MagazinTop Stories

Big in New York: 20 Jahre „Sex and the City“

Er ist das Gesicht New Yorks: Kein anderer TV-Star spielte in mehr New Yorker Serien mit wie Chris Noth. Zum 20. Jubiläum von „Sex and the City“ erzählt er in OOOM über seine Karriere, seine turbulente Jugend, Erfolg und Fluch der Kultserie und den politischen Untergang Amerikas.

Herbert Bauernebel12. Juni 2018 No Comments

Der Maßanzug sitzt perfekt. Chris greift zum letzten Outfit für den OOOM-Fotografen. Er wechselt das Hemd, sein Maßanzug sitzt perfekt. Und in der Sekunde kehrt er zur gewohnten, beeindruckenden Körperhaltung zurück, wie er sie als Mr. Big und Peter Florrick perfektionierte.

Dabei musste Noth im Big Apple durch seine härtesten Jahre, als er als einer von Tausenden hoffnungsfrohen Schauspielanwärtern am Anfang seiner Karriere einen täglichen Kampf ums Überleben zu führen hatte. Er lebte in einem „Kellerloch“, erzählt er entspannt zurückgelehnt am Sofa, die  Beine ausgestreckt auf dem Tisch. Die einseitige Ernährung mit billigem Fastfood machte ihn fast krank, mit Mädchen war es – derart mittellos – auch nicht „ganz so einfach“, muss er heute darüber grinsen. Aber entschlossen sei er gewesen: „Ich hatte diesen Traum, Schauspieler zu werden!”

Nichts konnte ihn aufhalten. Und er erfüllte sich schließlich seinen Traum.

Sein Vater starb, als er zwölf war. Noth kam in Madison im US-Staat Michigan auf die Welt, seine Mutter Jeanne L. Parr war während ihrer Karriere als renommierte CBS-Korrespondentin ständig auf Achse, sein Vater, ein Versicherungsverkäufer, starb bei einem Verkehrsunfall, als Chris zwölf Jahre alt war. Während seiner Kindheit kam er mit seiner Mutter in der ganzen Welt herum: Die vielen Reisen führten nach Großbritannien, Spanien und die damalige Tschechoslowakei.

Als Teenager verbrachte er „ein paar wirklich wilde Jahre”, wie er sagt, in Connecticut nahe New York, dann zog er kurzfristig nach Kalifornien. Nach der Rückkehr in den Big Apple und einigen „Hungerjahren” kam der Durchbruch, als Noth in die „Yale School of Drama” aufgenommen wurde. Dort hatte er vielfältige Rollen in 25 Theaterstücken. Zu seinen Schauspiellehrern zählte die Legende Sanford „Sandy” Meisner, der mit Lee Strasberg das Group Theatre gründete und es mit experimentellen, aber effektiven Lehrmethoden zum Weltruhm brachte (seine Methoden heißen heute noch „Meisner-Techniken”).

Es ging ab wie eine Rakete. Langsam kam Noths Karriere in Fahrt: Zunächst gab es kleine Nebenrollen in den Filmen „Smithereens“ (1982) und „Baby Boom“ (1987), bevor er seine erste Hauptrolle in dem indonesischen Low-Budget-Streifen „Peluru dan Wanita“ („Kugeln & Frauen“) bekam. Dann kam das Angebot für die TV-Erfolgsserie „Law & Order“ und schließlich für die HBO-Serie „Sex and the City“. „Das ging richtig ab”, sagt Noth heute: „Wie eine Rakete!”

Er blickt ein wenig nachdenklich aus dem Fenster, sieht in der Ferne den Central Park und schüttelt den Kopf: 20 Jahre schon sei es her, als die Serie ihr Debüt feierte: „Die Zeit vergeht.“ Der Ruhm wurde aber auch zum Fluch, nachdem Noth fortan fast nur mehr als „Mr. Big” wahrgenommen wurde, was einige Regisseure vor weiteren Projekten abschreckte, wie er offen zugibt. Nach „Sex and the City” folgten Rollen in „Criminal Intent“ und an der Seite von Julianna Margulies in der CBS-Serie „The Good Wife“. Zuletzt brillierte Noth in der Netflix-Dokumentation „Manhunt: Unabomber”. Seine letzte Serie „Gone“, in der er als FBI-Agent Frank Booth mit Schnauzer nach vermissten Personen fahndet, endete nach der ersten Staffel.

Pulsierende Stadt. Auch die Werbeindustrie setzt auf den Charme von Noth: Für eine Internet-Suchmaschine für Ferienwohnungen, HomeToGo.com, drehte er mehrere Werbespots, in denen er seine Erinnerungen an New York teilt und seine Lieblingsorte präsentiert. In einem Spot blickt er zurück: „Als ich zum ersten Mal nach New York kam, fuhr ich vom Flughafen in Richtung des Midtown Tunnel – und da liegt die Stadt vor dir. Sie pulsiert, dein Herzschlag wird schneller – du möchtest einfach ein Teil davon sein.”

Heute lebt Noth mit seiner Familie, der Schauspielerin Tara Lynn Wilson und seinem zehnjährigen Sohn Orion, in einem Vorort der kalifornischen Metropole Los Angeles. Es sei einfach ruhiger dort, findet er. Aber natürlich verbringt er weiterhin viel Zeit in New York, einer Stadt, zu der er ein ganz eigenes Verhältnis entwickelt hat. Noth besitzt auch ein Sommerhaus in den Berkshires, einer idyllischen, ländlichen Region im Westen des Neuengland-Staates Massachusetts.

Und auch das globale Reisefieber lässt ihn nicht los. Als nächstes Ziel wartet die japanische Hauptstadt Tokio, erzählt er: In die wolle vor allem sein Sohn „als glühender Pokémon-Fan”, lacht Noth.

Als wir das letzte Motiv in der Bar des Hotel Beacon fotografieren, bleibt im Nieselregen am Broadway vor dem Hotel eine ältere Dame stehen, die ihn durch die Glasscheibe erkennt und ihm zuwinkt. Noth unterbricht das Shooting und geht einfach trotz Regens vor die Tür zu ihr. Sie sei ein Fan von ihm, sagt die zwei Köpfe kleinere, zierliche Frau, während er sich tief nach unten zu ihr bückt, um ihre leise Stimme zu vernehmen. Sie tauschen sich kurz aus, um wie viel aufregender das „alte New York” im Vergleich zur heutigen Stadt der Multimillionäre gewesen sei. Dann reicht er ihr die Hand, und sie wünscht ihm „alles, alles Gute“. Chris Noth lächelt, und es ist exakt jenes Lächeln, in das sich Carrie Bradshaw verliebte. 

Wir setzen uns wieder in die Suite und der TV-Star beginnt über seine aufregende Karriere, seine turbulente Jugend, den Erfolg und Fluch der Kultserie „Sex and the City“, den Niedergang der Politik in Amerika und seine eigene Sterblichkeit zu erzählen.

12. Juni 2018