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Das Digital-Detox-Experiment

Jede Sekunde werden weltweit 2,9 Millionen E-Mails verschickt. Jede Minute werden 500 Stunden Content auf Youtube hochgeladen. Täglich landen 50 Millionen Tweets im Netz und mehr als eine Milliarde Videos auf TikTok. Ziemlich irre diese Zahlen. OOOM-Redakteurin Ela Euler-Rolle begab sich in den Bergen von Bad Gastein auf ein Selbst-Experiment. Vier Tage ohne jede digitale Ablenkung.

Ela Euler-Rolle1. März 2022 No Comments

Nur mal kurz aufdrehen? Nach einem Zwei-Stunden-Hike auf die Berge von Bad Gastein und der gemeinsamen Reflexionsarbeit zu Mittag werde ich erstmals unruhig. Bis in die Fingerspitzen spüre ich eine innere Angespanntheit. Es ist 14 Uhr, in meiner Magengrube macht sich ein Gefühl von Nervosität breit. Wir haben jetzt eineinhalb Stunden Mittagspause. Mein Mobiltelefon liegt auf dem Nachtkästchen und starrt mich an. Nur mal kurz aufdrehen? Vielleicht einfach kurz nachsehen, ob alles in Ordnung ist zuhause.
Ich lege mich aufs Bett. Ich bin müde, ich spüre eine Schwere in meinen Beinen. Und plötzlich ist es da: dieses Verlangen nach scheinbar virtueller Connection. Hat mich wer vermisst, werde ich gebraucht, habe ich etwas verpasst? Noch widerstehe ich. Ich spüre, wie mein Geist in Rekordgeschwindigkeit Strategien und Ausreden entwickelt. „Vielleicht ist zuhause eingebrochen worden, vielleicht ist meine Tochter krank, vielleicht geht es meiner Mutter nicht gut und sie ist gestürzt.“ Je stärker ich mich auf diese Gedanken einlasse, desto realer werden sie. Es rumort in meiner Magengrube. Meine Augen schweifen durch den Raum. Die Aussicht auf die Berge von Bad Gastein ist wunderschön.
Musik ist erlaubt, oder? Nur ganz kurz das WLAN einschalten und mir eine Playlist von Spotify runterladen. Ist Musik Ablenkung? Kommt darauf an, wie man sie konsumiert. Sich einfach nur einlassen auf den Sound, ohne auf den Text zu hören. Kein Telefon und keine Messages, das war doch das Credo. Ich swipe den WLAN Button nach rechts. Ping, ping, ping, ping … ganze 9 Mal. Fuck! Mein Telefon ist gerade mal acht Stunden offline und mir springen 12 neue WhatsApp-Messages entgegen. Ich sehe nicht, wer mich angeschrieben hat, aber es ist eindeutig: Es muss etwas passiert sein.

Es ist ein Notfall! Ich tippe auf WhatsApp. Ich schäme mich und gleichzeitig fühle ich mich erleichtert. 11 Messages von meiner Pilates- Gruppe und meine Putzfrau hat mich gebeten, für ihren nächsten Einsatz Glasreiniger zu besorgen. „Die Freiheit im Körper finden und der Geist wird ihm folgen“, so erklärt Ben das Prinzip des „Five Rhythms Dance“. Nach meinem Nachmittagsnap stehe ich jetzt mit meinen Digital-Detox-Kumpaninnen im Halbkreis in unserem Seminarraum. Über die Wände ranken sich die Malereien des brasilianischen Künstlers Maurie. Es ist ein Wesen mit Medusa-Haarpracht, eingebettet in goldene Blätter, das mich mit geheimnisvollem Blick ansieht. Die Malereien auf der Wand, der Beat der Musik und mein Körper werden eins. Intuitiv bewegt er sich nach dem Sound: Zuerst wiege ich mich zu den sanften Tönen klassischer Musik, dann kriechen wir zu mystischen Klängen wie Tiere am Boden und kurze Zeit später stampfen wir uns zu donnernden Beats die Seele aus dem Leib. Durch die ständige Ablenkung, der wir täglich ausgesetzt sind, haben wir verlernt, auf unseren Körper zu hören. Dieses zarte Stimmchen gerät in Vergessenheit. Es ist Zeit, uns wieder mit ihm zu verbinden und das bevor uns eine Krankheit das Stopp- Zeichen vors Gesicht hält. Erschöpft aber vollgepumpt mit Endorphinen legen wir uns auf die Schaf-Felle, die am Boden ausgebreitet sind. Eine wohlige Wärme breitet sich in mir aus. Satt und schwer fügt sich mein Körper in die Unterlage.

Ich fühle mich frei. Ich fühle mich gut. Richtig gut. In mir ist das Bild eines stillen Ozeans. Ohne Wind und ohne Wellen ist das Meer satt und still.

So ist unser Geist, wenn er nicht durch unser Ego getrieben ständig auf der Suche nach Anerkennung, Ablenkung und Bestätigung ist. Bei der Meditation geht es um diesen Urzustand. Keine Wellen, kein Wind. Den Geist beruhigen, um zu spüren, was da
ist, wenn es die Ablenkung nicht mehr gibt. Ich versinke in unsere Abendmeditation. Es ist gut so, wie es ist. Ich bin hier. Ich bin.

Ben Lucas lädt im Frühling zum Digital Detox ins Selina nach Bad Gastein. 6.–13. Mai und 13.–16. Mai.
www.selina.com

1. März 2022