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Wir und sie: David Byrne über das ARCAS Wildlife Reservat

Der Multimediakünstler und legendäre Kopf der „Talking Heads“ über seine Reise in den Dschungel Guatemalas und sein Appell für bedrohte Tierarten.

Georg Kindel14. Februar 2017 No Comments

Wir fuhren mit dem Boot zum nahen ARCAS Wildlife Reservat – eigentlich waren es zwei Boote. Wir nahmen eines über den See zu einem einsamen Strand, wo sich eine versteckte Anlegestelle befand. Nach einer kurzen Wanderung durch den Dschungel bestiegen wir ein Ruderboot und überquerten einen Teich zu den entlegeneren Teilen von ARCAS. Das Gebiet muss unzugänglich sein, denn um den geretteten Tieren eine erfolgreiche Rückkehr in die Wildnis zu ermöglichen, ist so wenig Kontakt zu Menschen nötig. Sind die Tiere zu sehr an die Umgebung von Menschen gewöhnt, sind sie in Gefahr. Eine schwierie Balance, denn manche Tiere benötigen ein wenig Zuwendung, bevor sie ganz unabhängig werden können.

Was wird hier im ARCAS gemacht?

Eingefangene Tiere werden zurück in die Wildnis gebracht, und der Bestand von heimischen Tieren, die vom Aussterben bedroht sind, wird erhöht. Wo kommen diese eingefangenen Tiere her? Es scheint, als würden viele Papageien, Affen und andere heimische Tiere oft gefangen und danach gewaltsam exportiert werden – sie sind auf dem Schwarzmarkt viel wert. Manche Tiere werden von örtlichen Drogenbossen und wohlhabenden Guatemalteken für ihre privaten Zoos gekauft.

Echte Tierrehabilitation ist nicht so, wie es in Filmen oft gezeigt wird, wo süße Vogelbabys mit einem verletzten Flügel von Hand gefüttert werden, bis sie wieder gesund und glücklich davonfliegen. Nach den Erfahrungen der ARCAS-Mitarbeiter, die in ihrer 25-jährigen Karriere auch schon des Öfteren gescheitert sind, hat eine Tierbefreiung in dieser sentimentalen Art nahezu keine Chance zu funktionieren. Menschen können die Verhaltensaspekte nicht so zeigen, wie es eine Tierfamilie oder Gruppe kann. Tiere haben eine Kultur und geben diese an die nächste Generation weiter, genauso wie die Menschen. Wie auch bei uns übernehmen sie das vorgelebte Verhalten, sobald sie ihm das erste Mal ausgesetzt sind, aber sie müssen zur richtigen Zeit dieses Verhalten lernen.

Klammeraffen müssen ihre komplizierten und strengen sozialen Hierarchien kennenlernen, um zu wissen, wie sie in der Gruppe von anderen Affen ihr Leben meistern. Menschen können ihnen das nicht beibringen. Ein einzelnes Tier – eines, das grundlegend sozial ist, aber von seinem Clan getrennt und somit das Leben in der Gruppe nicht lernen konnte – ist dem Untergang geweiht.

Bei Versuchen, um herauszufinden, wie diese sozialen Hierarchien funktionieren, haben Mitarbeiter bemerkt, dass das Verhalten in der Wildnis oder in sehr großen Gehegen – wie im Jurassic Park – sehr unterschiedlich zum Verhalten in Zoo-ähnlichen Gefangenschaften ist. Das mag offensichtlich erscheinen, aber Verhaltensmythen bestehen immer noch. Ein Beispiel: Mir wurde gesagt, dass die Idee eines Leitwolfes einfach nicht wahr ist. Das Verhalten von Wölfen im Rudel ist um einiges feinfühliger, als es allgemein angenommen wird.

Freilassen

Die Tiere hier in ARCAS sind in zwei Gruppen geteilt: die einen, von denen man hofft, dass sie wieder in die Wildnis eingegliedert werden können, und jene, bei denen dies nicht mehr möglich sein wird. Papageien, die menschliche Wörter gelernt haben (oft Schimpfwörter oder Namen), können nicht freigelassen werden, da der Papageien-Schwarm sie als Sprachen-Freaks konsequent ausschließen würde. Man kann sich nur zu gut vorstellen, wie Schimpfwörter und zufällige Namen irgendwoher aus dem Dschungel schallen. Denselben Effekt von Menschenkontakt gibt es bei Wildschweinen, die soziale Tiere sind. Sie ohne das Wissen über die wilde Natur und das Rudelverhalten aus der Gefangenschaft zu entlassen gibt ihnen keine gute Basis zum Überleben. In den Worten des ARCAS-Teams wäre es wie „einen unschuldigen Knaben in eine Ghetto-Gang zu werfen“. Das klingt nach einer guten Idee für einen Hollywoodfilm, wenn Sie mich fragen.

