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Ein magisches Paar: Thommy Ten und Amélie van Tass

Kann man Gedanken wirklich lesen? Ist Magie möglich? Was kann Illusion beim Zuschauer bewirken? Amélie van Tass und Thommy Ten, seit ihrem zweiten Platz bei „America’s Got Talent“ als The Clairvoyants Stars der Szene, im OOOM-Interview über Tricks, Magie zu Zeiten von Virtual Reality, übernatürliche Kräfte und das harte Entertainment-Business. Das Duo zählt international zu den gefragtesten Magiern in einem Genre, dem seit Siegfried & Roy der Glanz fehlt. Mit einer Kombination aus Mentalmagie und Zauberei bespielen Ten und van Tass, auch privat ein Paar, Theater von Los Angeles, Houston bis Phoenix und hinterlassen staunende Blicke. Bei der letzten Nationalratswahl in Österreich sagten sie über den Radiosender Ö3 das Ergebnis voraus. Wie machen sie das?

Teresa Lackner5. Dezember 2018 No Comments
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Zauberei und Magie bedeuten immer Illusion. Hinter jeder Nummer steckt ein Trick. Können wir uns gleich zu Beginn darauf einigen?

Thommy Ten: Bei uns ist es eine Mischung, eben nicht nur Zauberei. Es geht viel um Gedankenlesen und Telepathie. Da spielen Bauchgefühl und Intuition eine Rolle. Diese Komponenten mischen wir dann mit der Zauberei zusammen und daraus entsteht eine Show. Aber natürlich haben Sie recht: Niemand auf dieser Welt kann wirklich Gedanken lesen.

Auch Sie verwenden demnach Tricks?

Ten: Es gibt natürlich Illusionstricks, die wir verwenden. Aber die Show basiert auf Momenten grundmenschlicher Phänomene. Wir präsentieren sie so, dass sie Leute begeistern.

Welche Rolle spielt die Analyse des Publikums bei Ihrer Show? Haben Sie Trainings gemacht, um das Verhalten von Menschen zu analysieren und wählen Sie dann jene, die auf die Bühne dürfen, danach aus?

Ten: Das Wichtigste ist der Mensch selbst. Ohne das Publikum würde unsere Show nicht funktionieren. Wir sind viel im Publikum und holen Leute auf die Bühne. Deshalb ist das Training mit Menschen besonders wichtig. Am Anfang unserer Karriere haben wir 400 Auftritte im Jahr gespielt, nur um mit dem Publikum proben zu können.

van Tass: Natürlich wird die Menschenkenntnis mit der Zeit besser. Viele Personen im Publikum werden per Zufall ausgewählt und da haben wir keinen Einfluss darauf. Aber manchmal schauen wir schon, welche Person für das nächste Kunststück geeignet wäre. Da geht es natürlich viel darum, wie die Person auf uns reagiert.

Im Radiosender Ö3 haben Sie die Ergebnisse der Nationalratswahlen in Österreich vorhergesagt. Sie haben sie in eine verschlossene Holzbox ins Studio gestellt, wo sie rund um die Uhr von Webcams überwacht wurde. Wie geht das?

Ten: Wir hatten die Box tatsächlich nie wieder in der Hand. Moderator Robert Kratky ist als kritischer Mensch bekannt. Er hat uns aus dem Ö3-Studio verbannt – keiner von uns oder unserem Team durfte vor der offiziellen Öffnung der Box wieder das Studio betreten.

van Tass: Mithilfe der Livecam, die ins Internet übertragen wurde, hätten wir sowieso keine Möglichkeit gehabt, den Inhalt der Box auszutauschen.

Ten: Wir wollten noch einen Schritt weitergehen und haben das Ergebnis eine Woche vor der Wahl auf unserer Facebook-Seite und auf YouTube veröffentlicht. Es hat tatsächlich gestimmt.

Wann wussten Sie, dass Gedanken die zentrale Komponente in Ihrer Show werden sollen?

van Tass: Sehr bald. Es geht dabei auch viel um unsere eigene Geschichte. Bevor wir uns kennengelernt haben, sind wir uns ständig über den Weg gelaufen, ohne es zu realisieren. Im Nachhinein glaube ich, dass es einfach noch nicht gepasst hat. Wir haben unsere Wege zunächst beide noch getrennt gehen müssen. Gemeinsam wollten wir dann dieses Phänomen mit anderen Menschen teilen und mit den Gedanken des Publikums arbeiten. Die wahre Herausforderung ist definitiv der persönliche Kontakt mit den Leuten, der auch viel länger in Erinnerung bleibt. Die Thematik des Gedankenlesens hat uns immer weiter beschäftigt und wir sind total reingekippt.

