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Dacher Keltner: Professor Optimist

Als Professor für Psychologie an der Universität Berkeley glaubt Dacher Keltner – trotz der momentanen Situation in den USA – an das Gute im Menschen. Der Gründer des Greater Good Science Center beriet Google und Facebook zu Themen wie Emotion und Altruismus, unterstützte Pixar mit seiner Expertise beim oscargekrönten Zeichentrickfilm „Alles steht Kopf“, erforscht das Mitgefühl und fand dabei Zusammenhänge, die für den evolutionären Erfolg der menschlichen Spezies nicht unwesentlich waren. Ein spannendes Gespräch über die US-Wahl, Corona, den Soziopathen Trump, die Zukunft Amerikas – und warum es uns besser geht, wenn wir altruistisch handeln.

CHRISTINA ZAPPELLA-KINDEL22. Dezember 2020 No Comments
Dacher Keltner, Professor of Psychology, University

Dacher Keltner

Was kann man in seinem täglichen Leben tun, um den Vagusnerv zu aktivieren?
Offensichtlich ist natürlich, viel Sport zu machen, aber wirklich interessant ist, eine einfache Übung, die ich oft meinen Studenten beibringe: Nehmt einen tiefen Atemzug ein – und aus. Diese simple Übung stärkt den Vagusnerv. Wir wissen auch, dass Liebe und Freundlichkeit zu praktizieren, Gutes zu tun oder Schönheit anzuerkennen den Vagusnerv stärken. Die Menschen merken ja auch, dass sie sich gut fühlen, wenn sie in der Natur spazieren. Auch wenn man Texte vom Dalai-Lama über Mitgefühl liest, trainiert das den Vagusnerv. Freundlichkeit, tiefes Atmen und Ehrfurcht sind eindeutig wissenschaftlich belegte Auslöser dafür, dass sie den Vagusnerv aktivieren, und dann gibt es auch noch andere Dinge, wie alle Arten der Meditation, eine gute Massage oder Umarmung – zurück zu unseren Wurzeln und zur Gemeinschaft zu finden.

Es würde uns zu viel kosten, wenn wir einfach nie wieder einen anderen Menschen berühren dürften.

Zurzeit haben wir in sehr vielen Ländern Lockdowns, aufgrund von Covid-19, und es ist nicht mehr so einfach, Gemeinschaft zu teilen. Können Sie für diese Situation etwas raten?
Ich finde sehr spannend, dass ich in der Minute, als wir in den Lockdown gegangen sind, schon so viele Anrufe von Leuten bekommen habe, die meinten, sie drehen durch, wenn sie keine Menschen mehr berühren dürfen. Ich würde sagen, hört nicht auf, euch zu berühren, Menschen zu umarmen, die euch nahestehen, aber natürlich auf eine der Pandemie angemessene Weise. Wenn wir jetzt gelernt haben, dass das Virus für Kinder nicht gefährlicher als die Grippe ist, sollten wir unsere jungen Kinder wieder mehr umarmen. Wir dürfen unsere Bindungssysteme nicht komplett zerstören, wir müssen intelligente Wege dafür finden, wie wir Menschen noch berühren können. Es würde uns zu viel kosten, wenn wir einfach nie wieder einen anderen Menschen berühren dürften. Das ist auch aus medizinischer Sicht wichtig.

Glauben Sie, Covid-19 ist auch eine Chance für Veränderung?
Das glaube ich. Ich glaube, wenn Menschen Traumata erleben, fragen sie danach, warum ist das passiert? Was haben wir falsch gemacht? Und dann korrigieren sie es. Wir können uns unsere Probleme anschauen und uns fragen, warum so viele Schwarze Menschen sterben, warum es so viele Übergewichtige gibt und anderes. Eine der Hauptursachen, warum Menschen an Corona sterben, ist, dass ihr Körper schon vorher entzündet war. Wir wissen, dass Ehrfurcht, Mitgefühl und Meditation Entzündungen reduzieren können. Ich glaube, mehr und mehr Menschen werden diese Möglichkeiten nutzen.

