Arts & Design

Brigitte Kowanz: Licht & Schatten

Beeindruckende Spiegelinstallationen auf über 450 m² Museumsfläche, Leucht­installationen an riesigen Fabrikschornsteinen und Virtualitätskonzepte, die den Betrachter die Grenzen von Raum und Zeit vergessen lassen: Brigitte Kowanz hat ihre ganz eigene Handschrift in der Welt der Kunst hinterlassen. Für ihre Installations- und Raumschöpfungen wird sie international gefeiert. Seit über 20 Jahren zeigt die Biennale-Künstlerin, welche Dynamik in der Verbindung von Licht, Spiegeln und realen Räumen herrscht, und ist damit vielen jungen Künstlern Inspiration. Auch, da sie als Beweis dafür steht, dass man weder männlich sein noch aus einer Künstler­familie stammen muss, um echten Erfolg in der Welt der Kreativen zu haben.

Gerald Matt9. Oktober 2019 No Comments
brigitte kowanz

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Sie haben sich in Ihren Arbeiten auch mit dem Morsealphabet beschäftigt. Was hat Sie daran interessiert?

Das Morsealphabet ist ein früher binärer Code aus nur zwei Elementen: kurz – lang, ein – aus. Damit kann jede Komplexität erzeugt werden. Das Morsealphabet ermöglichte Informationsübertragen über lange Strecken mit Lichtgeschwindigkeit. Das war der Beginn gegenwärtiger Kommunikationsformen.

Einer der Höhepunkte Ihrer Ausstellungen war „Now I See“ im mumok in einem 450 m² großen Spiegelsaal.Spiegel sind immer wieder wichtige Bestandteile Ihrer Arbeit. Welche Rolle spielen Spiegel in Ihrer Arbeit und in welchem Verhältnis stehen diese zu den Betrachtern?

Spiegel sind Instrumente, um mit Licht zu arbeiten. Spiegel sind Träger unendlicher Bilder. Spiegel als Material künstlerischer Arbeiten ermöglichen, Rezipientinnen und Rezipienten mit einzubeziehen, sie oder ihn Teil der Arbeit werden zu lassen und virtuelle Räume zu erzeugen.

Ihre Arbeit greift immer wieder technologische Entwicklungen auf. Wie wichtig sind Forschung und Wissenschaft für Ihre Kunst?

Kunst ist für mich immer auch Forschung. Mein Interesse gilt ebenfalls der Wissenschaft. Ich beschäftige mich mit Philosophie, Medien- und Kunsttheorie, aber auch mit Naturwissenschaften.

Sie sind insbesondere auch durch Ihre Arbeiten im öffentlichen Raum bekannt geworden. Was reizt Sie so sehr daran, den musealen Raum zu verlassen? Was ist anders im öffentlichen Raum? Was sind die Probleme, was die Chancen? Auf welche Arbeit im öffentlichen Raum sind Sie besonders stolz?

Im öffentlichen Raum findet man unterschiedlichere Situationen vor, die Architektur spielt oft eine wesentliche Rolle. Diese Auseinandersetzung hat mich immer interessiert. Man findet hier neue Themen vor, und diese Konfrontationen bringen neue Lösungen hervor. Man kann in ganz anderen Dimensionen arbeiten. Vor allem sind die Rezipientinnen und Rezipienten demografisch heterogener, und es besteht zudem mitunter eine größere Sichtbarkeit als in Museen oder Galerien. Die Nachteile sind die Auflagen, die der öffentliche Raum mit sich bringt – Sicherheitsvorschreibungen – und ein hoher technischer wie logistischer Aufwand. Ein Projekt, das ich sehr schätze, ist der Turm „Luminare Elevation“ von Bürs, die Arbeit „In Vivo – In Vitro“ am Max-Planck-Institut in Münster, „Fountain“ sowie die gerade entstehenden Lichtkreise auf der „Libelle“ - der neuen Terrasse am Dach des Leopold Museums im Wiener Museumsquartier.

Inwieweit spielen in Ihrer Beschäftigung mit Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozessen Philosophen wie Paul Virilio und seine „Ästhetik des Verschwindens“, aber auch Jean Baudrillard und seine Theorie der Simulation eine Rolle?

