Arts & Design

Brigitte Kowanz: Licht & Schatten

Beeindruckende Spiegelinstallationen auf über 450 m² Museumsfläche, Leucht­installationen an riesigen Fabrikschornsteinen und Virtualitätskonzepte, die den Betrachter die Grenzen von Raum und Zeit vergessen lassen: Brigitte Kowanz hat ihre ganz eigene Handschrift in der Welt der Kunst hinterlassen. Für ihre Installations- und Raumschöpfungen wird sie international gefeiert. Seit über 20 Jahren zeigt die Biennale-Künstlerin, welche Dynamik in der Verbindung von Licht, Spiegeln und realen Räumen herrscht, und ist damit vielen jungen Künstlern Inspiration. Auch, da sie als Beweis dafür steht, dass man weder männlich sein noch aus einer Künstler­familie stammen muss, um echten Erfolg in der Welt der Kreativen zu haben.

Gerald Matt9. Oktober 2019 No Comments
brigitte kowanz

2017 haben Sie gemeinsam mit Erwin Wurm Österreich auf der Biennale Venedig vertreten. Wie hat sich die Biennale auf Ihre Karriere ausgewirkt? Was ist heute davon geblieben?

Der Beitrag in Venedig hatte erhebliche Auswirkungen auf meine Karriere. Diese internationale Plattform gab mir die Chance, einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu werden. Wir hatten ja 300 000 Besucherinnen und Besucher im Pavillon. Damit verbunden ist natürlich eine ein großes Maß an Sichtbarkeit und spezifischem Interesse an der Arbeit. Das internationale Interesse hält immer noch an und führt zu interessanten Ausstellungen, Projekten und Verkäufen.

Worum ging es in Ihrer Arbeit für die Biennale? War Ihr Biennale-Projekt signifikant für Ihre Haltung und Ihr Werk?Der Titel lautete „Infinity and Beyond“ – worum ging es Ihnen dabei?

Das Konzept für „Infinity and Beyond“ kreiste um ein Thema, an dem ich schon seit längerer Zeit arbeite. Im Zentrum der Auseinandersetzung standen Daten, Codes und Licht als Information. Hatte ich bis dahin an den Ursprüngen der Informationsübertragung mit Licht (elektromagnetische Wellen) – dem Morsecode – gearbeitet, richtete sich mein Interesse nun an die Gegenwart, die Digitalisierung, das Internet – die digitale Gesellschaft. Licht ist nicht nur die Grundlage allen Lebens, es ist ebenso die Basis post-analoger Kommunikation. Seit 20 Jahren verwende ich Licht und Spiegel, um den realen Raum in eine Serie virtueller Räume zu verwandeln. Mit dieser Überlagerung von Licht, Spiegeln und virtuellen Räumen ging es mir darum, zwei verschiedene Arten der heutigen Raumerfahrung in das Zentrum der Wahrnehmung zu rücken. Während sich Betrachterinnen und Betrachter im realen Raum befinden, begegnen sie innerhalb der erweiterten virtuellen Räume der Spiegelarbeiten zwischen einer Vielzahl an Daten und Information deren eigener Reflexion. Licht ist ja traditionell auch ein Medium der Erkenntnis. Insofern wollte ich hier einen Realitätscheck initiieren, die Reflexion unserer aktuellen Position, irgendwo zwischen virtuellem und realem Raum, zwischen Raum und Zeit.

brigitte kowanz

Sie haben sich damals bewusst einen Zubau, quasi einen White Cube, für Ihre Arbeit gewünscht. Was hat Sie abgehalten, den Pavillon zu nutzen? Sie sind ja eine Künstlerin, die sehr gerne und gut auf Architektur und auch den Kontext eines Projektes reagiert?

Da wir, Erwin Wurm und ich, zu zweit nominiert wurden und der österreichische Pavillon nicht groß genug für die Präsentation zweier solcher Positionen war, mussten wir eine Lösung finden, wie wir beide genug Raum für eine entsprechende Präsentation hätten. So entstand die Idee des Zubaus. Erwin Wurm wählte den historischen Pavillon und ich entwickelte gemeinsam mit dem Architekten Hermann Eisenköck einen White Cube, der spezifisch für die Ansprüche meiner Installa­tion ausgelegt war.

Es gibt immer wieder Kritik, man solle den Pavillon nicht etablierten, sondern vermehrt jungen Künstlern zur Verfügung stellen. Das impliziert eine grundsätzliche Frage: Wie wichtig sind Erfahrung und Reife eines künstlerischen Werkes für eine renommierte und hochkarätige Biennale wie Venedig bzw. überhaupt für Ausstellungen im hochkarätigen internationalen Umfeld?

Venedig ist schon sehr speziell, man hat viele zusätzliche Probleme zu lösen. Deshalb benötigt man jedenfalls Erfahrung im Umgang mit Ausstellungen und Öffentlichkeit. Selbstverständlich können auch weniger etablierte Künstlerinnen und Künstler den Pavillon bespielen. Die Resonanz bleibt dann jedoch zumeist geringer und bedeutet häufig, dass die Biennale-Beteiligung für die jeweiligen Künstlerinnen und Künstler folgenlos bleibt.

Halten Sie das Konzept der Biennale Venedig, letztlich ein künstlerischer und nationaler Wettbewerb der Nationalpavillons, für überholt oder einfach für einzigartig und besonders herausfordernd?

Venedig und die Giardini mit ihren Pavillons sind definitiv einzigartig und spannend. Natürlich spielt die historische Ebene eine nicht zu vernachlässigende Rolle, dennoch ist die Biennale sowohl für die beteiligten Künstlerinnen und Künstler als auch für das Publikum eine ganz besondere Situation.

Eine Biennale-Teilnahme in Venedig ist für Künstler wie eine Art Ritterschlag, Ausdruck des internationalen Erfolges. Wann haben Sie sich erstmals erfolgreich gefühlt, das Gefühl gehabt, es geschafft zu haben?

Es gibt einige kleine Erfolge, mich aber erfolgreich fühlen … ich weiß nicht. Erfolg ist immer relativ, geschafft hat man es nie ganz. Alles ist ständig im Fluss.

9. Oktober 2019