Inspiration

Der Iceman

Er ist ein Grenzgänger, bestieg den Mount Everest in kurzen Hosen, tauchte die längste Distanz, die je ein Mensch unter meterdickem Eis zurücklegte, lief einen Marathon in Shorts um den Polarkreis und hält den Rekord für die längste Zeit, die ein Mensch jemals exponiert im Eis verbrachte. Der Niederländer Wim Hof vollbringt Dinge, die beinahe unglaublich scheinen. Sein liebstes Element: Eis und Kälte. Seine Botschaft: „Jeder kann, was ich kann. Es ist eine rein mentale Sache.“

Benedikt Zombori 4. August 2017 No Comments

Es ist ein regnerischer Tag in einem Randbezirk von Berlin. Ein fast sommerlich anmutendes Klima für einen Mann, der sonst das ewige Eis und Minusgrade gewohnt ist. Der Niederländer Wim Hof, 58, hält 21 internationale Rekorde im Ertragen extremer Kälte. Er ist der Iceman – und in mehrfacher Hinsicht ein Phänomen. Ein Grenzgänger, verehrt von Fans rund um den Erdball, die von seiner Willensstärke lernen wollen. Wim Hof bestieg den Mount Everest bis 6.700 Meter Höhe in kurzen Hosen, tauchte mit 120 Metern die längste Distanz unter meterdickem Eis, die je ein Mensch zurückgelegt hat, obwohl dabei seine Netzhaut einfror und er den Ausstieg beinahe nicht mehr fand. Er lief einen Marathon am Polarkreis bei minus 20 Grad in Sandalen und kurzen Shorts, einen weiteren durch die Namibische Wüste, ohne dabei zu trinken, und hält den Weltrekord für die längste Zeit, die je ein Mensch im Eis verbracht hat, nur mit einer kurzen Short bekleidet: eine Stunde und 52 Minuten.

Jeder kann es schaffen. „Die Kälte, das ist mein Lehrmeister“, erklärt Wim Hof im OOOM-Gespräch, „sie hat mir alles beigebracht.“ Seine Botschaft: Jeder kann es schaffen. Es ist eine rein mentale Sache, die Geisteshaltung ist entscheidend: „Wenn wir unser Gehirn und unseren Willen kontrollieren können, sind Dinge möglich, die wir bis dahin für unmöglich hielten – und das für jeden von uns.“

Atem, Kälte, Mindset. Seine Wim-Hof-Methode fußt auf drei wesentlichen Praktiken: Atem. Kälte. Mindset. Er betreibt sein Programm seit seinem 17. Lebensjahr, mittlerweile praktizieren hunderttausende Enthusiasten weltweit seine Methode, darunter auch viele Spitzensportler und Top-Manager. Sie alle wollen ihren Körper und Geist kontrollieren können, um so glücklicher, gesünder und stärker zu leben.

In Berlin wohnt Wim in einer Airbnb-Wohnung. Er ist in der Stadt, um einen Workshop zu leiten und wartet bereits im Toreingang auf mich. Er nimmt mir meine Tasche ab, die schwerer aussieht, als sie ist. „Oh, it’s light“, bemerkt er. „Light. We carry the light.“ Als wir die Stiegen in den vierten Stock hochsteigen, höre ich seinen schweren Atem und spreche ihn darauf an. „Du atmest immer intensiv?“, frage ich ihn. „Die ganze Zeit“, lacht er mit vibrierender Stimme.

Erstmals gewährt der Grenzgänger einem Medium tiefe Einblicke in sein faszinierendes Leben in eisiger Kälte. Seit Kurzem arbeitet er mit einem Team von Ärzten und Wissenschaftlern zusammen, die erforschen wollen, was in Hofs Körper auf molekularer und chemischer Ebene passiert. Ist es tatsächlich möglich, auf unser autonomes, also nicht bewusst steuerbares Nervensystem Einfluss zu nehmen?

