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Bed Time Stories – Ein intimer Einblick in das Leben einer Prostituierten

Linda, 46, hat sich mit Anfang zwanzig für diesen Weg entschieden und ist nun seit bald 30 Jahren Prostituierte. „Eine glückliche“, wie sie betont. Andere Jobs hat sie zwischendurch viele gemacht. Das Leben, das sie als Prostituierte führt, würde sie aber trotzdem nie tauschen wollen.

Jessica Schreckenfuchs16. Mai 2017 No Comments

Das Pretty-Woman-Phänomen. Dass sich Linda in jemanden verliebt, gibt es nicht. Dass sich ein Kunde in sie verliebt, passiert hin und wieder. Linda geht damit ganz offen um: „Ich sage klipp und klar, dass ich nicht zu haben bin, auch wenn das schwierig ist. Als ich Single war, haben meine Freundinnen oft gesagt, dass ich mir jeden beliebigen Mann aussuchen könnte. Nur ist meine Arbeit nicht mein Jagdrevier.“
Dass ihre Partner ihren Beruf akzeptiert haben, war nicht immer der Fall: „Das Thema Outing ist immer schwierig. Wann ist der richtige Zeitpunkt? Gebe ich dem Mann zuerst die Chance, mich kennenzulernen, und oute mich erst später? Man will ja seine Beziehung nicht auf einer Lüge aufbauen.“

Linda hat in ihrem Leben schon genug Ablehnung von Ex-Partnern erfahren und kennt auch die Kehrseite des Sexbusiness, Kränkungen und Beleidigungen inklusive. Auch einen Raubüberfall in Kombination mit Sexarbeit hat sie erlebt: „Der Kunde hat mich bezahlt, weil die Dienstleistung vollzogen war. Dann hat er mich niedergeschlagen und ausgeraubt. Das gehört auch zum Job. Im Unterbewusstsein weißt du, dass es ein risikoreicher Beruf ist“, erzählt die 46-Jährige.

Eifersucht. Linda hat in ihrer Beziehung klare Regeln aufgestellt. Bestimmte Praktiken gibt es nur zu Hause. Daran hält sie sich. Die Regeln gelten für beide: „Er hat jetzt keinen Freibrief, aber wenn er eine Frau sieht, die ihm gefällt, dann sage ich: ‚Ja tu das, aber nur mit Kondom‘. Er ist ja nicht alleine. Ich bin auch noch da“, sagt Linda. Linda hat die Sexarbeit entweder hauptberuflich oder nebenberuflich gemacht: „Je nachdem, wie das Leben gerade so spielt. Ich war schon mal als Verkäuferin beim Hofer, beim Interspar, auf einer Sprachschule, ich habe gekellnert und war auch viele Jahre bei ‚Sophie’ als Beraterin tätig. Ich habe neben der Sexarbeit immer etwas anderes gemacht, weil mir die sozialen Kontakte sehr wichtig waren. Wenn man nur in der Sexarbeit tätig ist, hat man ein sehr eingeschränktes Umfeld, wenn man kein kommunikativer Typ ist, der jeden Tag neue Leute kennenlernt. Dann bleiben neue Kontakte ziemlich aus“, erzählt sie.

Über das Berufsfeld der Prostituierten macht sich Linda natürlich ihre Gedanken. Sie findet es schade, wie sich Frauen in der Sexarbeit oftmals behandeln lassen. Männer, die Frauen beim Preis herunterhandeln wollen oder sie generell abwertend behandeln und dadurch nicht nur dem Ansehen der Sexarbeiterinnen, sondern dem der Frauen schaden, lehnt sie ab: „Ich bin keine Feministin, aber ich bin eine Frau. Und es gab Frauen, die dafür gekämpft haben, dass wir denselben Status bekommen wie Männer, dass wir nicht zu Hause beim Herd sitzen oder Ziegen hüten. Sondern, dass wir selbstbestimmt arbeiten können und eine gefestigte Position in der Gesellschaft haben. In der letzten Zeit leidet das sehr – und das ist sehr, sehr schade.“

 

Fotos: Marie-Theres Madani

16. Mai 2017