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Chris Lohner: Gegen den Strom

#BlackLivesMatter wurde in diesem Jahr zur großen Bewegung. Doch wie lebte es sich früher in Österreich an der Seite eines Partners mit anderer Hautfarbe? Chris Lohner war Topmodel und 30 Jahre lang als Moderatorin das Gesicht des ORF. Sie ist erfolgreiche Bestsellerautorin und seit Jahrzehnten die Stimme der ÖBB. Anfang der 1980er-Jahre verliebte sie sich in Lance Lumsden, einen Tennis­profi und Verleger aus Jamaika. 15 Jahre lang waren sie Österreichs erstes gemischtes Glamour-Paar – und erlebten Diskriminierung, die schwer in Worte zu fassen ist. Mit OOOM spricht Lohner über ein Leben als „Negerhure“, Rassismus und sexuelle Übergriffe im ORF – bis hin zum Intendanten, der ihr vor einer Delegation des TV-Senders RAI die „Zunge in den Mund steckte“.

Georg Kindel30. Juli 2020 No Comments
Chris Lohner Gegen den Strom

Hat es auch Übergriffe gegeben, wenn Sie irgendwo gemeinsam aufgetreten sind?

Nein, da waren sie baff, weil wir waren das absolute Glamour-Paar. Getuschelt haben sie natürlich schon. Lance ist am Samstag immer einkaufen gegangen, damit ich lange schlafen konnte. Und da haben ihm die Frauen dann immer geholfen, die Äpfel auszusuchen usw. und haben ihn recht verhätschelt. Einer, den wir öfter getroffen haben, hat immer zu Lance als Witz gesagt: „Warst du auf Urlaub? Du bist so braun.“ Ich hab mich so geärgert und sagte zu Lance: „Wenn der das noch einmal sagt, konter ich: Du bist so weiß, warst im Häfen?“ (Anm.: Gefängnis) Lance hat gesagt: „Bitte, tu das nicht!“

Wie haben Sie Lance Lumsden 1978 kennengelernt?

Ich habe eine Show moderiert und er hat gesungen.

Es ist von Lance ausgegangen. Er hat „Spoon River“ im Englischen Theater gespielt. Meine Freundin, mit der ich dort war, meinte: „Der schaut mich ständig an!“ Doch er hat mir danach erzählt, er hatte immer nur mich im Publikum mit meinen großen Augen gesehen. Meiner Freundin habe ich das natürlich nicht erzählt (lacht).

Lance hat gesungen, Sie haben moderiert.

Er war ja noch verheiratet und hat zu mir gesagt: „We should get together.“ Gleich am ersten Abend. Ich habe geantwortet: „I don‘t mix with married men.“ Lance hat mich ein Jahr lang verfolgt, immer, wenn ich „Treffpunkt Studio 4“ für Ö3 hatte, ist er mit einem Brathuhn oder etwas anderem gekommen, weil er sich sicher war, dass ich noch nichts gegessen habe. Er hat sich richtig eingearbeitet in mein Leben. Ich habe zu Lance gesagt: „Was immer hier geschieht, du musst machen, was du willst.“ Ich habe mich ja nicht absichtlich in einen verheirateten Mann verliebt. Ich wollte das nicht, weil es bedeutet nur Schwierigkeiten. Aber es kann eben passieren, Liebe kannst du nicht steuern.

Es hat also ein Jahr gedauert, bis Sie eine Beziehung eingingen?

Lance ist damals immer in die Kantine gekommen. Alle von Ö3 haben gesagt: „Wenn irgendetwas ist, wir sind da.“ Sie wollten mich alle beschützen. Mir wurde als Sprecherin langweilig und ich wollte Radio machen. Ich bin zu Rudi Klausnitzer, damals Ö3-Chef. Er meinte: Ja, aber ich müsse wie alle anderen auch Meinungsumfragen und den Kleinkram machen. Das tat ich dann auch. Ich habe sogar kurz den „Ö3-Wecker“ moderiert, aber nicht lange. Ich bin kein Morgenmensch.

War Lance Lumsden Ihr Lebensmensch? Sie waren ja 15 Jahre ein Paar.

Ja, war er. Es war eine absolute Bereicherung für uns beide, das haben wir immer gesagt. Ich bin in seine Kultur eingetaucht und er in meine. Wir haben durch uns beide so viel Neues erfahren.

Lance war mein Lebensmensch. Unsere Liebe war eine absolute Bereicherung für uns beide. Ich bin in seine Kultur eingetaucht und er in meine.

1993 kam es dennoch zum Bruch.

Da war ich 50 Jahre alt. Lance ist immer am Samstag und Sonntag zu seiner Ex-Frau und den Kindern nach Baden gefahren, und ich bin das Wochenende alleine dagesessen. Ich hatte extra ein Zimmer für seine Kinder eingerichtet, aber sie hatten ein Verbot, zu kommen, solange ich da war. Ich verstehe es irgendwie, ich war ja der Scheidungsgrund. Ich habe zu Lance dann gesagt: „Wenn es so weitergeht, ziehe ich aus.“ Lance wollte es einfach allen recht machen. Eines Tages hab ich zu ihm gesagt: „Ich hab mir gestern ein Haus gekauft.“ Er hat es nicht geglaubt. „Wir haben so eine innige Beziehung. Ich will keine alte Bissgurn (Anm.: streitsüchtige Frau) werden, die dich wegtreibt. Trennen wir uns einfach räumlich.“
So hat der Abschied begonnen. Das kann ich jedem mitgeben auf den Weg: Eine räumliche Trennung ist meistens das Aus für die Beziehung. Wir haben sehr viel telefoniert bis zu seinem Ende, ich habe am Jahrestag immer Blumen gekriegt und wir sind auch immer wieder essen gegangen. Er war auch bei meinen Festen dabei und bis zu seinem Tod 2011 eingebunden in mein Leben, aber wir waren eben kein Paar mehr.

Was hätte Lance Lumsden zu #BlackLivesMatter gesagt?

Für ihn war das nichts Neues. Er war an der University of Illinois, weil er ein Sportstipendium hatte, und der Ku-Klux-Klan versuchte ihn damals zu erwischen. Sie sind in sein Haus eingedrungen, er konnte aber flüchten. Die amerikanische Geschichte zeigt: „Land of the free“? Ja, aber nur wenn du weiß bist.

30. Juli 2020