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Wir und sie: David Byrne über das ARCAS Wildlife Reservat

Der Multimediakünstler und legendäre Kopf der „Talking Heads“ über seine Reise in den Dschungel Guatemalas und sein Appell für bedrohte Tierarten.

Georg Kindel14. Februar 2017 No Comments

Was ist zu tun? Der „Environmental Defense Fund“ sucht nach Wegen, unser Handeln, die gemeinsamen Güter auszubeuten, zu reduzieren. In Skandinavien und dem pazifischen Nordwesten funktioniert das sehr gut. Das gleiche System hat im Mittelmeerraum nicht funktioniert, da die Region geteilte Küsten besitzt – das heißt, Gebiete, die von mehreren Nationen genutzt werden. Während sich die eine Region selbst reguliert, macht die andere vielleicht etwas anderes. Indonesien schien geeignet für einen Versuch, aber chinesische und vietnamesische Fischer drängten sich hinein, oftmals mit darauf folgender Intervention von indonesischen Kriegsschiffen, um die Fischbestände zu verteidigen. Obwohl es bereits gesetzlich verboten war, wurde außerdem Dynamitfischen von Einheimischen weiter betrieben und zerstörte Korallenriffe im Südosten von Asien.

An manchen Orten der Erde funktioniert das System. Hier gibt es also guten Grund zu Optimismus, dass wir unsere Erde nicht total und zwangsläufig ausbeuten, wie wir es in der Vergangenheit schon gemacht haben. Aber Umweltmanagement zu akzeptieren ist schwierig. Republikaner, antiregulatorisch wie sie eingestellt sind, haben bisher konsequent versucht, Regelungen wie diese aus dem Weg zu räumen, und so schwinden unsere Fischbestände weltweit.

Natürlich ist der Artentod ein natürlicher Prozess – er ist Teil der evolutionären Veränderung, um die nicht nur getrauert werden muss. Neue Spezies, besser angepasst, ersetzen andere. Aktuelle Änderungen werden aber nur von einer Spezies vorangetrieben – von uns Menschen gemeinsam mit dem Klimawandel, den wir verursacht haben. Es gibt also Grund zur Sorge. Jedoch könnte jemand meinen, Teil der Natur zu sein und in der anthropologischen Ära zu leben – der vom Menschen beeinflussten Zeit, mit ihren menschgetriebenen Ausrottungen, extremem Wetter und steigendem Meeresspiegel – all diese Änderungen sind Teil dieser Epoche und dieses Chaos ist daher, per Definition, auch ein natürlicher Prozess. Die Zerstörung des eigenen Nests und das Risiko einer Selbstauslöschung sowie radikaler und weitverbreiteter Schmerz und Elend könnten als natürliche Prozesse gesehen werden. Aber die Verminderung von Elend und Leid wäre dann auch ein natürlicher Prozess. Welchen bevorzugen Sie?

Menschliches Verhalten und die Konsequenzen daraus sind in der Tat ein natürlicher Prozess – wie schwärmende Heuschrecken oder Seuchen. Aber als selbstbewusste Wesen können wir sehen, was passiert, und können Schritte unternehmen, um unser Handeln zu verändern. Es ist zweifelhaft, ob Tiere diese Fähigkeit besitzen. Impliziert diese Fähigkeit dann auch eine gewisse Verantwortung? Die „Tragödie des Allgemeinguts“ wiederholt sich. Wie Tiere haben wir zu viel abgegrast und Ressourcen immer und immer weiter erschöpft. Beim Lesen der Kapitel über den Kollaps der Maya- und Osterinsel-Kulturen in Jared Diamonds Buch „Kollaps: Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ stellt man sich die unglückliche Seele vor, die auf den letzten Baum der Osterinseln schaut, als sie dabei ist, ihn zu fällen.

Genau das tun wir. Wir sind nicht viel weiser als dieser Mann, auch wenn wir darauf bestehen zu glauben, wir wären anders und haben die Möglichkeit, unsere Konsequenzen vorauszusehen. Wir haben einen angeborenen Trieb, uns innerhalb unserer sozialen Gruppe moralisch zu verhalten – genau wie Affen und Papageien. Es gibt eine natürliche Regulation, die unsere überschäumende Gier und Eigensucht in kleinen Gruppen zurückhält.

Vielleicht ist es nicht hoffnungslos, aber wir haben viele widersprüchliche Impulse zu bekämpfen. Diese eingebaute Kleingruppenbalance wird sich nicht automatisch auf die ganze Welt ausweiten lassen. Der Impuls, uns selbst als abgekoppelt von der Natur zu sehen, ist vielleicht natürlich, in sich selber aber im Grunde eine Illusion.

Wenn Besucher ARCAS verlassen, werden sie als Teil eines Experiments hinsichtlich Einfühlungsvermögen in einen Käfig gesperrt. Die Größe dieses Käfigs ist relativ zu der Größe, in der eingesperrte Tiere – ein Vogel oder Affe zum Beispiel – ihr ganzes Leben verbringen müssen. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass der Käfig sehr eng ist. Der Umstand, dass dieses Experiment einem erlaubt, sich besser vorzustellen wie es ist in einem Raum dieser Größe eingesperrt zu sein, bringt mehr Argumente für die Arbeit im ARCAS, als Wörter es je könnten.

14. Februar 2017