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Anne Jarchow: Reich und Arm im Silicon Valley

Für Anne Jarchow war es eine bewusste Entscheidung, für gemeinnützige Organisationen zu arbeiten und damit seit über zwölf Jahren etwas Bedeutungsvolles beizutragen. Als Vize-Präsidentin von LifeMoves hilft sie mit ihrem Team obdachlosen Menschen in der San Francisco Bay Area zunächst eine Unterkunft und dann eine neue Lebensperspektive zu finden. Gerade in der Gegend um das Silicon Valley wird sie täglich mit den Problemen einer Gesellschaft konfrontiert, bei der die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird.

Linda Steinborn30. Juli 2020 No Comments
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Wie wichtig ist Freiwilligenarbeit für Ihre Organisation?

Sie ist wichtig, ja. Wir haben Freiwillige, die viele unserer Abendworkshops durchführen, um unseren Hilfsbedürftigen dabei zu helfen, Fähigkeiten in der Finanzplanung oder in Elternworkshops, Wohnungsworkshops usw. zu erlernen.

Es gibt also zwei Welten in San Francisco und Obdachlose leben direkt unter den erfolgreichen Menschen des Silicon Valley?

Das ist wahrscheinlich eines unserer größten und sichtbarsten Probleme. Es gibt hier so viele wohlhabende Menschen in den Stadtvierteln und unsere Unterkünfte befinden sich direkt daneben, so dass sich die obdachlosen Menschen direkt auf den gleichen Straßen und Plätzen aufhalten.

Wie gehen Sie mit Menschen um, die keine Hilfe annehmen möchten?

Es ist schwer, weil es häufig vorkommt, dass jemand durch alle Unterkünfte wechselt und trotzdem zwei- oder dreimal zurückkommt. Aber manchmal ist das dritte oder vierte Mal dann ein Volltreffer und ihnen kann geholfen werden. Meistens ist es einfacher mit Familien als mit Einzelpersonen zu arbeiten, weil Familien motivierter sind, wieder auf die Beine zu kommen und nach Hause zu kommen, denn sie haben Kinder, um die sie sich sorgen. Das sind die, die oft mitten in der Nacht abreisen, weil sie Drogen genommen haben oder einfach noch nicht bereit für Hilfe sind. Wir sehen das sehr oft und es ist schwierig für die Mitarbeiter, weil sie wirklich große Herzen haben und den Menschen so viel wie möglich helfen wollen. Oft sind aber einfach mehrere Anläufe erforderlich.

Wie wirkt sich Ihre Arbeit auf Ihren persönlichen Alltag aus?

Ich arbeite in einem großartigen Führungsteam. Jeder ist wirklich engagiert. Alle machen Späße, obwohl die Arbeit sehr ernst ist. Wir legen auch viel Wert auf Selbstpflege, um ein Gleichgewicht zur Arbeit herzustellen. Wenn man sich nicht genug um sich selbst kümmert, kann es zu einer Art Mitgefühlsermüdung kommen und irgendwann brennt man aus. Dagegen versuchen wir anzugehen und auch unseren MitarbeiterInnen zu helfen daran zu arbeiten. Wir halten die Stimmung aufrecht und wir fühlen uns sehr belohnt durch die Arbeit, die wir leisten. Das macht uns langfristig zu glücklicheren, zufriedeneren Menschen.

Wie geht man mit Hindernissen um?

Wir werden weiter wachsen und die Hindernisse so nehmen wie sie kommen. Angesichts von Corona ist es schwer zu wissen, wie die Zukunft aussieht, aber ich kann mir vorstellen, dass wir nächstes Jahr unseren Fokus darauf ändern werden, dass die Obdachlosen wirklich gesund bleiben.

Was kann jeder unabhängig von seinem Einkommen tun, um Menschen in Not zu helfen?

Jeder kann sich an seinem Wohnort engagieren. Man kann auch einfach freundlich zu Obdachlosen sein. Man kann Veranstaltungen unterstützen, sich in die lokale Politik einmischen oder finanzielle Unterstützung leisten.

Angesichts der bevorstehenden Wahlen: Was würden Sie sich von der Politik wünschen?

Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, wir sind, speziell was Obdachlosigkeit angeht, auf dem richtigen Weg. Ich glaube, es muss mehr soziale Dienste für Menschen geben, die nicht genug besitzen, ob das nun Lebensmittel oder Geld für Studiengebühren sind. Das Thema der Gesundheitsversorgung ist riesig. Wir müssen vor allem mehr soziale Dienste haben, damit die Kluft zwischen wohlhabenden Menschen und denen, die nichts haben, nicht immer größer wird.

30. Juli 2020