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Big in New York: 20 Jahre „Sex and the City“

Er ist das Gesicht New Yorks: Kein anderer TV-Star spielte in mehr New Yorker Serien mit wie Chris Noth. Zum 20. Jubiläum von „Sex and the City“ erzählt er in OOOM über seine Karriere, seine turbulente Jugend, Erfolg und Fluch der Kultserie und den politischen Untergang Amerikas.

Herbert Bauernebel12. Juni 2018 No Comments

Sie pendeln zwischen Ost- und Westküste, New York und Kalifornien. Was ist für Sie Zuhause?

Ich lasse einen Fuß in der Türe in New York. Aber mein Kind ziehe ich in Los Angeles groß. Es ist einfach ruhiger dort, weniger verrückt. Wir verbringen aber auch viel Zeit in unserem Haus in den Berkshires in Massachusetts, mindestens drei Monate im Jahr sind wir dort. Und dann reisen wir viel. Ich war gerade in Cardiff, da kam die Familie mit. Oder in Budapest, was für mich eine meiner Lieblingsstädte ist. Und ich liebe das Skifahren in Österreich.

Sie betreiben eine Rock-‘n‘-Roll-Bar in Manhattan, „The Cutting Room”. Sting, David Bowie und Lady Gaga sind dort schon aufgetreten.

Ich bin Partner, mein Kollege schmeißt den Laden. Ich halte Benefizveranstaltungen für einige meiner Hilfs­initiativen wie den „Rainbow Club” für Kinder mit chronischen Krankheiten ab, um Geld zu sammeln. Es gibt so unglaublich viele musikalische Talente. Ich stelle das Lokal gerne als Auftrittsort zur Verfügung, auch für junge Musiker, die knapp bei Kasse sind.

Gehen Sie selbst gerne in Bars?

Weniger als früher. Aber eine gute Bar ist einfach ein sehr beruhigender Ort. Leider sind die besten Plätze in New York verloren gegangen. Man läuft ja hier meist nur mehr in College-Läden. Die Bars und Salons, die ich am liebsten frequentierte, sind alle verschwunden. Jetzt gehe ich oft in den „Cutting Room“. Und nahebei liegt eine Bar namens „Knickerbocker”, wo ich auch gern ausspanne. Aber es ist jammerschade, dass die früheren Treffs, in denen sich Künstler trafen, verdrängt wurden.

Sie haben Ihre Frau Tara 2001 im „Cutting Room” kennengelernt, aber bisher Ihr Privatleben so gut wie möglich abgeschirmt. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Ja, sie war Kellnerin dort. Meine Familie ist meine Privatsache, das ist für mich heilig. Ich stelle vor allem durch das Phänomen des Reality-TV eine Korrosion innerhalb der Gesellschaft fest, was den Schutz der Privatsphäre betrifft. Vor allem jüngere Menschen öffnen sich hier zu sehr. Ich selbst habe ein Talent entwickelt, Paparazzi aus dem Weg zu gehen. Man hat irgendwann ein Auge dafür. Wann immer ich jemanden erspähe, am Spielplatz mit meinem Sohn etwa, kehre ich an den Ort nicht mehr zurück. Es ist ein Katz- und Maus-Spiel. Wenn man Stars in Magazinen sieht, wie sie mit ihren Kindern am Strand spielen, dann wollen die das, die machen das bewusst. Ich würde das nie tun. 

Ihre Mutter, Jeanne Parr, war erfolgreiche CBS-Reporterin, Ihr Vater starb, als Sie zwölf waren. Wie schwer war Ihre Jugend?

Der Verlust meines Vaters hat einen Krater in meinem Leben hinterlassen. Meine Lehrer oder Freunde meiner Mutter nahmen die Rolle als Vaterfiguren ein. Es war aber schon vor dem Tod meines Vaters keine gute Ehe. Ich verstehe erst jetzt besser, nachdem ich selbst Vater bin, was in seinem Leben passiert sein könnte. Er war eigentlich eine Art Kriegsheld, sehr smart. Ich weiß nicht, warum er nicht mehr aus seinem Leben nach dem Krieg machte. Klar ist: Leute wie er haben damals alle getrunken und geraucht. Ich wuchs auf in einer Rauchwolke. Man hat offenbar nicht gewusst, wie das einen zerstört. Aber meine Mutter war eine echte Überlebenskünstlerin und hat für die Familie gesorgt. Ich hatte eine wilde Jugend.

