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Bed Time Stories – Ein intimer Einblick in das Leben einer Prostituierten

Linda, 46, hat sich mit Anfang zwanzig für diesen Weg entschieden und ist nun seit bald 30 Jahren Prostituierte. „Eine glückliche“, wie sie betont. Andere Jobs hat sie zwischendurch viele gemacht. Das Leben, das sie als Prostituierte führt, würde sie aber trotzdem nie tauschen wollen.

Jessica Schreckenfuchs16. Mai 2017 No Comments

Linda im OOOM- Gespräch mit Redakteurin Jessica Jane Schreckenfuchs.

Eva van Rahden, Leiterin des Projekts „SOPHIE BildungsRaum für Prostituierte“ der Volkshilfe Wien, das als Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen dient, weiß, wovon Linda spricht: „Es kursieren sehr viele Zahlen. Wir haben einzelne Fälle von Opfern von Menschenhandel, von Gewalt, von Unfreiwilligkeit. Die Frauen, die damit zu uns gekommen sind, haben auch sofort Schritte gesetzt, um damit aufzuhören. Aber die Mehrzahl der Frauen, die wir in Betreuung haben, sehen für sich keine andere Möglichkeit, das Geld, das sie gerne verdienen möchten, zu verdienen. Es ist immer noch so, dass viele Frauen, die niedriger qualifiziert sind oder nicht über genügend Sprachkompetenzen verfügen, um in anderen Bereichen tätig zu sein, dies als eine realistische Option sehen, in der Prostitution Geld zu verdienen.“

Stigma Prostituierte. Es ist schon erstaunlich, mit welchen Gedanken und Bildern Prostitution in unseren Köpfen assoziiert wird. Es ist dieses Schmuddelimage, das immer wieder in den Köpfen der Gesellschaft hochkommt, gepaart mit „Wie kann man diesen Job nur machen?“ und einer gewissen Portion „Dort landet man nur als Drogenjunkie“. Die einen sprechen von Menschenhandel und Zwangsarbeit. Manche andere sogar von Gewalt, Brutalität und Ekel. All das gibt es ohne Zweifel. Für Linda sind es trotzdem nur Klischees: „Über die Prostitution sagt man oft: Die Frauen verkaufen ihren Körper! Das gilt aber nicht für alle. Mir fehlt weder ein Finger noch sonst etwas, wenn der Kunde geht. Was ich verkauft habe, war eine Dienstleistung und mein Wissen: von der Gesprächsführung bis zum Höhepunkt.“

Der Verdienst kann in der Sexarbeit sehr gut sein und stark variieren. Das weiß auch Linda: „Es gibt Frauen, die sehr einfach strukturiert sind – Analphabetinnen etwa – die um einiges weniger verdienen als eine Frau, die gebildet ist, weil sie automatisch eine andere Kundschaft anzieht.“

Erfahrungen sammeln und austauschen. Die Sexarbeit bietet ein breites Spek­trum an Arbeitsbereichen. Langweilig wird Linda dabei nicht: „Ich habe in vielen Bereichen gearbeitet, von Kabinensex bis High-Class-Escort. Das variiert auch preislich. Bei Kabinensex verdient man 25 Euro für eine Handentspannung, im High-Class-Escort sind es 800 Euro. Das Spannende ist, dass komplett unterschiedliche Typen von Menschen kommen. Von manchen Kunden kann man immer wieder etwas lernen. Und man selbst kann dem Kunden wiederum auch einiges beibringen.“ Linda hat eine klare Message an ihre Kunden: „Genieße und lerne!“ Sie stellt keine Forderungen. Bei ihr müssen Männer nichts leisten. „Sie können vieles ausprobieren und nutzen diese Gelegenheit auch. Wer weiß, wann sich dieser Moment wieder anbietet“, sagt Linda. Es komme nicht selten vor, dass Männer um die Vierzig noch nie eine nackte Frau gesehen, geschweige denn sexuelle Erfahrungen gesammelt haben. Manche Männer hätten nur eine bestimmte Vorstellung von Sex, die sie aus Pornofilmen kennen. Oft wären diese Männer aber sehr schüchtern und das erlaubt ihnen erst gar nicht, eine Frau kennenzulernen.

Für Linda ist es wichtig, den Beruf, den man ausübt, auch zu lieben und zu schätzen, egal welcher das ist. Das betrifft auch ihre Kundschaft. Optik spielt für sie dabei keine Rolle: „Ich lehne prinzipiell keinen Kunden ab, weil ich gelernt habe Menschen nicht zu bewerten. Ich nehme ihn so an, wie er ist, mit allem, was er hat oder nicht hat.“ Was sie ablehnt sind Sexualpraktiken, die sie selber nicht anbieten möchte. Für sie gibt es nur zwei Gründe, warum sie aufhören würde: „Wenn ich nicht mehr genug Geld für meinen Lebensunterhalt verdienen würde und wenn ich etwas anbieten müsste, das ich nicht möchte, wie zum Beispiel Sex ohne Kondom. Das kommt für mich nicht infrage.“
Zuneigung & Wärme. In der heutigen schnelllebigen Zeit kommen Zuneigung und Aufmerksamkeit oft zu kurz. Das bekommt auch Linda stark zu spüren: „Wenn ich meinen Kunden Zuneigung, Wärme, Nähe und Interesse, eingebettet in eine Massage, entgegenbringe, meinen diese oft, das sei besser als Sex. Ich würde nicht sagen ‚besser‘, aber es ist definitiv eine Erweiterung, eine andere Möglichkeit und eine neue Erfahrung, die meine Kunden sehr schätzen.“

16. Mai 2017