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Anne Jarchow: Reich und Arm im Silicon Valley

Für Anne Jarchow war es eine bewusste Entscheidung, für gemeinnützige Organisationen zu arbeiten und damit seit über zwölf Jahren etwas Bedeutungsvolles beizutragen. Als Vize-Präsidentin von LifeMoves hilft sie mit ihrem Team obdachlosen Menschen in der San Francisco Bay Area zunächst eine Unterkunft und dann eine neue Lebensperspektive zu finden. Gerade in der Gegend um das Silicon Valley wird sie täglich mit den Problemen einer Gesellschaft konfrontiert, bei der die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird.

Linda Steinborn30. Juli 2020 No Comments
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Francisco ist das Herz des Silicon Valley mit einer hohen Milliardärsdichte und Jobs mit überdurchschnittlich hohen Gehältern. Wer braucht an einem solchen Ort Ihre Hilfe?

Viele Menschen, die zu uns kommen, haben Jobs. Sie haben aber Jobs, bei denen das Gehalt nicht ausreicht, um ihre Miete zahlen zu können, weil die Lebenserhaltungskosten so hoch sind.Wir nehmen pro Nacht ungefähr 950 Menschen auf – die Hälfte davon sind Kinder. Wir sind nicht die Art von Organisation, die Obdachlosen eine warme Mahlzeit und einen Platz zum Schlafen bietet und das war‘s dann. Wir haben wirklich intensive Programme und Fallmanager, die den Menschen helfen, Fähigkeiten zu entwickeln, um wieder selbstständig leben zu können. Wir helfen ihnen auch dabei, Wohnungen zu finden, die sie sich leisten können. LifeMoves ist ein großer gemeinnütziger Verein, der obdachlosen Familien und Einzelpersonen hilft. Wir haben ungefähr 285 feste MitarbeiterInnen und über 12.000 Freiwillige. Außerdem haben wir tausende von UnterstützerInnen. Wir arbeiten gleichzeitig an 23 verschiedenen Standorten in der San Francisco Bay Area.

Wie erreichen Sie diese Menschen, die Hilfe brauchen?

Zum einen nehmen wir zu Menschen Kontakt auf, die tatsächlich ungeschützt in Zeltlagern oder allein auf der Straße leben. Zum anderen haben wir unsere Obdachlosenprävention, die zum Beispiel durch Expertenberatung direkt vor Ort dabei hilft, ein neues Zuhause zu finden. Und zuletzt haben wir unsere eigenen Unterkünfte, in denen die Menschen je nach ihrer Situation, vier bis acht Monate bleiben können und mit verschiedenen Dingen, wie Mahlzeiten, Beratung oder Kleidung versorgt werden.

Anne Jarchow, Obdachlose San Francisco

Anne Jarchow, Obdachlose San Francisco

In TV-Dokumentationen sieht man Menschen, die in Autos leben.

Menschen, die in ihren Autos leben, sind ein großes Problem in der San Francisco Bay Area. Die Menschen leben in ihren Wohnmobilen, in ihren Autos und parken auf der Straße, was die Menschen, die in den Stadtteilen leben, stört. Wir haben also Verträge mit den Städten und Gemeinden gemacht, damit wir große Parkplätze, auf denen wir die Programme durchführen können, bekommen. Dort können Menschen sicher während der Nacht parken und bekommen Unterstützung durch unsere Fallmanager. Unser Ziel ist es, dass sie irgendwann in der Lage sind, aus ihren Autos auszusteigen und mit uns in eine Unterkunft zu kommen.

Viele Menschen, die zu uns kommen, haben Jobs. Sie haben aber Jobs, bei denen das Gehalt nicht ausreicht, um ihre Miete zu zahlen.

Gibt es etwas an Ihrer Arbeit, das Sie besonders berührt?

Definitiv sind unsere Mission und die Menschen, denen wir helfen, besonders wichtig. Für mich persönlich und in meiner Position, sind es aber die MitarbeiterInnen, die mich am meisten berühren, weil sie an vorderster Front stehen und die wirklich harte Arbeit leisten. Ihr Engagement ist einfach unglaublich für mich und berührt mich sehr tief.

Was sind die größten Herausforderungen?

Die größte Herausforderung ist das Finden von gutem Personal. Wir befinden uns in der Bay Area, in der High-Tech-Unternehmen das Zehnfache von dem zahlen, was wir können. Es ist also immer eine große Herausforderung, hochqualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen, wenn sie auch für Facebook oder Google arbeiten könnten. Wir ziehen sogar viele Leute an, die von der High-Tech-Welt ausgebrannt sind und etwas Sinnvolleres tun wollen, um etwas zurückzugeben.

30. Juli 2020