Inspiration

Ari Nessel: Lebe den Moment

Ein spirituelles Erlebnis brachte den US-Immobilienentwickler Ari Nessel auf eine Reise, die sein Leben und das vieler Menschen verändern sollte. Der Investor und Philanthrop gründete „The Pollination Project“, das in über 100 Ländern Starthilfen an einzelne Menschen und nachhaltige Ein-Personen-Unternehmen zur Verwirklichung ihrer Ideen vergibt, und 50by40.org, eine Organisation, die bis 2040 eine 50-prozentige Reduzierung der globalen industriellen Fleisch­produktion erreichen möchte. In OOOM schildert Nessel, der vegan lebt, wie man sein Leben erfolgreich im Einklang mit seinen Werten leben kann.

CHRISTIANE SCHIEFER28. Mai 2021 No Comments

2013 haben Sie das „Pollination Project“ gegründet. Sie vergeben finanzielle Unterstützung an Menschen und nachhaltige Ein-Personen-Unternehmen und verhelfen so vielen zu einem Start ihrer Ideen.
Das größte Geschenk, das mir je gegeben wurde, ist, die Bedeutung und den Ausdruck meines Herzens und von Mitgefühl erkannt zu haben. Ich dachte: „Was wäre, wenn wir jeden Tag des Jahres eine Person finden und ihr helfen könnten, ihren Zweck des Dienens zu verwirklichen?“ Die Idee war, dass es viele Menschen gibt, die etwas Unterstützung benötigen, um eine Idee, eine Berufung, einen Gedanken zu verwirklichen. Wir haben dieses Projekt begonnen, um Menschen einzuladen, sich um Zuschüsse für alles zu bewerben, was sie ehrenamtlich tun, um das Mitgefühl in der Welt zu erweitern. Wir wollen, dass die Tätigkeit des Dienens für die Welt zu etwas wird, das zutiefst freudvoll und regenerativ ist.

Was ist „Heartivism“?
Heartivism ist eine Art des Seins, die persönliche Veränderung gegenüber gesellschaftlicher Veränderung beinhaltet. Heartivism ist das, was Sie tun. Sie tun es aus intrinsischer Motivation, Sie tun es, weil es inhärent sinnvoll und wertvoll ist. Es geht darum, ob Sie sich in der Welt so zeigen, wie Sie sich zeigen wollen. Auf diese Weise können Sie von Moment zu Moment Dankbarkeit und Zuversicht empfinden. Ein großartiger Artikel von Rachel Naomi Remen spricht über die Unterschiede zwischen Helfen, Reparieren und Dienen. Wenn wir helfen, sehen wir andere als schwach. Wenn wir reparieren, sehen wir andere als kaputt. Wenn wir dienen, sehen wir andere als ganz. Wenn jemand da ist, um Ihnen zu dienen, ist es so, als ob Sie gemeinsam gehen würden. Das ist die Idee des Heartivism, Menschen zu helfen, zu ihrer inneren Wahrheit zu finden, zu ihrem höchsten Seinszustand. Es ist der Fokus auf ihre Ganzheit, nicht auf ihre Gebrochenheit.

Werden wir in 50 Jahren kein Fleisch mehr essen?
Hundertprozentig. Freunde von mir haben eine Firma gegründet, die Fleisch verkauft, für das kein Tier getötet werden muss. Es werden die Zellen der Tiere entnommen, beispielsweise durch eine Hühnerfeder, und daraus kann Hühnerfleisch gezüchtet werden und es schmeckt gleich. Warum sollten wir nicht in diese Richtung gehen? Das ist der Weg, den ich für die Zukunft sehe.

Unsere Gesellschaft steht vor vielen Herausforderungen, es scheint, dass immer mehr Menschen sich selbst verlieren. Wie können wir uns selbst wiederfinden?
Durch Hinterfragen und Achtsamkeit. Im Buddhismus gibt es diese Lehre des Buddha: „Glaube nur das, was du nach gründlicher Untersuchung und direkter Erfahrung für gültig hältst.“ Das bedeutet also, Dinge zu testen, auszuprobieren. Das ist die Neugierde, das Hinterfragen. Und dann ist da noch die Präsenz der Aufmerksamkeit. Das ist das Bemerken von Wohlbefinden, von Momenten, wo es ein Gefühl von Leichtigkeit gibt. Wo Sie nicht mehr von Unzufriedenheit, Gier, Ärger, Bedauern überwältigt werden. Was geschieht dann? Man kann sich in diesen Momenten wiederfinden und sehen, was einen dabei unterstützt, an diesem Ort zu sein, der unser natürlicher Seinszustand ist, der friedlich, glücklich und verbunden ist. Eigentlich ist der Weg, sich selbst zu verlieren, der Weg, sich selbst zu finden. Wenn ich mich selbst verliere, entferne ich die Vorstellung von „Wer ich bin“ und somit fühlt sich mein Ego als Teil von allem, was mich umgibt. Dann wird Ihr Glück zu meinem Glück und Ihr Kummer zu einer Gelegenheit für mich zu dienen.

Was ist für Sie ein gutes Leben?
Der buddhistische Mönch Thích Nhất Hạnh sagt: „Der Zweck des Lebens ist es, die Illusion unserer eigenen Getrenntheit zu erkennen.“ Daher ist für mich ein gutes Leben, wo ich mich mehr und mehr mit dem Leben um mich herum vertraut und verbunden fühle. Wenn ich von diesem Ort aus auf das Leben reagiere, dann ist es ein gut gelebtes Leben.

28. Mai 2021