Ich habe beide gelesen. Mit Virilio und Flusser habe ich mich eingehender beschäftigt, natürlich hatte das Einfluss auf meine Arbeit. Generell war und ist Medientheorie sehr wichtig für mich.

Wie unterscheidet sich Ihr Interesse an Licht von dem anderer Lichtkünstler wie Dan Flavin oder James Turrell?

Flavins Arbeit steht in der Tradition des Minimalismus. Er verwendet industriell gefertigte Röhren, Zitate des Alltags und der Konsumwelt. Durch die Art der Installation stellt er den herkömmlichen Bildbegriff infrage, löst Grenzen auf, erschafft ein Zusammenspiel zu Werk, Raum und Betrachter bzw. Betrachterin. Turrell macht das Licht physisch erlebbar und erzeugt Räume besonderer Atmosphäre. Ich bringe Licht zur Selbstdarstellung, erzeuge virtuelle Räume mit Licht und beschäftige mich mit Licht als Informationsträger.

brigitte kowanz

Wie hat sich seit Ihren künstlerischen Anfangen das Kunstsystem und die Kunstszene verändert? Wie haben sich diese Kräfteverhältnisse zwischen Künstlern, Sammlern, Kuratoren und Kritikern entwickelt und welche Auswirkungen hat es auf Sie?

Das Kunstfeld hat sich in den letzten Jahren enorm verändert. Ganz sicher haben sich die Kräfteverhältnisse verändert. Sammlerinnen und Sammler und der Markt per se haben sehr viel mehr Bedeutung für die Wertschätzung von Kunst als früher. Wenige Big Player unter den Galerien bestimmen die Szene und haben auch Einfluss auf manche Kuratorinnen, Kuratoren und Museen. Diese enorme Macht des Kunstmarktes wirkt sich auch auf die Künstlerinnen und Künstler und deren Arbeiten aus – das ist nicht unbedingt positiv. Mit Kunst wird viel spekuliert. Ich versuche, mich davon nicht allzu viel beeinflussen zu lassen. Ich arbeite u. a. mit Ursula Krinzinger, deren Galerie an sehr vielen internationalen Messen teilnimmt – das hat auch Vorteile, meine Arbeit ist dadurch ständig präsent. Ich habe verschiedene Werkgruppen, von denen manche ganz und andere gar nicht für Messen geeignet sind.

Die enorme Macht des Kunstmarktes wirkt sich auch auf die Künstler aus. Ich versuche, mich davon nicht allzu viel beeinflussen zu lassen.

In den 60er- und 70er- Jahren spielten Frauen im Kunstbetrieb bestenfalls eine Nebenrolle. Hat sich dies Ihrer Meinung nach ab den 80er-Jahren bis heute grundlegend verändert? Haben Sie sich persönlich gegenüber männlichen Kollegen als benachteiligt angesehen?

Die Rolle der Frau im Kunstfeld hat sich verbessert, allerdings sind wir von einer Gleichstellung noch weit entfernt. Vor allem im oberen Segment ist das Verhältnis vehement, außerdem sind die Preise von Arbeiten von Männern grundsätzlich deutlich höher als jene der Frauen.

Woran arbeiten Sie zurzeit?

Derzeit arbeite ich an einer Einzelausstellung im Museum Haus Konstruktiv in Zürich und an mehreren anderen Projekten, über die ich noch nicht sprechen möchte.

Oscar Wilde hat einmal gesagt: „Nicht die Kunst imitiert das Leben, sondern das Leben imitiert die Kunst.“ Wie sehen Sie das Verhältnis von Kunst und Leben?

Dieses Verhältnis ist immanent. Bei meiner Arbeit bildet sich das in der Wechselwirkung zwischen dem virtuellen, lichterzeugten Raum und dem realen Raum ab. Die beiden Räume gehen ineinander über und haben fließende Grenzen. Der Betrachter und der ihn umgebende Raum spiegeln sich in der Arbeit und werden Teil davon.

Was ist am schwierigsten, was am beglückendsten am Künstlerdasein?

Die Biennale war beides zugleich – schwierig und letzten Endes beglückend.

Was kann, was soll Kunst noch bewirken?

Alles!

 

9. Oktober 2019