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Das Verrücktsein, das Spinnen – das ist mir wichtig

Kurt Welther ist einer der außergewöhnlichsten Künstler Österreichs. Seine Einzelausstellungen im Museo de Arte Moderno in Mexico City begeisterten die Massen ebenso wie im Phantastenmuseum Wien.

CHRISTINA ZAPPELLA-KINDEL & GEORG KINDEL31. Mai 2017 No Comments

Gestalten zu viele Künstler ihre Werke nur mehr nach Marketing-Aspekten?
Natürlich. Und das wird in den Kunstakademien teilweise sogar schon so vermittelt. Ein Fehler.
Ihnen ging es anfänglich nicht anders?
Bei meiner allerersten Ausstellung im Frühjahr 1978, als ich 21 Jahre alt war, war unter den Gästen auch ein bekannter Galerist, der gesehen hat, dass sich bei der Ausstellung fast alles verkauft hat. Natürlich kam er gleich zu mir und sagte: „Ich möchte Sie unter Vertrag nehmen.“ Er bot mir sofort einen Zwei-Jahres-Vertrag mit einer Monatsgage von 30.000 Schilling an (heute ca. EUR 2.200), was damals sehr viel Geld war, speziell für mich, der keines hatte. Es war ein Exklusiv-Vertrag und als Gegenleistung wollte er, dass alles, was ich male, ihm gehört. Nicht einmal meinen Freunden hätte ich ein Bild schenken dürfen. Meine Antwort war klar: Danke, nein. Professor Lehmden hat nur geschmunzelt. Die Antwort hat ihm sichtlich gefallen.
Sie haben sich dem klassischen Kunstbetrieb immer entsagt. Zahlreiche renommierte Galeristen wollten Sie vertreten, doch Ihre Antwort war immer „Nein“. Warum?
Meine Vorstellung von mir als Künstler ist eine andere als die vieler Galeristen. Wenn ich höre, wie sehr namhafte Künstler untereinander reden, sie müssten „sehr offen sein für die Geschäfte“, dann interessiert mich das nicht. Ich will malen, was ich möchte, und nicht, was sich gut verkauft. Ich kann gut davon leben, und ich brauche kein Schloss. Ein anderer Galerist sah meinen Katalog durch, schlug ein bestimmtes Bild auf – die anderen schienen ihn nicht zu interessieren – und meinte: „Das gefällt mir. Herr Welther, machen Sie mir davon 20 Bilder, 20 Variationen. Rufen‘s mich an, wenn sie die fertig haben.“ Ich habe mich umgedreht und bin gegangen. Da habe ich einen irrsinnigen Ekel bekommen. Es gab in dieser Richtung noch ein paar ähnliche Angebote. Bei einer Ausstellung im Historischen Museum der Stadt Wien zeigte ich lauter Frauenakte. Da kam ein Galerist aus Amsterdam, der begeistert war und sagte: „Sie sind ein wunderbarer Maler. Nur das Thema! Wir wollen ja beide ein Geschäft machen. Können Sie all die Bilder mit nackten Männern machen anstatt Frauen? Ein nackter Mann vor dem Klavier, ein nackter Mann im Badezimmer usw. Dann haben wir 18 von 20 Bildern bereits teuer verkauft.“ Für mich wäre so etwas undenkbar. Alternativ meinte er, ob ich eine „jüdische Großmutter“ in meinen Lebenslauf einbauen könnte. Da wurde mir endgültig schlecht.


