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Christine Reiler: Private Practice

Christine Reiler war „Miss Austria“ und ist heute Österreichs beliebteste TV-Ärztin. Die zweifache Mutter, die sechs Sprachen spricht, vermittelt in der ORF-Sendung „Bewusst gesund“ jede Woche dem Publikum den Weg zu einem gesunden Lebensstil. In OOOM spricht Autorin Elisabeth Sereda mit ihrer Freundin über #MeToo in der Missenwelt, Disziplin, Karriere mit Familie, die Faulheit der Männer, mangelndes Selbstwertgefühl, das eigene Körperbild, Naturmedizin – und warum ewige Beziehungen immer schwerer werden.

Elisabeth Sereda1. März 2022 No Comments

Interessante Menschen sind komplexe Kreaturen. Sie erlauben uns immer wieder einen Augen-Blick in ihre Seele, kurz und limitiert, und manchmal können wir aus diesen Puzzleteilen ein Bild zusammensetzen, das uns wirklichen Einblick gewährt. Ich traf Christine 2011 bei einem Event. Die Missenjahre waren längst vorbei, die Beziehung zum olympischen Schwimmer auch. Die Klischees davon klebten noch und ganz konnte ich mich der vorgefassten Meinung wohl auch nicht entziehen. Doch dann passierte etwas Seltenes: Wir begannen anstatt oberflächlichen Smalltalks ein echtes Gespräch. Eines, das bis heute anhält. Christine wurde eine gute Freundin, eine meiner liebsten Reisebegleiterinnen und eine Frau, deren innerem Wachsen ich mit Spannung zusehe. Sie ist Ehefrau und zweifache Mutter. Ihr Sohn ist fast fünf, ihre Tochter zweieinhalb. Christine ist klug, gebildet, witzig, schlagfertig, loyal. Sie ist stur und flexibel, laut und still, kontemplativ und spontan. Sie ist eine komplizierte und komplexe Frau, die der Suche nach dem eigenen Selbst nie entflieht, weil sie weiß, dass Kennenlernen nie endet, am allerwenigsten bei sich selbst.

Wie ist es passiert, dass du mitten im Medizinstudium bei einem Missen-Wettbewerb mitgemacht hast?
Ich habe während meines Studiums immer gejobbt, um Geld zu sparen, damit ich einmal im Jahr verreisen kann. Auf der ÖH-Seite stand: Werde „Miss Niederösterreich“ und verdiene viel Geld! Klingt spannend, dachte ich. Gleichzeitig habe ich mit einer Schweizer Freundin über die „Miss Schweiz“-Wahl geredet und wir haben beschlossen, beide teilzunehmen und gewettet, wer weiterkommt. Sie ist dann abgesprungen, während ich mich für die „Miss Niederösterreich“ angemeldet hab. Das erste Treffen mit dem Organisator fand auf einer Autobahnraststätte statt: Ich, dieser Herr und fünf weitere junge Damen. Wir haben erfahren, dass die Wahl in der Disco „Schatzi“ in Hagenbrunn sein wird. Ich habe mitgemacht – da waren gerade mal zehn Leute – und gewonnen. Damit hast du sofort einen Vertrag, dass du zur „Miss Austria“-Wahl antreten musst. Später hat mir eine Kollegin erzählt: „Du hast gewonnen und ‚Scheiße‘ gesagt.“ Nicht, weil ich den Sieg so schrecklich fand, sondern weil ich die nächste Woche auf der Uni verplant hatte. Dann bist du zur „Miss World“- Wahl geflogen. Die war in China, irgendwann im Winter, da waren wir 120 Teilnehmerinnen für zwei Wochen in Hinan. Ich kam ins Halbfinale und wurde Sechste. Ich war ja mit 25 schon alt für die „Miss World“.

Was geht im Kopf einer Medizinstudentin bei diesem Medienrummel vor?
Es hat weder meine Welt verändert noch meine Lebensplanung.

Ich hatte ein Jahr Spaß, habe die Welt bereist. Die Medien waren nicht ungut zu mir. Misswahlen sind seit jeher und lange vor der #MeToo-Bewegung mit einem schmierigen Image behaftet.

Ist dir jemals ein Übergriff passiert?
Ich bin, glaube ich, nicht der Typ, der das anzieht, ich bin da sehr selbstsicher. Ich glaube,solche Männer haben ein gutes Gespür, bei wem sie es probieren können und bei wem nicht. In China war‘s etwas komisch, da haben sie bei einem Abendessen die chinesischen Sponsoren zwischen die Mädels gesetzt. Da habe ich von anderen Mädchen schon gehört, dass sie eindeutige Angebote bekamen, aber mir selbst ist das nicht passiert. Ich habe mir erst später einen Stalker eingetreten. Wir haben uns vor Gericht getroffen, nachdem er mir vor meinem Haus aufgelauert ist und mir eindeutige Fotos von seinem Geschlechtsteil geschickt hat. Da dachte ich mir schon: Wie krank muss einer sein?

