Arts & Design

Brigitte Kowanz: Licht & Schatten

Beeindruckende Spiegelinstallationen auf über 450 m² Museumsfläche, Leucht­installationen an riesigen Fabrikschornsteinen und Virtualitätskonzepte, die den Betrachter die Grenzen von Raum und Zeit vergessen lassen: Brigitte Kowanz hat ihre ganz eigene Handschrift in der Welt der Kunst hinterlassen. Für ihre Installations- und Raumschöpfungen wird sie international gefeiert. Seit über 20 Jahren zeigt die Biennale-Künstlerin, welche Dynamik in der Verbindung von Licht, Spiegeln und realen Räumen herrscht, und ist damit vielen jungen Künstlern Inspiration. Auch, da sie als Beweis dafür steht, dass man weder männlich sein noch aus einer Künstler­familie stammen muss, um echten Erfolg in der Welt der Kreativen zu haben.

Gerald Matt9. Oktober 2019 No Comments
brigitte kowanz

brigitte kowanz

In Gesprächen mit Künstlern wie Gerald Rockenschaub oder Erwin Wurm, deren Anfänge ebenfalls in jenen Tagen liegen, haben diese gesagt, dass es eine Zeit war, sich auszuprobieren, in verschiedenen Bereichen zu dilettieren, eine Zeit des Aufbruchs. Haben Sie das auch so empfunden?

Ja, auf jeden Fall. Alles schien wieder offen zu sein, die Paradigmen konnten ignoriert und neu formuliert werden.

Sie waren zusammen mit Franz Graf sehr schnell erfolgreich, waren schon 1984 auf der Biennale Venedig („Aperto“) und vielen wichtigen Ausstellungen. Sogar Kasper König hat Sie 1981 eingeladen, Ihre Werke in der Ausstellung „Westkunst“ zu zeigen. Aller Anfang ist schwierig. Galt das für Sie nicht?

Ja, wir hatten sehr schnell Erfolg. Durch die Zusammenarbeit mit der Galerie St. Stephan und der Galerie Krinzinger lernten wir Harald Szeemann und Kasper König kennen. Alles ging sehr schnell. Ich war gerade 24 Jahre alt, als wir eingeladen wurden, einen Beitrag für Kasper Königs „Westkunst“ zu entwickeln. 1984 stellten wir bei der Biennale von Venedig aus.

Schlug sich der Erfolg auch finanziell nieder? Wann ist man bzw. wann waren Sie als Künstlerin erfolgreich? Ab wann konnten Sie von der Kunst leben?

Finanziell schlug sich der Erfolg in keiner Weise nieder, da die Arbeiten – Installationen, Transparentbilder etc. – nicht „marktgerecht“ waren. Gekauft wurde damals vor allem Malerei auf Leinwand. Künstlerischer und kommerzieller Erfolg muss nicht immer unbedingt Hand in Hand gehen. Ich machte stets auch andere Dinge, um leben zu können: Buchgestaltungen, künstlerische Assistenzen oder beispielsweise Mitarbeiten bei Filmproduktionen. Wirklich von meiner Arbeit leben konnte ich erst im Alter von 35 Jahren, wobei das damals auch lange die Arbeit im öffentlichen Raum war und nicht die autonome künstlerische Arbeit. Das Gefühl, erfolgreich zu sein, empfinde ich so nicht. Mein persönlicher Erfolg ist immer an die Arbeit gebunden und an das unbeschreibliche Gefühl, das ich habe, wenn ich merke, dass eine Arbeit sehr gut ist und mir neue Aspekte eröffnet.

Das Gefühl erfolgreich zu sein, empfinde ich so nicht. Mein persönlicher Erfolg ist immer an die Arbeit gebunden und daran, dass sie mir neue Aspekte eröffnet.

Wann und wie begann Ihre Obsession für Licht und Raum? Was faszinierte Sie so an dem Phänomen? Was ist Licht für Sie?

Das Interesse begann schon während des Studiums. Ich begann ja, Bildhauerei zu studieren, und da interessierten mich vorwiegend Installationen. Das Interesse am Licht entstand aus der Auseinandersetzung mit Film und Video. Licht ist ein faszinierendes Material – es ist die Grundlage aller Sichtbarkeit und allen Verständnisses, Licht ist Grundlage des Lebens und Licht ist Information.