Wie kann man sich das vorstellen?

Ich war nicht einfach. Viele meiner Jugendfreunde sind tot, im Knast oder nahmen sich das Leben. Wir lebten in Stamford, Connecticut, und das war ein recht öder Vorort. Wenn man kein Sporttyp war, gab es wenig zu tun, außer Vandalismus, Einbrüchen oder Autodiebstahl. Das brachte den Adrenalinspiegel rauf, aber dich auch leicht ins Gefängnis. Meine Mutter hat wieder geheiratet und wir zogen nach Kalifornien. Ich hasste den Umzug und unser neues Zuhause. Deshalb ließ sie mich auf eine experimentelle Kunstschule gehen – das hat meine ganze Denkweise transformiert. Ich verwandelte mich von einem Jugendstraftäter in jemanden, für den die Kunst zum Lebensmittelpunkt wurde. Ich konnte auf etwas fokussieren, es hat mein ganzes Leben verändert, vielleicht sogar gerettet.

Sie sind schon als Kind viel gereist und das setzte sich während Ihrer Karriere fort. Gibt es Orte, wo Sie noch unbedingt hinwollen?

Ich bin ein Vagabund, das war immer so und wird immer so bleiben. Mein Sohn möchte unbedingt, dass ich mit ihm nach Tokio fliege. Dort war ich noch nie. Er will hin, auch wegen der ganzen Pokémon-Kultur (lacht).

Sie sind während des College in 25 Theaterproduktionen aufgetreten: Was haben Sie daraus gelernt?

Ich wurde richtig hineingezogen, ich wollte es. Das Theaterspielen machte mich süchtig. Man lernt so viel. Und man erfährt, wie toll das Leben als Schauspieler sein kann. Das war eine großartige Erfahrung. 

Was bringt mehr Erfüllung: Das Theaterspielen mit der Belohnung des Applauses oder TV und Film mit langen Drehtagen, aber größerem Publikum weltweit?

Das ist unmöglich zu sagen, zumindest für mich. Das sind ganz andere Konzepte, Themen, Formate und Storys. Ich habe gerade zwei Theaterstücke in London gesehen und ich erlebte einen der bewegendsten Momente seit Langem. Die Erfahrung in einem Theater ist so tiefgreifend, so nachhaltig. Es ist schade, dass es so schwer ist, ein Leben alleine mit einer Karriere im Theater bestreiten zu können …

Sandy Meisner war einer Ihrer Schauspiellehrer, der Ihnen eine damals extrem experimentelle Technik des Schauspiels beigebracht hat.

Sandy war wie ein Wissenschaftler in der Sparte des Schauspielens. Er hat mir beigebracht, dass es am wichtigsten ist, was dein Partner macht, dein Umfeld. Man sollte nicht ständig an die eigene Performance denken.

Wann wussten Sie, dass Sie von der Schauspielkarriere auch tatsächlich leben können?

Oh, Mann, ich war so bettelarm. Es machte für mich einen Unterschied, ob Hamburger oder Cheeseburger – ein Unterschied von 80 Cents. Ich schrammte fast meine ganzen Zwanziger-Jahre am finanziellen Abgrund vorbei. Einmal landete ich im Knast, weil ich über die U-Bahn-Sperre gesprungen war. Ich wurde fast krank von der einseitigen Ernährung. Beziehungen mit Mädchen waren auch nicht einfach. Glücklicherweise musste man im damaligen New York nicht Millionär sein, um hier leben zu können. Man konnte sich ohne Geld durchschummeln. Aber es war hart. Ich hatte ein Studio in einem Keller um 400 Dollar Monatsmiete. Ich dachte, das wäre ein Haufen Geld und ich musste ordentlich dafür kellnern. Aber im Vergleich zu heute? Es gab damals wenigstens Orte, wo man zu kostengünstigem Essen kam, es gab Happy Hours in Bars. Heute ist alles extrem teuer.

Hatten Sie einen Plan B, wenn es nichts werden sollte mit der Schauspieler-Karriere?

Nein. Dazu bin ich zu stur. Es gab nur das. Nach dem Studium mit Sandy hatte ich auch schon viel investiert gehabt, vor allem in den Traum. Ich wollte Teil der Schauspielergemeinschaft werden. Als ich dann mit 27 an der Yale-Uni zum Schauspielstudium aufgenommen wurde, wusste ich, dass ich eine Chance habe.

12. Juni 2018