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Chris Lohner: Gegen den Strom

#BlackLivesMatter wurde in diesem Jahr zur großen Bewegung. Doch wie lebte es sich früher in Österreich an der Seite eines Partners mit anderer Hautfarbe? Chris Lohner war Topmodel und 30 Jahre lang als Moderatorin das Gesicht des ORF. Sie ist erfolgreiche Bestsellerautorin und seit Jahrzehnten die Stimme der ÖBB. Anfang der 1980er-Jahre verliebte sie sich in Lance Lumsden, einen Tennis­profi und Verleger aus Jamaika. 15 Jahre lang waren sie Österreichs erstes gemischtes Glamour-Paar – und erlebten Diskriminierung, die schwer in Worte zu fassen ist. Mit OOOM spricht Lohner über ein Leben als „Negerhure“, Rassismus und sexuelle Übergriffe im ORF – bis hin zum Intendanten, der ihr vor einer Delegation des TV-Senders RAI die „Zunge in den Mund steckte“.

Georg Kindel30. Juli 2020 No Comments
Chris Lohner Gegen den Strom

Haben Sie auch im Modelgeschäft Übergriffe erlebt?

Als Model war es so, dass es manchmal Kunden gab, die dann in der Garderobe standen und dir beim Umziehen zugesehen haben. Und der Fotograf ist nicht eingeschritten. Ich habe das der Agentur erzählt und er hat nie wieder jemanden von uns bekommen. Die Agentur hat schon auf uns geschaut. Ich will es aber nicht werten, jeder hat seine eigene Moral. Wenn ein Mädchen befindet, ich gehe mit dem auf die Couch und kriege dafür etwas, dann ist das Win-win und man muss den Mund darüber halten. Es ist nicht meins. Ich glaube an Qualität und Leistung und nicht ans Vögeln.

Nach der #metoo-Bewegung in Amerika – wäre es denn nicht an der Zeit, dass eine Institution wie der ORF seine eigene Vergangenheit aufarbeitet?

Ja. Aber die Menschen, die das gemacht haben, die sind nicht mehr. Und sie haben Familien, die nichts dafür können. Also wozu?

Läuft es heute am Küniglberg anders?

Das weiß ich nicht. Ich bin 2003 vom ORF weggegangen, da war ich schon alt und nicht mehr interessant. Ich finde nur, dass es keinen Sinn macht zu erzählen, dass mir vor 40 Jahren jemand an den Arsch gegriffen hat. Das war eine andere Zeit.

Wären allerdings die Frauen in Hollywood nicht aufgestanden, würde das System immer so weitergehen.

Ich bin überzeugt, dass es noch weitergehen wird. Vielleicht ist es die Win-win-Sache. Ich hatte auch eine Geschichte mit einem amerikanischen Regisseur hier in Wien. Er hat mich für ein Gespräch für eine Rolle getroffen, er hat gemeint, ich würde perfekt passen, aber um mich besser kennenzulernen, würde er gerne mit mir nach Venedig fahren. Ich habe gesagt: „Venedig kenne ich, und für eine Rolle fahre ich mit Ihnen nicht dorthin!“ Dann bin ich gegangen. Also man kann sich wehren.

Für welche Marken standen Sie als Model vor der Kamera?

Ich habe die Weltkampagne für „Piz Buin“ gemacht, die wurde im Libanon fotografiert. Ich habe sehr viel Schmuck, Brillen und Frisuren, also Perücken, gemacht und Mode, eher für Magazine. Was wir als Models geliebt haben, waren Otto-Versand und Neckermann, die dicken Kataloge. Das hatte zwar kein Renommee, aber es brachte das dicke Geld. Das Renommee hatte „Elle“. Vor über 50 Jahren habe ich mit Siegfried & Roy dafür fotografiert. Ich war auch mal auf „Harper’s Bazaar“ mit Sturzhelm und einer Carrera-­Brille am Cover. Dafür bin ich Tandem gesprungen. Das würde ich heute nicht mehr machen (lacht), aber damals habe ich wilde Sachen gemacht.

Chris Lohner

Sie stehen demnächst in Salzburg auf der Bühne?

Der Vertrag kam eben, der Kostümbildner und der Regisseur haben mich schon angerufen. Ich soll im Stück „Network“ nach der Filmsatire von Paddy Chayefsky auf der Bühne stehen. Am 25. September ist Premiere. Ich habe eine Rolle, die im ursprünglichen Film eigentlich ein Mann ist. Ich spiel gerne Männerrollen. Ich würde gerne auch mal den Frosch in der „Fledermaus“ spielen. Das ist etwas, wo ich sage: Das will ich noch machen!

Ich stehe ab 25. September in Salzburg in „Network“ nach Paddy Chayefskys Filmsatire auf der Bühne. Meine Rolle spielt im Film ein Mann. Ich würde gerne auch mal den „Frosch“ in der „Fledermaus“ spielen.

Sie haben 13 Bücher verfasst, viele davon waren Bestseller. In Ihrem neuen Buch „Ich bin ein Kind der Stadt“ erzählen Sie über Ihre Kindheit im Wien der Nachkriegszeit.

Mein Agent hat mich voriges Jahr angerufen, dass mich die Volksoper für „Orpheus in der Unterwelt“ engagieren möchte. Super! Aber eh nicht singen? Und sie meinten nein, nein. Ich hab den Vertrag unterschrieben, das ganze Jahr von April bis Dezember wäre abgedeckt gewesen. Irgendwann flattert dann eine Partitur bei mir ein. Ich bin ja keine Sängerin, ich bin Schauspielerin! Als Profi weiß ich, was ich kann. Aber noch viel wichtiger: Ich weiß, was ich nicht kann. Dann hab ich meinen Agenten gebeten, mich aus dem Vertrag zu nehmen. Ich dachte: Wunderbar, jetzt schreibe ich das Buch, das ich schon so lange schreiben wollte. Jetzt habe ich Zeit. Und ich begann die Geschichte meiner Familie zu erzählen, wie der Zweite Weltkrieg zu Ende ging und die Befreier in unser Land kamen.

 

Fotos: Roland Unger

30. Juli 2020