Passagiere, bei Spitzbergen-Umrundungen und Antarktisreisen sind überhaupt nur maximal 199 Passagiere an Bord. Mit 120 Kabinen und Suiten auf sieben Decks ist es deutlich kleiner als klassische Kreuzfahrtschiffe. Das Boot ist tatsächlich nie voll: Überall findet man ruhige Plätze zum Entspannen, Staunen oder Lesen, wenn man das nicht in der eigenen Kabine machen will. Drei Restaurants bieten eine wundervolle kulinarische Abwechslung, am Abend kann man einen Drink in einer der beiden Bars nehmen oder im Observation Deck die Touren der nächsten Tage studieren.

Auf den Spuren Magellans. Am ersten Abend werden auch gleich die dicken, warmen Parkas für die Dauer der Reise ausgeliehen. Sehr praktisch, dass man nicht seine eigenen Wintersachen mitnehmen muss, weil der Koffer sowieso schon bei der Abreise voll war. Vor dem Abendessen nehme ich mir Zeit, einige Passagen aus Antonio Pigafettas Werk, dem Chronisten des portugiesischen Entdeckers Fernando Magellan, zu lesen. 1519 startete dieser eine wagemutige Expedition mit fünf Schiffen und 200 Mann Besatzung. Ihm gelang die erste historisch belegte Welt­umseglung und der Beweis, dass die Erde nicht flach, sondern rund ist. Magellan fand dabei die sogenannte Westpassage, die nach ihm benannte Magellanstraße, an der Südspitze Amerikas, die den Atlantischen und den Pazifischen Ozean miteinander verbindet. Vor allem im 19. Jahrhundert war dies eine wichtige Handelsroute und wurde erst viel später durch den Panamakanal ersetzt. Während der gesamten Reise führte Antonio Pigafetta ein Bordtagebuch, in dem er die dramatischen Ereignisse der Nachwelt überliefert hat. Die Fahrt war eine der berühmtesten Entdeckungsfahrten der Weltgeschichte und Piga­fetta nannte die Inseln vor Patagonien Feuerland, wegen der vielen, von den Indianern entfachten Feuer, die dort loderten. So schrieb er unter anderem, als die Schiffe auf einer kleinen Insel auf eine Pinguinkolonie stießen: „Gänse leben hier in großen Scharen. Sie sind so zahm, dass wir uns innerhalb einer Stunde genug Proviant für die Mannschaft der fünf Schiffe verschaffen konnten. Sie sind schwarz und ihr ganzer Körper ist gleichmäßig von kleinen Federn bedeckt.“ Das war die erste historisch belegte Erwähnung von Pinguinen. Für den Schriftsteller Stefan Zweig ist Magellans Weltumsegelung die vielleicht „herrlichste Odyssee“ in der Geschichte berühmter Reisen und Entdeckungen. So schreibt er in seinem Roman „Magellan“: „Ein sonderbarer, ein gespenstischer Anblick muss es gewesen sein, wie zum ersten Mal die vier ersten Schiffe der Menschheit leise und lautlos in diese schweigsame, schwarze, seit ewigen Zeiten noch nie von einem Irdischen befahrene Straße hineingleiten.“ Nach wochenlanger Fahrt durch die Meerenge fand Magellan schließlich eine Ausfahrt, segelte aufs offene Meer des Pazifiks, die Westpassage war gefunden.

Der junge Charles Darwin. Während unser Dinner serviert wird, fahren wir durch den Beagle-Kanal, benannt nach dem britischen Forschungsschiff Beagle, mit dem Robert FitzRoy die Wasserstraße 1831 entdeckte. Mit an Bord war der damals 23-jährige Charles Darwin, dem diese Reise das Material lieferte, aus dem er im Laufe der folgenden 20 Jahre die Evolutionstheorie entwickelte. Unvorstellbar, dass Menschen entlang des Beagle- Kanals um die Felseninseln und in den Fjorden Feuerlands siedelten. Die Yámana lebten vom Fischfang, jagten Robben oder tauchten nach Muscheln. Über Jahrtausende passten sie sich perfekt an die extremen Lebensbedingungen an. Die vielen Feuer, von denen Pigafetta berichtet hat, waren für die Indianer insofern überlebenswichtig, da sie außer Fellen, die sie um die Körper geschlungen hatten, keine Kleidung kannten und sich daher immer wieder am Feuer aufwärmen mussten, um nicht zu erfrieren. Mit den rauen Naturgegebenheiten konnte das Volk umgehen – aber leider nicht mit den Krankheiten, die später durch die Europäer eingeschleppt wurden. An Bord eines luxuriösen Schiffes ist es schwierig sich vorzustellen, wie es zu Zeiten der ruhmreichen Entdecker der Seefahrt war, durch diese Passage zu fahren.

28. Mai 2021