Arts & Design

Bilder im Kopf: Die Welt des Stefan Sagmeister

Er gilt als einer der bedeutendsten Grafikdesigner unserer Zeit, zählt Time Warner, das Guggenheim Museum und die Rolling Stones zu seinen Kunden. Mit seinem „Happy Film“ begeistert er auch ein weltweites Kinopublikum. Was macht das Phänomen Sagmeister aus?

Georg Kindel14. Februar 2017 No Comments

Stefan Sagmeister, 53, ist anders.

Diesen Eindruck hatte man zumindest, wenn man ihm bei der Arbeit zusah. Das konnte jeder, den ganzen Tag lang. Denn bis der Vorarlberger Grafikdesigner, der in seinem Metier zu den Besten der Welt gehört, diesen Sommer mit seinem Designbüro Sagmeister & Walsh in ein neues Office am Broadway umzog, sorgte eine Kamera an der Decke in seinem Arbeitsraum für völlige Transparenz. Sie hing geschätzte drei Meter über seinem Arbeitsplatz und sorgte 24 Stunden für ein messerscharfes Live-Bild auf der Website seiner Agentur.

Wie in der Truman-Show

Jemand in Echtzeit bei der Arbeit zusehen zu können, der von Kreativität lebt und dafür weltweit gefeiert wird, macht süchtig. Man wird zum Voyeur, wie in der Truman-Show. Scribbelt er die Ideen auf Papier oder entwirft er sie am Laptop? Wieso telefoniert er so wenig? Was hat seine Partnerin Jessica heute wieder an? Reden die gar nicht miteinander? Diesmal kommt er aber spät. Halbtagsjob?

Je länger man Sagmeister beobachtete, desto ernüchternder wurde es: keine großen Entwürfe, keine Skizzen, kaum Diskussionen. Keine Modelle auf dem Tisch, alles läuft über seinen Laptop. Brainstormings selten, hin und wieder Blicke auf die Screens der Kollegen.

SAGMEISTER SUCHT SICH SEINE KLIENTEN SEHR GENAU AUS.
MIT DAVID BYRNE, LOU REED UND DEN STONES ZU ARBEITEN,
MACHT SICHER DEUTLICH MEHR SPASS
ALS MIT JUSTIN BIEBER, MILEY CYRUS UND ONE DIRECTION.

Was macht Stefan Sagmeister also zu einem der besten Grafikdesigner der Welt? Dass er es ist, daran besteht kein Zweifel. Aber wieso?

Dream Team: Stefan Sagmeister mit seiner Partnerin Jessica Walsh. (Foto: Sagmeister & Walsh Inc.)

Paula Scher designte als Art Directorin von CBS hunderte Plattencover und setzte so die Musik einer ganzen Generation visuell um. Später entwickelte sie Images für Bloomberg oder das New York Times Magazine und erfand das Logo des Museum of Modern Art in New York. Ruth Ansel prägte als Art Director von Vogue und Vanity Fair maßgeblich deren unverwechselbaren Stil mit. Milton Glaser gründete das New York Magazine und erfand das legendäre I LOVE NY-Logo mit dem roten Herzen. Oft kopiert, oft verwendet, immer geliebt. „Das wichtigste im Design“, sagt Glaser, „ist die Konsequenz deiner Handlung: ob du tatsächlich interessiert daran bist, Leute zu überzeugen, etwas zu machen, was in ihrem Interesse liegt.“ Und dann gibt es noch Neville Brody, legendärer Art Director des britischen Kultmagazins The Face, der die Optik der britischen Times neu erfand und nebenbei 1992 auch das ORF-Logo. Sie alle sind Weltstars des Grafik-Designs. Aber was macht Stefan Sagmeister in dieser Reihe? Der — nicht immer ganz ernstgemeinte — Versuch der Erklärung eines Phänomens:

Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Sagmeister startete 1993 sein Designstudio in New York. In Bregenz oder Dornbirn hätte er wohl kaum die internationale Karriere machen können, die später folgen sollte. „New York ist einfach die passende Stadt für mich“, so Sagmeister abgeklärt. „Die Spartenvielfalt New Yorks ermöglicht es einem Designer, seinen Beruf jeden Tag neu zu interpretieren.“

Er denkt europäisch. Sein Design ist innovativ, teils radikal, auf jeden Fall unamerikanisch. Er ist amüsant, aber nicht konziliant, freundlich, aber nicht übertrieben. Er ist durch und durch Europäer und überzeugter Österreicher: „Kokoschka machte Plakate, Klimt Wandgemälde für kommerzielle Zwecke, Hoffmann Design und Kunst. Wien war eine gute Stadt, um Designer zu werden.“

Er inszeniert sich selbst — und nimmt sich dabei nicht wichtig. Um die neue Partnerschaft mit Jessica Walsh bekanntzugeben, ließ sich Sagmeister mit ihr nackt fotografieren und versandte das Bild als Postkarte. Man sollte es nicht glauben, aber im prüden Amerika sorgt selbst die Entblößung noch für Erregung. Einen Plan B hatte er nicht: „Wir zeigen auch unseren Kunden immer nur ein einziges Konzept, warum sollten wir es bei uns anders machen? Das Nacktbild hat seinen Zweck erfüllt, es war funktionales Design.“