Dacher Keltner, Professor of Psychology, University

Was soll Ihre Arbeit am meisten bewirken?
Es gibt etwas, dass mich wirklich stolz und froh machen würde, und das ist, dass meine Arbeit langsam in den Schulen ankommt. So, wie heute über das Nervensystem unterrichtet wird, könnte auch über den Vagusnerv unterrichtet werden. Ein anderer großer Einflussbereich, den ich mir wünsche, ist die Medizin. Viele Menschen, die in den USA sterben, sterben auch wegen Einsamkeit oder wegen Rassismus. Das sind soziale Probleme und wir brauchen soziale Antworten darauf. Man kann diese Probleme nicht mit Medikamenten lösen. Gerade in Zeiten von Covid-19 sollte sich die medizinische Versorgung in den USA für Ehrfurcht, Schönheit und Freundlichkeit öffnen, für Atemübungen, Meditation und Yoga als medizinische Anwendungen. Wenn wir daran arbeiten, sollten wir es auch in die Langzeitpflegeeinrichtungen einbauen. Es gibt sehr viele Menschen, die genau das brauchen – und es ist auch noch günstig.

Hat die Menschheit noch einen langen Entwicklungsweg vor sich? Wie werden wir in hundert Jahren sein?
Ich glaube nicht, dass wir schon fertig sind. Wir haben noch eine Menge zu tun. Steven Pinkers Buch „The Decline of Violence” hat mich sehr inspiriert. Er schreibt darüber, dass die Sklaverei überall verbreitet war und langsam verschwindet, dass Vergewaltigungen sehr verbreitet waren und weniger werden und dass früher täglich gefoltert wurde und das auch weniger wird. Das heißt, wir kämpfen den Kampf des Mitgefühls und in vielen Bereichen gewinnen wir ihn. Während der nächsten hundert Jahre haben wir weiter diesen Kampf des Mitgefühls zu führen, für die Eingesperrten und für die Natur. Das Letztere wird schwieriger sein. Wenn ich ein menschliches Gesicht sehe, ist es leichter, Mitgefühl zu empfinden und Übel zu reduzieren, als wenn es um eine andere Spezies im Amazonas geht und sich für mich die Entscheidung zwischen ihr und einem Flug irgendwohin stellt. Aber ich glaube, dass wir in hundert Jahren auch in diesem Bereich Siege feiern können.

Wir sind dazu geboren, gut zu sein, denn ein Teil unseres Nervensystems hat die Strukturen dazu entwickelt.

Was macht das Leben bedeutungsvoll?
Ich glaube, die Evolution hat uns diese Meisterleidenschaften gegeben: die eine ist die Liebe, eine andere ist Dankbarkeit, um Geschenke des Lebens annehmen zu können, eine weitere ist Barmherzigkeit, um Leiden in der Welt zu mindern, und die vierte ist die Ehrfurcht, mit der man die Geheimnisse des Lebens annehmen und die Dinge, die gut sind, verehren soll – die höheren Wahrheiten, wie Sie es genannt haben. Wenn man diese leben kann – Liebe, Dankbarkeit, Mitgefühl und Ehrfurcht –, wird es einem gut gehen und der Rest erledigt sich von selbst. Man wird bessere Beziehungen haben, eine gute Arbeit finden und gesund bleiben. Das ist eine darwinistische Sichtweise, die Sichtweise des Dalai-Lama und die von David Hume. Es ist Romantizismus. Vertraue auf deine Intuitionen, denn du hast ein paar gute!

Werden Sie manchmal wütend?
Ja! (Lacht) Ich werde oft wütend über ungerechte Privilegien. Unangemessene Privilegien sind das größte Problem der USA und sie töten Menschen. Wir brauchen all diese Leidenschaften, aber nur bis zu einem gewissen Grad.

Wie können wir besser leben und die Dinge positiver wahrnehmen?
Ich arbeite gerade an einem Buch über Ehrfurcht. Das Thema ist sehr spannend. Normalerweise würde ich sagen: Praktizieren Sie Freundlichkeit! Aber Ehrfurcht macht auch sehr viel Gutes mit den Menschen und für unsere Gemeinschaft. Wir brauchen sie und sie ist wirklich das, was gerade wichtig ist in Zeiten der Globalisierung. Ich glaube, die Hauptsache von Ehrfurcht ist es, Geheimnisse anzunehmen. Wir wissen zum Beispiel nicht, was passieren wird, wenn wir sterben. Finden Sie Dinge, die größer sind als Sie selbst, und arbeiten Sie für diese! Ich habe so viel gelernt, als ich die Ehrfurcht studiert habe, deshalb ist das mein Ratschlag.

Während der nächsten hundert Jahre haben wir weiter diesen Kampf des Mitgefühls zu kämpfen, für die Eingesperrten und für die Natur.

22. Dezember 2020