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Das Digital-Detox-Experiment

Jede Sekunde werden weltweit 2,9 Millionen E-Mails verschickt. Jede Minute werden 500 Stunden Content auf Youtube hochgeladen. Täglich landen 50 Millionen Tweets im Netz und mehr als eine Milliarde Videos auf TikTok. Ziemlich irre diese Zahlen. OOOM-Redakteurin Ela Euler-Rolle begab sich in den Bergen von Bad Gastein auf ein Selbst-Experiment. Vier Tage ohne jede digitale Ablenkung.

Ela Euler-Rolle1. März 2022 No Comments

No Risk, no Fun. Nach diesem Motto versuche ich seit einiger Zeit zu leben. Wie soll ich wissen, wie sich etwas anfühlt, wenn ich es noch nie ausprobiert habe? Deshalb begebe ich mich auf ein neues Abenteuer. Ein Digital-Detox-Retreat in den Bergen von Bad Gastein. Natur statt Unterhaltung, Innehalten statt Ablenkung, Wahrnehmen statt Überflutung. Ich mache ein Digital-Detox-Experiment. Zumindest mal für vier Tage. Unser Trainer ist Ben Lucas, 30. Nach einer klassischen englischen Erfolgskarriere war der blonde Brite schon mit 22 Jahren ausgebrannt. Eliteschule, Elite-Uni, Jurastudium, alles in Rekordzeit und mit Bestnoten. Leader im Rugby-Team, Sieger diverser Bodybuilding-Wettbewerbe, engagiert von der renommierten Investment- Bank Goldman Sachs, gutaussehend – und am Ende. Angewidert von der gesellschaftlichen Bewunderung seines Karriere-Wegs und seinen angesammelten Erfolgs-Trophäen entschied sich Ben damals, ein vierzehntägiges Retreat in absoluter Stille zu besuchen.

Für ihn war es jene Stille, die ihn zum Moment des Erwachens geführt hat. Seither möchte Ben seine Erfahrungen weitergeben, um anderen das gleiche Erleben zukommen zu lassen. Deshalb sitze ich jetzt hier im herrlichen Ambiente von Bad Gastein im vermutlich hippsten Hotel der Stadt, dem Selina.

Vier Tage kalter Entzug. Kein Handy, keine Medien, nicht miteinander sprechen.

Damit uns die Medienentzugskeule nicht so heftig trifft, hat Ben ein straffes Programm zusammengestellt: 5 Uhr Früh, der Wecker läutet. Draußen ist es noch dunkel. Um Punkt 5.45 trifft sich die Detox-Truppe vor dem Hotel. Still nicken wir einander zu und stapfen schweigend zur Yoga Plattform mitten im Wald für unsere ersten zwei Stunden QiGong. Was wir alle nicht bedacht hatten: Ben ist eine Kampfsportmaschine. Nach seiner Nebenkarriere als Bodybuilder und seinem Prozess des Erwachens in dem Schweige-Seminar folgten nicht nur hunderte weitere Seminare, sondern auch tausende an Hardcore-Training, Meditation und Stärkung seiner Willenskraft durch Shaolin-Mönche.

Worauf habe ich mich da eingelassen? Meine Beine zittern, meine Hüfte schmerzt, meine Durchblutung ist auf Hochtouren.
Ursprünglich dachte ich eigentlich, ich sei trainiert, so schnell kann das Selbstbild zerfallen. Endlich faltet Ben seine Hände zur Schlusspose. Ein sanftes Lächeln ist im Gesicht meiner QiGong- Nachbarin zu erkennen. Dieses Lächeln gibt mir Mut. Bin ich etwa nicht die Einzige, die ihren Fitness-Level hinterfragt? Wir stapfen im Gänsemarsch durch den Wald. Es ist kalt. Ben geht zielstrebig auf den eisigen Fluss zu, zögert nicht lange und zieht sich aus. Die Gasteiner Ache wartet auf uns. Diesmal fühle ich mich überlegen. Immerhin habe ich mich jeden Morgen, den ganzen Herbst hindurch, gleich nach dem Aufstehen, in den kalten Pool geschmissen. Ich steige unbeeindruckt in den kalten Fluss, ganze fünf Minuten lang. Meine Haut ist knallrot.

Ich spüre nichts mehr. Klatschnass und nur im Bikini bekleidet, steigen wir aus der Ache. Ich spüre nichts mehr. Kein Schmerz, keinen Wind, auch nicht die spitzen Steine auf dem Weg zu der natürlichen Radon-Quelle mitten im Wald, die bei den Einheimischen bekannt ist, aber unter Touristen als Geheimtipp gehandelt wird. Ich versuche mich zu entspannen. Obwohl ich im 35 Grad warmen Wasser sitze, schüttet es mich vor Kälte. Es war nicht das Eiswasser, das mir zu schaffen gemacht hat, jetzt erst spüre ich die Kälte in meinen Gliedern. Ich versuche an nichts zu denken. Je mehr ich mich in den Widerstand begebe, desto kälter wird mir, desto mehr schüttelt es mich. Ich sage nichts, ich zittere nicht, ich lasse los. Plötzlich erlange ich einen Zustand, der mich erstmals die wohlige Wärme des Wassers spüren lässt. Meine Gedanken sind ruhig, innere Ruhe setzt ein, die Zeit steht still.

1. März 2022