Psychologisch geschädigte Papageien rupfen sich ihre eigenen Federn, und wenn das Verhalten andauert, werden die Federn nicht nachwachsen. Manchen Papageien geht es hier aber doch sehr gut, und sie werden in immer größer werdende Gebiete ziehen, wo sie lernen, für sich selbst zu sorgen.

Im letzten Schritt vor der Entlassung werden die Tiere in die Wildnis in ein entferntes Gehege im Dschungel gebracht, das noch mit einem elektrischen Zaun begrenzt ist. Es ist nach oben offen und groß genug, das soziale Leben zu fördern und die Nahrungssuche zu ermöglichen. Wenn sich die Tiere hier gut durchschlagen, sind sie bereit, freigelassen zu werden.

Es gibt geschätzt nur noch 300 wilde Arakangas (hellrote Aras) im Maya-­Dschungel, daher sind sie in großer Gefahr auszusterben. Den blauen Ara, wie sich der Vater eines Freundes erinnert, sah man früher in Scharen an den Flussufern in den westlichen Ebenen. Sie sind in unserer Generation ausgerottet worden. Dr. Alejando Morales, Tierarzt und Assistent der Direktion bei ARCAS, erzählt uns, dass sie „die Population mit mindestens zehn Prozent mehr Tieren stützen wollen“, sie haben bereits die erste Freilassung von hellroten Aras, gebrütet in Gefangenschaft, geschafft und verfolgen aktuell ihre weitere Entwicklung. Diese erste Befreiung entspricht etwa drei Prozent der restlichen Population in diesem Gebiet.

Ein neuer Platz in der Ökologie

Es ist eine Sache, die gefangenen Tiere wieder zurückzubringen, und eine andere, für jene, die am Rande der Auslöschung stehen – Papageien, Affen, Jaguare und Pekaris –, einen Platz in der Ökologie zu schaffen. Ihre Abwesenheit würde viele Dinge in unvorstellbarem Ausmaß aus der Balance werfen.

Andres, ein Freund des Besitzers des Nitun Reservats hier in San Andreas, besitzt eine Kaffeeplantage in den Ebenen an der Westseite von Guatemala, wo er Buntbarsche und Schafe aufzieht. Ein Fluss fließt durch sein Grundstück, der vor Fischen und Garnelen früher nur so strotzte, aber jetzt sind sie alle weg. Dieser Fluss ist nach einer Garnelensorte benannt, die man hier längst nicht mehr findet, da Fischer den Fluss stromaufwärts vergiftet haben, um die kleinen Kriechtiere stromabwärts einzusammeln. Nach Jahren des Missbrauchs schaffte es der Fluss nicht mehr sich zu erholen. Andres hatte keine Idee, als ich ihn fragte, wie sich die Natur hier wieder regenerieren kann, da es nötig ist, das ganze Ökosystem zu verändern und nicht nur Fische und Garnelen in den Fluss zurückzuwerfen. Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom fragte sich, wie man in in sich geschlossenen Gegenden Ressourcen managen kann, ohne, wie sie es nennt, zum „Schwert“ zu greifen: zu einem strafenden Top-down-Managementsystem, das zum Beispiel reguliert, wie viele Garnelen jedes Jahr entfernt werden dürfen. Sie fragte, ob Selbstregulation möglich sein könnte, und wenn, wie eine Community ein solches System installieren kann.

Es gibt hier keine einfache Antwort. Die „Tragödie des Allgemeinguts“ lässt sich in mehr oder weniger unabhängigen Gemeinschaften vermeiden, wenn die Gemeinschaft und die Ressourcen konstant sind und sich eine symbiotische Beziehung entwickelt. Außenseiter, die in ein solches System drängen – indem sie entweder große Prämien anbieten und konsequent die Forderung nach der Ressource (Bauholz, Schafe, Fische, Garnelen etc.) erhöhen oder einfach die Ressource für sich selbst aufbrauchen – machen es unmöglich, eine so heikle Balance zu halten.

Es gibt viel weniger in sich geschlossene, isolierte Ökologien heutzutage – wir leben in einer globalen Ökonomie. Traurigerweise ist das gegen unsere Natur. Es sei denn, wir können unseren Sinn für „Gemeinschaft“ auf die ganze Welt erweitern und realisieren, dass unsere Gemeinschaft nicht isoliert ist und Aktionen wie illegales Schleppnetzfischen unter Umständen Folgeschäden verursachen können. Vielleicht nicht genau jetzt, aber vielleicht betrifft es unsere Kinder. Dieser globale Blick ist sehr schwierig zu übernehmen, da unsere Entwicklung lokale Gruppen gegenüber den weit entfernten favorisiert. Wenn wir eine gewisse Voraussicht entwickeln können, haben wie vielleicht eine Chance.