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Antonello Venditti: Der Poet des Rock wurde 70

OOOM traf Italiens letzten großen Cantautori in Rom und feierte mit ihm seinen 70. Geburtstag. Antonelli Venditti sprach dabei über Frauen, die #MeToo-Debatte, italienische Politik, Trump, den Brexit, das Sterben – und warum er um ein Haar seinen runden Geburtstag nicht erlebte. Seine Musik und Texte wie „Bomba o non bomba“ oder „Buona Domenica“ berühren noch immer Millionen.

Christina Zappella-Kindel8. Mai 2019 No Comments
antonello venditti ooom magazine

Es gibt Musik, der man sich nicht entziehen kann. Sie trägt einen durch Stunden des Glücks, durch Momente der Verzweiflung, durch Phasen der Hoffnung. Und dann gibt es Texte, die voller Poesie sind, die das Herz berühren, selbst wenn man ihre Sprache nicht versteht. Antonello Venditti ist ein Künstler, der beides vermag. Seine Lieder prägten Generationen, seine Hits wie „Grazie Roma“, „Bomba o non bomba“ oder „Notte prima degli esami“ kann jeder Italiener vom Bambino bis zur Nonna mitsingen.

Nun ist Antonello Venditti – ausgerechnet am Weltfrauentag – 70 geworden und feierte mit einem 3 Stunden 37 Minuten langen Konzert im Palazzo dello Sport in Rom mit 11.000 Fans das Leben. Zucchero war als Gast dabei, auch der junge Rapper Ultimo. OOOM war bei Vendittis 70. Geburtstag vor Ort und erlebte einen Abend voller Emotionen. Im OOOM-Gespräch schildert der Ausnahmekünstler, warum er den Tag beinahe nicht erlebt hätte, er Italien für die kreative Lokomotive Europas hält und die #MeToo-Bewegung kein Thema für ihn ist.

Sie hätten um ein Haar Ihren 70. Geburtstag nicht erlebt. Ein Freund hat Ihr Leben gerettet. Was ist geschehen?

Bei den Proben am Tag vor dem Konzert hatten wir ein Catering für rund 100 Personen bestellt: die Band, die Crew, Gäste. Ich aß ein Stück Fleisch – und es blieb mir im Hals stecken. Ich wusste, was das bedeuten kann, da ich eine ähnliche Situation schon vor drei Jahren hatte. Du erstickst, wenn dir nicht sofort geholfen wird. Mein Freund Massimo, der neben mir stand und genau so einen Moment unglücklicherweise mal mit seiner Tante erlebt hatte, hat sofort den Heimlich-Griff angewendet (Anm.: eine lebensrettende Maßnahme, bei der der Helfer hinter der Person steht, ihren Oberbauch unterhalb der Rippen umfasst, dabei eine Faust bildet und diese ruckartig zu sich zieht; durch den dabei entstehenden Überdruck wird der Fremdkörper aus der Luftröhre befördert). Das Problem dabei ist, dass durch diesen Griff Verletzungen passieren können.

Haben Sie Schmerzen?

Ja, meine Rippen schmerzen noch und ich hätte wahrscheinlich nicht gleich wieder auf die Bühne gehen sollen. Ich wollte aber unbedingt singen. Das Adrenalin und meine Leidenschaft für die Musik haben den Schmerz besiegt.

Ihr Freund hat durch sein spontanes Eingreifen Ihr Leben gerettet?

Ja. Ich bin Massimo unendlich dankbar, dass er sofort reagiert hat. Normalerweise stehen alle hilflos herum und wissen nicht, was zu tun ist. Durch diesen Vorfall ist der Heimlich-Griff in Italien zum großen Thema geworden. Hoffentlich kann man dadurch in Zukunft Todesfälle vermeiden. Bitte informiert eure OOOM-Leser über diesen Griff – man kann leider so leicht und unsinnig sterben.

Hat dieser Vorfall Ihre Einstellung zum Leben verändert? Dieses Wissen, dass es jede Sekunde vorbei sein kann?