Wann haben Ihre Eltern verstanden, die anfangs strikt gegen den künstlerischen Beruf waren, dass Sie tatsächlich Künstler sind?
Eine Zeit lang war es ein Kampf, aber eine ganz starke, großartige Aussage kam von meiner Mutter zwei Jahre, bevor sie starb. Unsere Tochter Nora war gerade mal 8 Jahre alt, wir hatten unser eigenes Haus und konnten gut von der Kunst leben. Sie sagte: „Mein Gott, Kurti, wie schwer haben wir es dir gemacht? Wie sehr waren wir dagegen – und Gott sei Dank warst du so ein Sturschädel!“ Bei dieser Einsicht der eigenen Mutter braucht man keine Familienaufstellung mehr. Meine Eltern glaubten ernsthaft, als sie meine erste Bilderserie von Stieren sahen, die ich von hinten malte, wo man nur ihre Ärsche sah: „Der Bub spinnt.“ Aber nicht mehr im harmlosen Sinn, sondern dass ich in der Psychiatrie landen werde. Mein Vater saß damals neben meiner Mutter beim Ofen und hat gefragt: „Was haben wir falsch gemacht?“ Dabei hat das nichts Provokantes gehabt, weil wenn du in einen Stall gegangen bist, hast du sie eben nur von hinten gesehen. Ein paar Wochen später habe ich ihnen dann gesagt, dass Anton Lehmden begeistert von diesen Bildern war. Da waren sie nur schockiert und meinten: „Der versteht dann ja auch nichts von Kunst! Und für so jemanden zahlen wir Steuern?“ Erst als der Dorfarzt  ein paar Monate später eines meiner Bilder kaufte, waren sie ehrfürchtig und sagten: „Vielleicht verstehen wir doch nichts davon.“
Was ist Ihnen wichtig?
Das Verrücktsein, das Spinnen.
Wo haben Sie Ihre Frau Julia Welther-Varga, die auch Malerin ist, kennengelernt?
Das war 1978 in Rumänien. Ich hatte ein Stipendium. 1989 hatte ich dann wieder eines und ging für ein halbes Jahr nach Mexiko, ich war dann immer wieder dort.
Was haben Sie dort erlebt?
Die indigenen Völker haben mich schon immer fasziniert. Ich habe mir ihre Kultstätten angeschaut. Da war ein schamanischer Indio-Stamm, der sehr abgeschieden und isoliert lebte, die tolle Farbbilder gemalt haben. Es ist sehr schwer, dort hinzukommen. Ich flog mit einem kleinen Flieger – einem verrosteten alten Autobus mit Flügeln aus dem Zweiten Weltkrieg – in die Hochebene Mexikos. Es war abenteuerlich. Bei der Landung wartete ein Schamane neben der Landebahn und der sagt dir dann, ob du bleiben darfst oder mit demselben Flieger gleich wieder zurückfliegen musst. Ich habe ihm einen Katalog meiner Bilder gezeigt und gesagt, ich sei Maler und würde gern bleiben und malen. Und er sagte:„Ja.“

Kurt Welther in seinem Atelier mit einigen aktuellen Werken.

Wie haben Sie dort gelebt?
Sie gaben mir eine kleine Lehmhütte, wo ich schlafen durfte. Keine Elektrizität, keine Toilette, gar nichts. In der Früh und am Abend musst du aufpassen wegen der Skorpione, da muss man ganz vorsichtig sein. Sie sind hochgiftig.
Gab es da prägende Erfahrungen?
Ich war bei den Franziskanern, die da oben auch eine Missionarsstelle hatten, und sah dort eine Zeitschrift mit diesem Peyote-Kult. Damit muss man sehr vorsichtig umgehen, es sind Kakteen, die halluzinogene Wirkung haben. Da muss man fasten, wenn man das nimmt, das ist nicht ungefährlich, so wie bei Ayahuasca, wo dann manche durchdrehen. Doch er sagte zu mir: „Das gilt nicht für dich. Für dich ist das Freude. Du bist ein Mensch, der das nehmen kann. Lass dir Zeit. Bereite dich vor. Faste ein paar Tage und das wird folgendermaßen wirken.“ Er hat mich richtig vorbereitet, wie ich es zu nehmen habe. Es wird bitter sein, hat er gesagt, du wirst dich sofort übergeben. Man kaut den Kaktus, und die Wirkung dauert circa 8 bis 9 Stunden an. In dieser Zeit kannst du nichts essen und nichts trinken, weil deine Zunge bamstig ist und du dir sonst hineinbeißen und dich verletzen würdest. Wenn die Indios zum Beispiel bei einer Tagesreise per Esel ein Tal durchqueren, wo sie nichts zu essen und nichts zu trinken haben, nehmen sie Peyote ein, damit sie das schaffen. Und bei Ritualen sowieso. Ich bin sehr dankbar, dass ich das kennenlernen durfte.

31. Mai 2017