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Ayahuasca: Ein Trank für die spirituelle Revolution?

Das bitter-faulige Gebräu der Schamanen aus dem Amazonas-Gebiet hat seinen Weg nach Europa gefunden. Was kann Ayahuasca wirklich?

Gabriela Euler-Rolle14. Februar 2017 No Comments

Der brasilianische Künstler Ernesto Neto ließ sich für seine Kunst von Ayahuasca-Erlebnissen inspirieren. Elastische Nylonschläuche – gefüllt mit Materialien wie Sand, Gewürzen, Glasperlen, Blei- und Styroporkugeln – streben, von der Gravitation angezogen, vertikal zu Boden.

Auch Miley Cyrus schwärmt im Interview mit der „New York Times“ von ihrem psychedelischen Genesungstrip: „Ich halte Ayahuasca für heilend. Ich liebe, was diese Droge mit mir gemacht hat. Wir alle denken, dass wir gute Menschen sind, aber ich wollte das wirklich in meiner tiefsten Seele spüren. Ich wollte herausfinden, ob es wirklich stimmt. Bin ich wirklich die Person, von der ich glaube, sie zu sein?“

Dämonen. Plötzlich wollen es in New Yorks Szene alle „irgendwann, besser möglichst bald, unbedingt mal ausprobieren“. Wer das Erlebnis schon hinter sich hat, erzählt meist von „Dämonen“, die er während des Trips „bekämpft und besiegt“ hat. Von vergessenen Selbstzweifeln, die in Form von farbigen Mustern aufgetaucht und dann endgültig verschwunden seien. Und von dem Wahnsinnsgefühl am Tag danach und der inneren Gewissheit, plötzlich ein spirituellerer Mensch zu sein. Dass der „Bewusstseinssprung“ allerdings tatsächlich unmittelbar bevorsteht, scheint für den 41-jährigen Wiener Stefan, der mit dem Hype um die „Bewusst­seinsinfusion“ nichts zu tun haben will, allerdings fraglich. Für ihn ist Ayahuas­ca heilig: „Es geht um die tatsächliche Wirklichkeit, nicht das, was wir als unsere Realität gespeichert haben, sondern um ein Aufmachen. Es ist notwendig, an keinen Konzepten mehr festzuhalten und bereit zu sein, alles zu erfahren und zu erleben.“

Was das genau heißen soll und was in unserem Gehirn bei der Einnahme von Ayahuasca passiert, versucht Pharmakologe und Neuro­psychologe Dr. Jordi Reba, der früher für das Sant Paul Hospital in Barcelona forschte und sich seit 20 Jahren mit dem Trank aus dem Dschungel beschäftigt, zu verdeutlichen: „Ayahuasca hyperaktiviert den Neocortex, jenes Gebiet im Hirn, das uns menschlich macht. Das ist das Hirn­areal, mit dem wir unsere Entscheidungen begründen und sie auch treffen. Ayahuasca aktiviert auch Areale wie unseren Amygdala, den Mandelkern. Das ist quasi der Speicherplatz für unsere frühen Erinnerungen, speziell für traumatische Erlebnisse, wie zum Beispiel den Verlust eines Elternteils.“ Außerdem, so Jordi Riba, „aktiviert Ayahuasca die Insula, ein Areal, das man dafür verantwortlich macht, zwischen unseren Emotionen und unseren Entscheidungen eine Brücke zu schlagen“. Unsere Entscheidungsprozesse haben nämlich eine ganz starke emotionale Komponente, so der Neuropsychologe: „Wenn das Hirn mit einer Situation konfrontiert wird, versucht es zu verstehen, indem es sich dafür vergangene Erfahrungen als Beispiel hernimmt. Traumatische und intensive Erfahrungen zum Beispiel.“

Festplatte gelöscht. Beispiel Hundeangst. Wurden wir einmal von einem Hund attackiert, nimmt unser Hirn diese Erfahrung und setzt diesen Hund mit allen Hunden gleich, was dann zu einer generellen Hundeangst führen kann. Womöglich reagieren wir schon ängstlich auf ein entferntes Bellen. Was der aktive Wirkstoff DMT, der in Ayahuasca enthalten ist, nämlich machen soll, ist unser Hirn derart zu hyperaktiveren, dass diese alten neuronalen Verhaltensmuster überschrieben werden. Festplatte gelöscht, Speicherplatz frei. Hunde werden dann zum Beispiel plötzlich nicht mehr gefürchtet, weil die neuen Erinnerungen die alten Erfahrungen relativieren. In Dr. Rebas Ayahuas­ca-Studien beschreiben Konsumenten diesen typisch neuen Blick auf verankerte Verhaltensmuster. Ganz schön viel Erwartungshaltung an diese „Liane der Geister“.

Was ist Ayahuasca? Was aber ist dieses amazonische Pflanzengetränk überhaupt, das fähig ist, veränderte Bewusstseinszustände hervorzurufen? Der Hauptbestandteil des Dschungeltees ist eine alkaloidhaltige Rebe (Banisteriopsis caapi), die von den Shipibo-Indianern Perus Ayahuasca genannt wird, was so viel bedeutet wie „Seelenwein“ oder „Rebe mit Seele“. In Lianenform wächst sie im südamerikanischen Urwald und wird wie eine Heilige von den indigenen Völkern Südamerikas gehegt. Sie darf laut schamanischen Heilern keinem Fremden gezeigt werden, sonst verliert sie ihre Wirkung. Die Blätter der Lilienart Chacruna (Psychotria viridis) oder Chaliponga (Diplopterys cabrerana) werden gemischt. Je nach Ritual kommt dann Tabak oder kommen manchmal sogar Kokainblätter dazu. Dann wird das himmlisch-teuflische Gebräu 32 Stunden lang auf offenem Feuer geköchelt, bis ein dunkelbrauner Sud entsteht.

14. Februar 2017