Ich schaue grundsätzlich immer nach vorne. Ich denke jetzt nicht darüber nach, was hätte sein können. Wir riskieren jeden Tag unser Leben. Über Leben und Tod entscheiden nicht wir. Ich zerbreche mir lieber den Kopf darüber, wie ich jeden Tag gut nütze.

Am 8. März, dem Weltfrauentag, feierten Sie Ihren 70. Geburtstag mit einem 3 Stunden 37 Minuten langen Konzert ohne Pause. Sie sind von einem Ende der Bühne zum anderen gelaufen, haben sich bewegt wie ein Dreißigjähriger. Wie halten Sie sich fit?

Eigentlich mache ich gar nichts, um mich fit zu halten, das ist sicher auch eine genetische Anlage. Weder mache ich spezielle Diäten noch besondere Fitnessübungen. Ich rauche auch viel. Es macht mir aber unglaublichen Spaß, auf der Bühne zu stehen, den Moment zu genießen, den das Leben uns schenkt. Momentan toure ich durch Italien und die Konzerte sind ausverkauft. Es ist schön, viel zu geben. Die meisten Besucher meiner Konzerte sind jung, maximal so um die 40. Mit der neuen Tour „Im Zeichen der Fische“ wollte ich auch wieder meine Generation zu den Konzerten holen.

Viele Menschen finden sich in Ihren Texten wieder. Bei Ihren Konzerten singen Tausende jede Zeile mit. An österreichischen Schulen wie dem Gymnasium Wasagasse in Wien lernen Kinder sogar Ihre Texte wie „Notte prima degli esami“ im Italienischunterricht. Wenn Sie ein neues Lied schreiben, ist Ihnen dabei eigentlich bewusst, wie vielen Millionen Menschen Sie aus der Seele sprechen?

Dass Kinder meine Texte an Wiener Schulen lernen, wusste ich nicht, es freut mich aber sehr. Italienisch ist eine wunderbare Sprache und voller Melodie und Nuancen. Die Menschen kommen zu meinen Konzerten und wissen genau, was sie erwarten wird: eine lange Erzählung meines Lebens, die gleichzeitig auch eine Erzählung vieler Leben ist.

Sie sind einer der großen Cantautori Italiens und haben die italienische Musik geprägt wie nur wenige andere Künstler. In Ihrem Konzert gedenken Sie Freunden, die bereits gegangen sind. Einer davon war Lucio Dalla.

Lucio, Fabrizio De André und ich haben uns alle in den frühen 1970er-Jahren kennengelernt und viele Konzerte zusammen gemacht. Wir waren alle eng befreundet und es verband uns nicht nur die Musik. Lucio und ich standen uns wirklich sehr nahe, nicht nur künstlerisch, auch menschlich.

Sterben die Cantautori aus?

Nein, sie verschwinden nicht. Es gibt unzählige wunderbare junge Cantautori. Vor allem in Rom hat sich da eine tolle Szene entwickelt. Da treffen sich junge Frauen und Männer, schreiben Texte, musizieren zusammen und sind anders, als wir damals waren. Eine neue Generation eben. Jedes Viertel in Rom hat fast seine eigene Sprache, vielleicht sollte ich die alle mal gemeinsam auf die Bühne bringen. Das wäre ein tolles Projekt, eine Welle, bei der ein neuer Sound entstehen kann. Wir leben in interessanten Zeiten für die Musik. Viel ist in unserer Welt stehen geblieben. In der angelsächsischen Musik zum Beispiel gibt es keine neuen Poeten wie Bob Dylan, Prince oder Michael Jackson. Italien ist, was die Kultur betrifft, immer sehr lebendig geblieben – die musikalische Lokomotive Europas.

Die#metoo-Debatte ist kein Thema für mich. Ich werde Frauen immer Komplimente machen.

Die #MeToo-Debatte hat den Umgang zwischen Männern und Frauen, besonders auch im Entertainment-Business, grundlegend verändert.

Das ist kein Thema für mich. Das Wichtigste im Leben ist für mich die Spontanität. Wenn jemand attraktiv auf mich wirkt, ist das ein magischer Moment, und deshalb werde ich Frauen immer Komplimente machen.

8. Mai 2019