Ihre Aktionen und Stunts im kalten Eis erzeugen weltweit große Aufmerksamkeit. Was ist Ihre Botschaft?
Was ich zeige, ist, dass wir alle in der Lage sind, viel mehr zu vollbringen, als wir denken. Mein Wissen kommt direkt aus der Natur, und jetzt gehen wir den Weg der Wissenschaft, um diese Erkenntnisse zu belegen. Ich habe die Herausforderungen meines Weges akzeptiert und herausgefunden, wozu ich fähig bin. Aber das macht mich zu keiner Ausnahme. Wir zeigen in Vergleichsstudien, dass jeder kann was ich kann.
Zum Beispiel?
Man hat mir unter ärztlicher Aufsicht Endotoxine gespritzt, Zerfallsprodukte von Bakterien. Während ich an medizinische Messgeräte angeschlossen war, konnte ich zeigen, dass ich innerhalb von Minuten in der Lage war, diese zu kontrollieren. Die erste Reaktion der Ärzte war: „Gut, du bist der Iceman, aber normale Menschen können das nicht.“ Also nahmen wir eine Testgruppe von 20 Menschen und setzten sie, nachdem ich sie für ein paar Tage trainiert hatte, demselben Experiment aus. Die Ergebnisse waren exakt die gleichen.
Was ist es, was Sie den Menschen vermitteln wollen?
Ich habe eine Mission. Ich glaube fest daran, dass wir alle stark, glücklich und gesund sein können. Wir leben in großen Städten mit Hektik, Verkehr und herausfordernden Situationen. Während all dem müssen wir noch unsere Kinder großziehen. Da sind wir nun mit unserem Stress und können uns innerhalb dieses Drucks nicht mehr gut fühlen. Deswegen ist es sehr wichtig, zu zeigen, dass wir die Meister über unsere eigenen Gefühle sind. Wir sind die Alchemisten unserer eigenen neuronalen Chemie und haben die Kontrolle, uns auch unter großem Stress und in extremen Situationen gut zu fühlen.
Wie machen Sie das?
Während ich eiskaltem Wasser ausgesetzt bin, kann ich dessen Auswirkung auf meine Hauttemperatur kontrollieren, sie bleibt gleich. Einzig indem ich meine Aufmerksamkeit darauf lenke, kann ich willentlich die Hirnregion aktivieren, die für unsere Glückshormone zuständig ist. Sich also gut und friedlich zu fühlen, während all dieser Stress herrscht, das ist meine Antwort. Was ich gefunden habe, ist ein Weg, in die Tiefen unseres Selbst zu gehen, in die Adrenalinachse, in die hormonalen Systeme, zuständig für positive Gefühle: das endokrine System, also das Hormonsystem, das autonome Nervensystem, das Immunsystem. Das ist es, was uns hilft, uns wieder mit uns selbst zu verbinden.
Gibt es dafür wissenschaftliche Beweise?
Es gibt eine Studie am Biochemischen Institut New York. Ich war gerade dort, um einen Rekord aufzustellen. Also haben sie mich eingeladen für eine Studie am Nervus vagus. Das ist der größte Nerv des Parasympathikus und an der Regulation der Tätigkeit fast aller inneren Organe beteiligt. Das Besondere am Nervus vagus ist, dass er autonom ist, also nicht beeinflussbar. Zumindest waren die Ärzte dieser Meinung. Tatsächlich hat sich gezeigt, dass ich den Nervus vagus beeinflussen konnte. Nachdem die Resultate da waren, haben sie mir gesagt: „Wenn du das in vergleichenden Studien mit anderen Personen wiederholen kannst, hat das große Konsequenzen für die Menschheit.“ Damit hat meine Mission begonnen.
Weil Sie überzeugt sind, dass jeder Mensch das kann?
Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch diese Ergebnisse reproduzieren kann. Es ist ein Weg, wie Menschen positive Gefühle selbst erzeugen und in die Hand nehmen können. Wenn wir in der Lage sind, diese Fähigkeiten weiterzugeben, dann ist all diese Hetzerei nach Geld nicht mehr so wichtig. Deine guten Gefühle, deine Gesundheit, deine Stärke, das ist das Wichtigste.

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