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Chris Lohner: Gegen den Strom

#BlackLivesMatter wurde in diesem Jahr zur großen Bewegung. Doch wie lebte es sich früher in Österreich an der Seite eines Partners mit anderer Hautfarbe? Chris Lohner war Topmodel und 30 Jahre lang als Moderatorin das Gesicht des ORF. Sie ist erfolgreiche Bestsellerautorin und seit Jahrzehnten die Stimme der ÖBB. Anfang der 1980er-Jahre verliebte sie sich in Lance Lumsden, einen Tennis­profi und Verleger aus Jamaika. 15 Jahre lang waren sie Österreichs erstes gemischtes Glamour-Paar – und erlebten Diskriminierung, die schwer in Worte zu fassen ist. Mit OOOM spricht Lohner über ein Leben als „Negerhure“, Rassismus und sexuelle Übergriffe im ORF – bis hin zum Intendanten, der ihr vor einer Delegation des TV-Senders RAI die „Zunge in den Mund steckte“.

Georg Kindel30. Juli 2020 No Comments
Chris Lohner Gegen den Strom

“Lance Lumsden” “Chris LOHNER” , “Chris LOHNER” feiert 60. Geburtstag, Schlumberger Kellerei, Wien, 10.07.2003, ‘ Benk√∂/PHOTO PRESS SERVICE Vienna, www.photopress.at

Sie waren viele Jahre ein gefragtes Model, reisten nach Paris und London, wurden für Magazine wie die „Elle“ fotografiert. Wann sind Sie zum Fernsehen gekommen?

1973, da war ich gerade 30 Jahre alt. Ich habe immer gesagt, ich möchte mit 30 Jahren nicht mehr als Model vor der Kamera stehen. Ich war allerdings andere Gagen gewohnt, aber das war für mich in Ordnung. Bis zu dem Zeitpunkt haben immer meine Agenten die Gagen verhandelt. Als ich mein erstes Gehalt vom ORF überwiesen bekam, dachte ich, dass da noch etwas fehlt und habe im Büro nachgefragt, wann denn der Rest überwiesen wird. Die haben nur gesagt: „Da kommt kein Rest.“ Wenn man nachhakt, dann wird man rausgeschmissen, meinten meine Kolleginnen. Ich habe mir einen Termin bei ­Helmut Zilk geben lassen, dem damaligen Fernsehdirektor. „Offensichtlich kriegen wir schon seit Jahren immer das gleiche schlechte Geld, und es gibt ja auch so etwas wie eine Inflationsquote. 880 Schilling pro Abend, das kann es ja nicht sein!“ Er hat dann in der Lohnverrechnung angerufen und gemeint, das ginge überhaupt nicht. Ab morgen sind das 1.200!

Haben Sie schlüpfrige Fanpost bekommen?

Einmal habe ich ein Polaroid gekriegt mit einem kleinen Brief wo draufstand, was er dann mit mir machen werde. Und ich schaue mir dieses Polaroid an und erkenne nur ein grünstichiges etwas. Ich zeige es meiner Kollegin, die meint: „Tu das weg, du Schwein!“ War das ein Penis, den sich jemand mit dem Polaroid selbst fotografiert hat. Wir waren Lustobjekte damals.

Der Fall Harvey Weinstein hat gezeigt, wie das System lange lief. Haben Sie beim ORF ähnliche Erfahrungen gemacht?

Ja, sicher.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe mir nichts gefallen lassen. Einer hat mir beim Vorbeigehen am Gang auf den Busen gegriffen. Und ich habe ihm dann in den Schritt gegriffen, so dass er wirklich geschrien hat. Und dann haben sie erzählt: „Die Lohner ist lesbisch.“ Meine Erfahrung sagt mir: Männer kommen im Allgemeinen nicht auf die Idee, dass, wenn dich einer anbaggert und du ihn abweist, er dir vielleicht nicht gefällt. Wie meine Beziehung mit Lance ruchbar wurde, da haben sie am Regieplatz Dialoge geführt, die wirklich grauslich waren: „Die Neger stinken ja eigentlich“ und solche Sachen haben sie gesagt. Und ich saß daneben. Das Interessante ist: Ich habe mir diese Leute sehr genau gemerkt. Ich habe damals nichts darauf gesagt, ich wollte mir diese Ebene nicht geben. Aber als dann einer von diesen Typen auf mich zukam und fragte, ob ich ein Video für seine Mutter machen könnte, die ein Fan ist, sagte ich: Nein. Ich habe auf meiner Website etwas über #metoo geschrieben, das haben sich 500.000 Menschen angesehen. Mich hat es auf die Palme gebracht, dass man einen zotigen Witz auf dieselbe Schiene bringt wie eine sexuelle Nötigung. Das sind ja wohl andere Geschichten.

Einer hat mir im ORF beim Vorbeigehen am Gang auf den Busen gegriffen. Und ich habe ihm als Antwort in den Schritt gegriffen. Wie meine Beziehung mit Lance ruchbar wurde, haben sie am Regieplatz vor mir gesagt: „Die Neger stinken ja eigentlich.”

Was waren Ihre schlimmsten #metoo-Erlebnisse im ORF?

Ich wurde als Repräsentantin für den ORF zu einem internationalen Meeting mit der italienischen RAI geschickt. Ich saß mit dem Rücken zu X (Anm.: damaliger Intendant des ORF, Name der Redaktion bekannt) auf einer Bank beim Heurigen, mir gegenüber die Direktoren der RAI, und er kommt von hinten, packt mich, und steckt mir seine Zunge in den Mund. Ich bin aufgesprungen, ins Auto geflüchtet und hab weinend Wolfgang Lorenz beim ORF angerufen, der mich dorthin geschickt hat. Ich bin nicht mehr zurückgegangen. Ich habe es mir nicht gefallen lassen, aber du bist ja auf so was auch nicht gefasst. Ich habe vor den Italienern gezeigt, dass dieser Körper mir gehört.

Wie sind Sie X, der ein mächtiger Mann beim ORF war, später gegenübergetreten?

Die Geschichte ging dann noch weiter. Ich bin heim und habe es Lance erzählt. Er hat gemeint: „Lass mich nur machen.“ Als er ihn dann getroffen hat, hat er zu ihm gesagt: „Wenn Sie noch einmal meine Frau belästigen, dann schlage ich Sie zusammen, dass Sie nie wieder aufstehen können!“ Damit war eine Ruhe.

Ich wurde als ORF-Repräsentantin zu einem Meeting mit der RAI geschickt. Ich saß gegenüber den Direktoren, X kommt von hinten, packt mich und steckt mir seine Zunge in den Mund.

Wurden Sie auch von Kollegen beim ORF belästigt?

Von den Kollegen kamen solche Sachen nicht, es war immer eine Stufe höher, quasi Machtausübung nach unten. Aber ich hab es mir ja nicht gefallen lassen. Ich bin auf das nicht eingegangen. Zum Beispiel habe ich gehört, ich könnte schon längst eine Hauptabendsendung haben, wenn ich nicht „zuhause einen Neger sitzen hätte“. Das war eine Aussage von einer Führungspersönlichkeit beim ORF. Nicht vom Gerd Bacher, der war ja ein Ladies‘ Man, der hat mal zum Lance gesagt: „Wie ist es, wenn man so etwas Schönes zuhause hat?“ Das war das Maximum, er wusste, wie man sich benimmt.

30. Juli 2020