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Das Verrücktsein, das Spinnen – das ist mir wichtig

Kurt Welther ist einer der außergewöhnlichsten Künstler Österreichs. Seine Einzelausstellungen im Museo de Arte Moderno in Mexico City begeisterten die Massen ebenso wie im Phantastenmuseum Wien.

CHRISTINA ZAPPELLA-KINDEL & GEORG KINDEL31. Mai 2017 No Comments
Fotos: Roland Unger

Wer seine Bilder nüchtern betrachtet, kann sich einer Frage nicht entziehen: Was für ein gutes Gras war hier zugange? „Nein, nein“, lacht Kurt Welther, 60, laut auf, Malen könne er immer nur im nüchternen Zustand, keine Joints, kein Alkohol. Bei diesen Motiven ist das schwer zu glauben: Weiße Pudel unter der weißen Papst-Soutane, ein blühender Holler-Busch – Welthers Lieblingsmotiv –, dazwischen entkleidete Mädchen und mittendrin Sergio Leones High-Noon-Szene aus „Für eine Handvoll Dollar“, das alles überlagert von komplementären Mustern, aufgetragen mit einer Malerwalze und abgerundet mit sinnigen Bildtiteln wie „Sepp Wildschwendtner ist 80“. Das ist der erste Eindruck, wenn man Kurt Welthers Atelier im niederösterreichischen Berndorf betritt. Ein raffiniert-fröhliches Farbenspiel mit Objekten, Aktdarstellungen, Blüten, Essensbildern und korrespondierenden Schriftornamenten, verpackt in intensive Farben. „Er legt über die Realitätspartikel wechselnde Muster, vergleichbar mit Sigmar Polkes Collagetechnik, wenn auch ohne dessen ironischen Zugriff“, beschreibt der Münchner Kunstkurator Elmar Zorn, einst künstlerischer Leiter der Wiener Festwochen, das Werk Welthers. Und Frida Kahlo-Biografin Teresa del Condo nannte ihn gar einen „figurativen Meister mit fotografischen Bezügen, der stets den Illusionismus vermeidet und die Ikonographie beherrscht“.

Meisterklasse Lehmden.

Kurt Welther gehört ohne Zweifel zu den außergewöhnlichsten Künstlern des deutschen Sprachraumes. Er studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Wien in der Meisterklasse von Anton Lehmden sowie in Madrid, Rom, Florenz und Venedig Malerei und sorgt durch seine kraftvollen Werke in Ausstellungen von Mexiko bis Amsterdam für Faszination. Für Kurt Welther stellte sich nie die Frage, was seine Berufung ist. Es interessierte ihn immer nur eines: zu malen.

Muster & Ornamente.

Hineingeboren ins niederösterreichische Berndorf, Zentrum der Metallindustrie der Industriellenfamilie Krupp, wollten seine Eltern nach der Schule einen sicheren Lehrberuf für ihn. Doch Welther entschied sich für eine Textilzeichnerlehre, die Begeisterung für Muster und Ornamente ist bis heute Bestandteil vieler seiner Bilder. Daneben besuchte er Abendkurse auf der Volkshochschule und wurde dort von seinem Lehrer animiert, die Aufnahmeprüfung an der Akademie der bildenden Künste in Wien zu machen. Also ging er mit 18 Jahren zum Entsetzen seiner Eltern zur Aufnahmeprüfung – und wurde sofort in Lehmdens Meisterklasse aufgenommen. Ist es für viele junge Menschen heutzutage chic, einen künstlerischen Beruf auszuüben, so war es für Welther „ein innerer Drang und die Freude an der Malerei“.

Von El Greco bis Velásquez.

Früh faszinierten ihn vor allem Studien der alten Meister von El Greco, Tizian und Velásquez, die ihn inspirierten und die er immer wieder in eigenen Hommagen künstlerisch verarbeitete. Doch auch die Pop Art, allen voran Jasper Jones und Jackson Pollock, hatten es ihm angetan.

Das Interview.

Herr Welther, was macht gute Kunst aus? Nehmen wir das monochrome Blau eines Yves Klein.
Bei Yves Klein ist das Bestechende sein pures Blau, das er gut in sich reduziert hat. Die Kunst liegt in der minimalistischen Beschränkung auf das Blau. Die Pigmente, die Farbwelt sind für mich ganz wichtig, da ich durch meinen Textilmusterzeichenberuf gelernt habe, Farben richtig zu mischen. Das lernt man auf der Akademie nicht. Klein hat das nicht ausgeweitet, er ist auf dem Blau geblieben. Was bleibt von einem Künstler über, wenn er tot ist? Zu Lebzeiten ist es viel, aber nach seinem Tod reicht das Blau völlig aus.
Können Sie nachvollziehen, was in seinem Kopf vorgegangen ist?
Das kann ich bei Yves Klein auf jeden Fall, aber auch bei Joseph Beuys, nur ich lasse keine tausende Beuys gelten, denn es gibt viele, die seine Richtung kopieren. Ich lasse auch keine hunderte Yves Kleins gelten, denn es gibt viel zu viele monochrome Bilder und Maler, die das Monochrome ausgeweitet haben. Das sind nur mehr Plagiate.

Welthers Kunst: Szenen des Alltags, Hommagen – wie hier an Sergio Leone – oder skurrile Collagen mit Pudeln und dem Papst. Die Kunstkritik ist begeistert.

 

31. Mai 2017