Es ist natürlich ein Unterschied, ob man eine Zaubershow in Niederösterreich präsentiert oder bei „America‘s Got Talent“ zweiter wird.

Ten: Da haben viele Faktoren zusammengespielt. Wir wollten raus und unsere Show möglichst vielen Menschen auf einer großen Bühne zeigen. Wir hatten unser erstes großes Booking und waren ein halbes Jahr auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs, das eigens für unsere Show ein Theater an Bord bauen ließ. In dieser Zeit haben wir 350 Shows gespielt – jeden Tag zwei. Die Menschen waren fasziniert und nach einiger Zeit wurden immer bedeutendere Leute aus der Branche eingeflogen, da sich unsere Auftritte herumsprachen. So kam es, dass wir direkt danach mit der damals größten Zauberproduktion auf zwei Welttourneen gingen. Wir durften quer vom Opera House in Sydney über Hongkong, Mexiko, Europa und Singapur zwei Jahre lang touren. Dann kamen TV-Produzenten auf uns zu, unter anderem auch einer aus Simon Cowells Team. Bei „America‘s Got Talent“ tritt man wöchentlich ein halbes Jahr lang vor bis zu 18 Millionen Menschen im Fernsehen auf. Man muss sich natürlich von Auftritt zu Auftritt steigern. Dass unsere Show wie eine große Hollywood-Produktion aufgezogen wird, war da wichtig.

Hantelt man sich da von Woche zu Woche und überlegt: Was kann ich das nächste Mal noch machen?

van Tass: Es gab einen Grundplan.

Ten: Wir sind bei den ersten beiden Folgen aufgetreten und haben danach unseren Plan radikal geändert. Wir wollten die Juroren einbinden, damit sie wirklich Teil des Auftritts werden. In den letzten Wochen der Show haben wir 20 Stunden pro Tag gearbeitet: weil es natürlich live ist, Fernsehen ist, man nebenbei neue Sachen ausprobiert, rundherum Interviews hat und jede Woche neue Kostüme angefertigt werden müssen. Das ist natürlich ein wahnsinniges Arbeitspensum. Da merkt man, wozu der Mensch fähig ist, wenn er ein klares Ziel vor Augen hat.

van Tass: Für uns war klar, dass wir ganz Amerika die Tour auch live zeigen wollen. The Clairvoyants must go out there!

Wie groß war der Schub durch „America‘s Got Talent“?

van Tass: Das Interesse war groß. Unser Tourneeveranstalter schickte uns durch die USA und wir bezauberten am Abend zwischen 1.000 und 10.000 Menschen. Es gibt Leute, die fliegen extra ein oder fahren vier bis fünf Stunden mit dem Auto, um unsere Show zu sehen.

Ten: Es ist schon überwältigend. In Amerika fliegen wir jeden Tag. Wir landen am Morgen auf einem Flughafen irgendwo im Landesinneren und es ist nicht viel los. Dann fahren wir zu einem Theater im Nirgendwo mit Tausenden Plätzen. Am Abend ist es voll und man fragt sich, woher die ganzen Menschen kommen. Nachher erzählen sie, dass sie diese lange Anreise extra für die Show auf sich genommen haben. Solche Momente geben Kraft, hinauszugehen und sein Bestes zu geben.

Analysieren Sie die Zaubertricks von Kollegen wie David Copperfield, Hans Klok oder Siegfried & Roy?

van Tass: Natürlich weiß man bei manchen Tricks, wie sie funktionieren. Ich finde es aber jedes Mal toll, etwas völlig Neues zu sehen. Das eröffnet eine fremde Welt für uns und man wird daran erinnert, wie man sich als Publikum fühlt. So gelingt es uns, sich wieder besser in die Zuschauer hineinversetzen zu können.

Wie lernt man Mentalmagie?

Ten: Der eine Teil ist das Auftreten. Das war der Grundbaustein, auf dem man aufbauen konnte. Die Mentalmagie, bei der man eigentlich nur zusammen mit dem Publikum lernen kann, haben wir erst danach für uns entdeckt.

Natürlich verraten Ihnen auch Kollegen nicht ihre Tricks. Wie erfindet man also Magie-Nummern?

Ten: Anfangs durch Bücher – ich habe auch selbst ein Buch geschrieben – oder mit Zauberkästen. Danach muss man sein Gebiet finden, das so interessant ist, um daraus einen Show­act zu machen. Üben kann man nur durchs Auftreten und Ausprobieren. Es gibt kein Rezept dafür, wie man die perfekte Show hinbekommt.