Der Kurator Rainer Fuchs sprach in Bezug auf Ihre Arbeit von „Lichtbesprechung“ und „Sprachbeleuchtung“. Licht, Raum und Sprache – könnten Sie deren Bedeutung für Ihre Arbeit erklären?

Licht, Raum und Sprache sind zunächst unfassbare Medien. In vielen meiner Arbeiten geht es darum, Konstellationen zu erzeugen, in denen diese Medien einander wechselseitig sichtbar und erlebbar machen, sich manifestieren und zugleich ihre Selbstreferenz offenlegen. Erst in ihrer Manifestation werden Licht, Raum und Sprache real.

Ihre Arbeit klingt natürlich auch nach Konzeptkunst. Da stellt man sich die Frage, wie Material und Sprache, Farbe und Konzept, Entmaterialisierung und Licht bei Ihnen ineinandergreifen. Inwieweit ging es Ihnen auch um die Erweiterung des Skulpturbegriffs?

Ich begann anfangs, Bildhauerei zu studieren, merkte aber sehr bald, dass mir die klassischen Materialien und der traditionelle Skulpturbegriff zu eng waren, dass mich Materialien interessierten, die leicht waren, flüssig, zeitlich und veränderlich. Ebenso die Vorstellung von Raum: Mich interessierten Entgrenzung und der Einfluss neuer Medien wie Video, Film, Fotografie und Computertechnologien auf die künstlerische Produktion. Sprache, Raum und Licht wurden zu meinen Medien und zugleich auch Materialien. Die Konzeptkunst lieferte die Grundlagen.

Wenn Sie Ihre frühen Arbeiten mit heutigen vergleichen – was hat Kontinuität, was hat sich verändert? Gibt es so etwas wie eine Zäsur in Ihrer Entwicklung? Und inwieweit kann man sich immer wieder selbst erfinden und sich zugleich treu bleiben?

Ja, ich sehe eine klare Kontinuität. Seit den späten 70er- und frühen 80er-Jahren arbeite ich mit Licht und nähere mich diesem Medium unterschiedlich an. Ausgehend von der Frage, was Licht ist und wie mache ich es sichtbar, führte mich die Arbeit zu Licht und Sprache, Codes und Information. Formal sind die Ergebnisse dieser Fragestellung sehr unterschiedlich, der Kern der Auseinandersetzung ist konstant.

Können Sie zur Genese Ihrer Arbeiten etwas sagen? Wie entstehen Ihre Arbeiten von der Idee bis zum Werk? Wie entwickeln sie sich in der Ausführung? Wie ist dabei das Verhältnis von Plan und Zufall?

Jede Arbeit beginnt mit einer Idee, die sich aus unterschiedlichen Feldern ergeben kann. Der Entstehungsprozess spielt eine wichtige Rolle, da im Prozess unterschiedlichste räumliche Dimensionen und verschiedene Stadien materieller Beschaffenheit durchquert werden. Die zweidimensionale Handzeichnung wird in den virtuellen, digitalen Raum destilliert, wo sie bearbeitet und übersetzt wird. In der Glasbläserei werden diese digitalisierten, immateriellen Linien der Zeichnung in die dritte Dimension zurückgeholt und schließlich in das immaterielle Medium des Lichtes übertragen. Der feste, jedoch transparente Stoff Glas wird, der Form der Linie folgend, verflüssigt, um sich letztendlich in seiner gewünschten förmlichen Ausrichtungen wieder zu verfestigen. Verschiedene Stadien des Flusses werden durchquert, und schließlich manifestiert sich die Arbeit wieder im flüssigsten aller Stoffe – dem Licht.

Sie arbeiten viel mit Neon, das einst Symbol der Moderne war. Heute wurde es von LED fast gänzlich abgelöst, mutet geradezu nostalgisch an. Was spricht noch für Neon?

Ich arbeite viel mit Neon, aber auch mit LED und anderen Leuchtmitteln, das hängt von der jeweiligen Arbeit ab. Das Neon ist eine dreidimensionale Linie. Für alles Lineare, für Schrift, Zeichnung und Codes verwende ich meist Neon. Soll sich das Licht eher flächig ausbreiten, arbeite ich mit LED. Zudem gibt es eine Reihe von Arbeiten im Außenraum, deren Dimension in Neon kaum noch umsetzbar ist. Jedes Leuchtmittel hat spezifische Eigenschaften, diesen entsprechend setze ich es ein.

9. Oktober 2019