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Ayahuasca: Ein Trank für die spirituelle Revolution?

Das bitter-faulige Gebräu der Schamanen aus dem Amazonas-Gebiet hat seinen Weg nach Europa gefunden. Was kann Ayahuasca wirklich?

Gabriela Euler-Rolle14. Februar 2017 No Comments
  • Es fühlte sich so an, als würden Flüsse goldenen Lichts durch jeden Nerv meines Körpers fließen, säubernd und reinigend.
  • Ich war mit der Telefonleitung ins Paradies verbunden.
  • Eine große, überirdische Intelligenz breitete sich in mir aus.
  • Ich war Licht, Liebe und Vergebung.

Was so klingt wie die Schilderung einer ganzen Gruppe, die kollektiv dem Drogenrausch verfiel – ist es auch: Es sind die Erlebnisberichte von Menschen, die nach einem bestimmten Ritual Ayahuasca einnahmen, einen halluzinogenen Pflanzensud aus dem Amazonas, der sich immer mehr zur Modedroge entwickelt, psychische Blockaden lösen und sogar Krankheiten heilen soll. Es klingt verheißungsvoll, aber auch unglaubwürdig. Mit nur einem Ritual, das meist die ganze Nacht dauert, bekommt man angeblich ein „Therapie-Endziel“, für das andere Jahre der Behandlung benötigen, auf dem psychoaktiven Tablett serviert. Eine Fast-Food-Therapie gleichsam für die Probleme, die man mit sich selbst haben kann. Runter mit dem bitter und unangenehm schmeckenden Trank, und schon naht die Erleuchtung?

Die psychoaktive Bewusstseinsinfusion aus dem peruanischen Urwald soll weit mehr als eine Droge sein, aber deren Einnahme auch nicht unriskant. „Ayahuasca kann dich zwar nach nur Stunden dort hinschießen, wo du nach Jahren Therapie hinkommst, trotzdem aber bekommt man nichts geschenkt“, davon ist Stefan F., 41, der seit seinem Aufenthalt in Peru vor drei Jahren regelmäßig Ayahuasca einnimmt, überzeugt: „Es würde niemandem einfallen, Ayahuasca einfach zu Hause zum Spaß zu nehmen. Das ist nicht lustig. Es schmeckt auch nicht gut und ist auch von der Wirkung her heftig. Es kann dich zwar in eine andere Dimension bringen, aber es kann dir auch richtig, richtig beschissen danach gehen. Tiefste Ängste, entsetzliche Geschichten, furchtbare Visionen.“

Ayahuasca ist eine Droge, die bei Menschen, die es ausprobiert haben, unterschiedliche Reaktionen hervorrief. Bei manchen folgten auf die Einnahme Angzustände und dramatische Halluzinationen. Warum also boomt Ayahuasca dann trotzdem in der westlichen Welt?

Spirituelle Revolution.

Es ist vielleicht die Sinnsuche einer westlichen Gesellschaft, die zu verstehen glaubt, dass es mehr geben muss als zu arbeiten, um zu konsumieren, um dann noch mehr zu arbeiten und noch mehr zu konsumieren. Eine Gesellschaft, die zu spüren beginnt, dass es neben der Lebensrealität, die hier gelebt wird, auch noch eine andere Realität geben muss.

Suche nach Heilung und dem Sinn des Lebens.

Es gibt eine Bewegung, die ihre Hoffnung in Ayahuas­ca setzt. Eine spirituelle Revolution, die angeblich vom Amazonasgebiet aus in Gang gesetzt wurde, um die westliche Welt zu bekehren. Die Idee dahinter: Wenn viele Menschen diese bewusstseinsverändernden Erfahrungen machen, könnte die Welt zu einer besseren werden. Schamanische Heiler aus dem Urwald versuchen, Menschen mit dem bitteren Saft zu bekehren: „Ihr im Westen habt den Kontakt zu eurer Spiritualität abgebrochen. Bis diese wieder hergestellt ist, wird euer Kartenhaus zerbrechen. Trinkt bald!“, so der Aufruf eines peruanischen Schamanen, der auch in der Schweiz und Österreich nächtliche Ayahuasca-Rituale anbietet.

Es ist unmöglich, durch die Einnahme von Ayahuasca nicht verändert zu sein. Davon ist auch Stefan aus Wien überzeugt: „Selbst wenn du Ayahuasca nur ein-, zweimal eingenommen hast, hast du trotzdem einmal über den Tellerrand geschaut und weißt, dass da noch mehr ist.“

Hollywood-Droge. Von der spirituellen Infusion mittels Ayahuasca berichten mittlerweile auch zahlreiche Hollywood-Promis. Lindsay Lohan beispielsweise, die durch die Indianerdroge versuchen möchte, ihre „inneren Dämonen“ in den Griff zu bekommen: „Mein Gehirn hat nicht mehr aufgehört zu denken, es war wie sterben und wiedergeboren zu werden.“ Oder Sting, der als Vorreiter der Bewegung schon vor 20 Jahren im brasilianischen Urwald mit Ayahuasca in Berührung kam: „Ich fühlte mich mit dem Universum verbunden. Ich sah auf den Boden neben mir und sah diese Blume. Sie ist mein Bruder. Es war die erste tief­religiöse Erfahrung meines Lebens. Ich war mit Gott verbunden, einer höheren Intelligenz, die definitiv vorhanden ist.“

Der brasilianische Künstler Ernesto Neto formt seit einer Ayahuasca-Erfahrung vor drei Jahren mit dem indigenen Volk der Huni Kui ganze Bilderwelten, von denen Ayahuasca-Fans schwören: „So schauen meine Trips aus!“