MagazinTop Stories

Charlies Weg

Wie fühlt es sich für eine Mutter an, wenn sie von den Ärzten die Diagnose Gehirntumor bei ihrem Kind bekommt? Alexandra Weiser-Fürthner hat diese Erfahrung bei ihrer 14 Monaten alten Tochter Charlotte gemacht. Nach neun Monaten Spitalsaufenthalt durfte die kleine Charlie jetzt wiedernach Hause und die Familie freut sich auf einen ganz normalen Sommer­urlaub in Italien. Doch die Angst bleibt ein ständiger Begleiter.

Christina Zapella-Kindel8. Juni 2018 No Comments

Es gibt Kinder, in deren Augen findet sich so viel Weisheit, als wären sie alte Seelen. Charlotte, 2, ist so ein Kind. Wenn sie ihrer Puppe einen mintgrünen OP-Kittel anzieht und sie dann behutsam in eine Holzröhre legt, dann hat sie diese Prozedur selbst schon Dutzende Male erlebt. Bereits mit 14 Monaten lernte sie, was es heißt, in einen Magnetresonanztomografen gelegt zu werden, damit das Gerät Bilder ihres Kopfes schießen kann. Für Charlie ist das mittlerweile Normalität.

Neun Monate ihres erst zweijährigen Lebens musste sie durchgehend an der neuroonkologischen Station der Uniklinik für Kinder- und Jugendheilkunde am AKH in Wien verbringen.

Nur eine Viruserkrankung? Begonnen hatte alles ganz harmlos. Anfang März 2017 hat Charlotte täglich in der Früh erbrochen. Der Kinderarzt konnte nichts feststellen und auch im nahegelegenen Spital gab es nach einem Magenröntgen keine Diagnose. Die Familie wurde wieder nach Hause geschickt. Charlie ging es aber immer schlechter. Die Ärzte tippten zunächst auf eine Viruserkrankung. Charlottes Eltern konsultierten mehreren Spezialisten, bis ihr Familienarzt, nachdem das zarte Mädchen in nur drei Wochen zwei Kilo an Gewicht verloren, erstmals einen schlimmen Verdacht äußerte: „Es könnte auch ein Gehirntumor sein.“

„Das war für mich wie ein Schlag ins Gesicht“, erinnert sich Alexandra Weiser-Fürthner, Charlies Mutter. „Wie kann ein Arzt ohne konkreten Hinweis so etwas sagen?“ Es folgte eine neuerliche Untersuchung, bei der keine neurologischen Störungen festgestellt wurden, auch ein Lungenröntgen brachte keinen Hinweis auf eine Erkrankung. Doch Charlies Zustand wurde immer schlechter. Ein spezialisiertes Ärzteteam riet schließlich zu einer Magnetresonanztomografie des Gehirns, was sich aber als gar nicht so einfach herausstellte.

Termin in fünf Wochen. Der ehestmögliche Termin war in fünf (!) Wochen: „Ich war fertig“, erinnert sich Alexandra Weiser-Fürthner. „Du hast ein krankes Kind, das immer schwächer wird, und bekommst keinen MRT-Termin. Wie kann so etwas möglich sein?“ Doch die junge, mittlerweile erschöpfte Mutter blieb hartnäckig. Sie telefonierte mehrere Spitäler in ganz Österreich durch und bekam schließlich in Salzburg einen zeitnahen Termin. Weiser-Fürthner setzte ihre Tochter ins Auto und fuhr an die Salzach. In wenigen Stunden sollten sie Klarheit haben, und wenn Charlie rasch behandelt werde, sei sie wohl in wenigen Tagen oder Wochen wieder gesund. Das war der Plan, als sie sich auf den Weg machte. „Nach der Untersuchung wartete ich mit Charlotte auf den Arzt. Dann kam er und sagte mir als Erstes, ich solle mich setzen. In dem Moment war mir alles klar.“

Anaplastisches Ependymom. Die Diagnose war das Schlimmste, was einer Mutter mitgeteilt werden kann: Charlie hatte einen Gehirntumor. Er war bereits groß und lag in einem Bereich des Gehirns, den man zwar operieren kann, aber mit Risiken.

Doch es sollte noch schlimmer kommen: Weitere Untersuchungen ergaben schließlich, dass es sich dabei um ein Anaplastisches Ependymom handelt, ein seltener und extrem aggressiver Tumor des Zentralnervensystems, WHO-Grad III. Von einer Million Kinder bekommen drei ein Ependymom.

Charlottes Mutter war wie in Trance: „Im ersten Moment realisiert man das alles noch nicht. Ich dachte mir, dass ich am nächsten Tag mit dem Auto von Salzburg wieder nach Wien fahren werde. Tatsächlich aber war dies die längste Nacht meines Lebens. Ich war am nächsten Tag nicht fähig, irgendetwas zu tun, geschweige denn mit dem Auto zu fahren.“ Die junge Mutter atmet tief durch: „Man glaubt in diesem Moment, das Leben sei vorbei, mein Kind stirbt. Du wirst den Gedanken auch kaum mehr los. Vor allem, wenn man dann im Internet auch noch Geschichten über Gehirntumore und den Krankheitsverlauf liest. Da hast du schreckliche Bilder im Kopf.“

Eine starke Frau. Alexandra Weiser-Fürthner hat eine Bilanzbuchhaltungskanzlei, aber sie ist keine klassische Buchhalterin. Optisch und auch aufgrund ihrer Frohnatur wirkt sie eher wie eine TV-Moderatorin aus dem Ländle. Neben ihren zwei Kindern führt sie erfolgreich ihre Kanzlei und jeder, der sie kennt, freut sich über ihr ansteckendes Lachen und ihre positive Ausstrahlung. Plötzlich erwachte sie in einem Leben, das nicht ihres zu sein schien. Welche Chancen hat Charlie? Kann sie geheilt werden? Wie ist die Lebenserwartung bei einer so aggressiven Form des Tumors? Weiser-Fürthner und ihr Mann stellten viele Fragen, zunächst sich selbst, dann den Ärzten. Doch Prognosen wollte niemand abgeben. Abwarten, sei die Devise, wurde ihnen gesagt. Und mit allen Mitteln den Kampf gegen den Tumor aufzunehmen.

Charlie wurde sofort von Salzburg in die Universitäts-Kinderklinik des Wiener AKH gebracht. Dann ging alles sehr rasch. Hätte Alexandra Weiser-Fürthner nicht so beharrlich auf ein MRT bestanden, wären fünf wertvolle Wochen vergangen und Charlies Chancen deutlich schlechter gewesen. So wurde sie aber nach kurzer Zeit im Spital operiert.

Leave a Reply