Du wurdest danach Teil der Promiwelt, hattest einen nicht ganz unbekannten Freund (Anm.: Schwimmsportler Markus Rogan). Sportler Frauen werden manchmal angegriffen, wenn der Mann nicht sein Wettkampfziel erreicht. Du auch?

Ja, habe ich erlebt. Aber er hat ja den Weltmeistertitel geschafft, als ich mit ihm zusammen war. Und dann ist es auch mal nicht so gut gelaufen, da ist die Frage, wie der Partner das nach außen trägt. Das hat dann mehr mit der Qualität der Beziehung zu tun. Traurig ist, dass so etwas immer nur bei Männern passiert. Du wirst keine Profisportlerin finden, deren schlechte Ergebnisse auf ihren Freund oder Mann geschoben werden. Bei mir haben sie halt dann das Missen-Ding hervorgeholt.

Und später?
Mir wurde massiv vorgeworfen, ich hätte mir jemanden gesucht, um meine Karriere zu pushen. Das hat mich getroffen, denn ich war verliebt, hatte einen sehr charismatischen Partner und habe die öffentliche Tragweite der Beziehung unterschätzt. Ich war vielleicht naiv. Ich fühle mich zu Menschen hingezogen, die etwas weiter in den Horizont blicken und sich nicht von Vorurteilen beeinflussen lassen.

War Medizin immer deine Berufung?
Ich habe als Teenager Ausflüge ins Musical gemacht, in die Schauspielerei, habe getanzt. Aber ich wusste, dass ich es nicht als Arbeit machen will, dass ich vom Charakter her etwas Bodenständigeres brauche, was den Menschen hilft. Natürlich war ich auch von zuhause geprägt, mein Vater ist Unfallchirurg und Orthopäde. Ich war schon als Kind mit auf Visiten und in Spitälern. Ich wusste mit 12, dass ich das machen will.

Woher nimmst du deine Disziplin?
Hab ich die? Ich bewundere immer Leute, die um fünf Uhr aufstehen und eine Stunde Sport betreiben jeden Tag. Ich kann das nicht. Aber die Medizin mache ich immer noch mit Liebe. Ich habe gern studiert, ich lerne leicht. Ich musste mich nie überwinden.

Dann warst du fertig und dir wurde eine TV-Sendung angeboten.
Mir wurden immer wieder TV-Sendungen angeboten, z. B. „Bauer sucht Frau“, was ich damals abgelehnt habe. „Dancing Stars“ habe ich gemacht und mir damals schon gedacht: Es wäre toll, wenn ich Medizin mit meiner öffentlichen Person verbinden könnte.

Ich stehe gern vor der Kamera, ich rede gern mit Leuten. Man kann mich vielleicht als exhibitionistisch bezeichnen, aber ich stehe einfach gern auf der Bühne.

Ist deine wöchentliche Sendung „Bewusst gesund“ eine gute Bühne?
Ich fand das eine schöne Vorstellung, eine Sendung gestalten zu dürfen, in der ich Informationen und Werte vermitteln kann. Ich habe die Möglichkeit, sehr viele Leute zu erreichen, was ich in einer Ordination nicht habe. Was  mich begeistert, ist die kreative Seite. Ich habe diese Idee schon vor Jahren deponiert beim ORF und man hat sich daran erinnert und mir auch die Chance gegeben. Denn ich bin durch das Casting gelaufen, da gab‘s mehrere, die im Rennen waren.

Du bist nicht nur Ärztin, sondern auch Kräuterexpertin. Wie verbindest du die klassische Medizin mit alternativer Naturheilkunde?
Mein erstes Wort als Kind war Blume. Ich habe das von meinen Eltern, die bewaffnet mit Pflanzenbüchern mit uns durch die Pampa marschierten, mitbekommen. Meine Mutter hat Husten mit selbst gemachtem Spitzwegerichsirup kuriert, Ringelblumensalben hergestellt. Für mich war Naturheilkunde immer  positiv besetzt. Ich habe mit 16 schon die Kräuter für meinen Tee gesammelt. Ich habe aber bemerkt, dass das Wissen verloren geht. Auf der Kinderambulanz wurde ich oft gefragt, ob man gleich Antibiotika verschreiben soll, und ich sagte immer – wenn es nicht kritisch war: Machen Sie Essigpatscherln. Und dann kam die Frage: Was ist das, wie geht das? Deshalb habe ich die Phytotherapieausbildung gemacht und all dieses Wissen in ein Buch verpackt, mit dem ich viele Leute erreichen kann. Ich arbeite auch schon am nächsten. Da wird es um innere Heilung, Ernährung und Beauty gehen.

1. März 2022