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Atil Kutoglu: „Erdogan ist ein sympathischer Mensch“

Der türkisch-österreichische Modedesigner Atil Kutoglu im OOOM-Interview über Präsident Erdogan, den Konflikt zwischen der Türkei und der EU - und warum das türkische Staatsoberhaupt den „Nerv einer großen Mehrheit“ getroffen hat.

Georg Kindel15. März 2017 No Comments
Fotos: Atil Kutoglu

Die Türkei gegen Europa. So könnte man die brisante Situation zusammenfassen, wenn man derzeit die Nachrichten verfolgt. Wie geht ein Designer zwischen beiden Kulturen und mit Kunden am Bosporus und an der Donau mit dieser Situation um?

Der türkische Modedesigner Atil Kutoglu, 48, der seit Jahrzehnten in Wien und Istanbul lebt und momentan rund zehn Tage pro Monat in Österreich und den Rest der Zeit in der Türkei verbringt, ist gespalten: „Die Situation macht mich sehr unglücklich. In der Türkei assoziieren mich alle mit Österreich und in Österreich mit der Türkei. Als Künstler, als Modedesigner und Intellektueller auf einem gewissen Niveau muss man das nicht so ernst nehmen. Ich denke an die Zukunft, dass wieder andere Zeiten kommen werden. Ich sehe weiterhin, dass die beiden Nationen so viele positive Sachen gemeinsam erreicht haben.“

„Weiterhin Geschäfte mit der Türkei“.

Von Beginn der Beitragsverhandlungen an war Kutoglu ein Freund der Einbindung der Türkei in die EU: „Ich bin ein großer Befürworter der Türkei als anstrebendes EU-Mitglied gewesen. Trotz des Attentats ist das Leben in Istanbul immer noch so lebendig, die Shopping Center sind voll, obwohl davor immer bewaffnete Polizisten stehen, aber das sieht man auch in Paris. Jedes Mal, wenn ich von Wien nach Istanbul zurückkomme sind Schlangen von Ausländern wie auf dem New Yorker JFK-Flughafen, die bei den Passkontrollen warten. Die Leute werden weiterhin Geschäfte machen wollen mit der Türkei.“

 

„Ich kenne Erdogan als sympathischen und humorvollen Menschen“.

Wie sieht er selbst den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der das Volk der Niederlande „Nazi-Nachkommen“ und „Faschisten“ nannte? Kann man da auf sein Land noch stolz sein? Oder muss man nicht zumindest den Kopf schütteln und das nüchtern kritisieren? „Ich kenne Präsident Erdogan persönlich noch aus seiner Zeit als Ministerpräsident. Ich kenne ihn ehrlich gesagt als sympathischen Menschen. Er war immer sehr spontan, humorvoll und respektvoll gegenüber allen Menschen in der Runde. Ich habe ihn damals mehrmals getroffen als österreichischer Türke, der Modedesigner ist, darunter auch in einer Delegation mit Österreichs damaligem Bundespräsidenten Heinz Fischer. Aber ich habe immer nur sehr kurze Zeit in seiner Anwesenheit erlebt. Die letzten zwei, drei Jahre habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ich habe auch eine Modenschau in der österreichischen Botschaft in Ankara gemacht, aber auch in der türkischen Botschaft in Wien an dem Tag, an dem ich das österreichische Ehrenkreuz von der damaligen Kulturministerin im Kulturministerium bekommen habe.“

„Er hat den Nerv einer großen Mehrheit getroffen“.

Sieht die türkische Bevölkerung Erdogan als Helden, während ganz Europa fassungslos ist? „Ja, da hat er wirklich den Nerv einer großen Mehrheit getroffen. Es scheint so zu sein, dass er mittlerweile wirklich fanatische Anhänger hat.“

Und wenn ein türkischer Abgeordnete, wie verschiedene österreichische Medien berichten, nun in Wien Erdogan-Kritikern mit einem „Kopfschuss“ gedroht haben soll, werden da nicht endgültig Grenzen überschritten? „Ja, das geht zu weit. Aber ich weiß nicht ob das alles so ist wie dargestellt in den Nachrichten. Die Situation ist leider Gottes aus der Kontrolle geraten.“

Trotzdem ist der Designer zuversichtlich: „Kunst kann auf jeden Fall Frieden stiften und verbindend sein.“ Bleibt zu hoffen, dass Präsident Erdogan das auch so sieht…

UPDATE der Story vom 16.03.2017, 13:30 Uhr
Atil Kutoglu hat gebeten richtigzustellen, dass er das österreichische Ehrenkreuz nicht in der türkischen Botschaft in Wien, sondern dem Kulturministerium erhalten hat, und zu ergänzen, dass er Präsident Erdogan u.a. als Mitglied einer Delegation mit Österreichs damaligem Bundespräsidenten Dr. Heinz Fischer getroffen hat. Diese beiden Änderungen wurden in die ursprüngliche Fassung eingefügt. Alle sonstigen Zitate seien korrekt wiedergegeben.

Atil Kutoglu: Frühjahrskollektion 2017