Inspiration

Der Niederländer Wim Hof – The Iceman

Er ist ein Grenzgänger, bestieg den Mount Everest in kurzen Hosen, tauchte die längste Distanz, die je ein Mensch unter meterdickem Eis zurücklegte, lief einen Marathon in Shorts um den Polarkreis und hält den Rekord für die längste Zeit, die ein Mensch jemals exponiert im Eis verbrachte. Der Niederländer Wim Hof vollbringt Dinge, die beinahe unglaublich scheinen. Sein liebstes Element: Eis und Kälte. Seine Botschaft: „Jeder kann, was ich kann. Es ist eine rein mentale Sache.“

Benedikt Zombori 4. August 2017 No Comments

21 Weltrekorde: Wim Hof verharrte als einziger Mensch 1Stunde 52 Minuten im kalten Eis (Foto: Enahm Hof)

Was genau ist die Wim-Hof-Methode?
Die Wim-Hof-Methode besteht aus drei Säulen: Atmung, Kälte und Mindset. Bei der Atmung geht es darum, mit Druck umzugehen. Wenn wir im Körper basisch sind, aktivieren wir die tiefere Physiologie im Gehirn und im Körper. Die Studien haben belegt, dass wir dadurch direkt unsere Systeme – autonomes Nervensystem, Hormonsystem, Immunsystem – beeinflussen können. Dieser Zugriff war uns bis dato verwehrt, und jetzt können wir die Türen unseres Potenzials willentlich aufschließen. Das autonome System ist nicht mehr autonom, es unterliegt unserem Willen.
Wie funktioniert das in der Praxis?
Setz oder lege dich bequem hin. Atme tief ein, so tief du kannst. Dann lass den Atem los, aber atme nicht komplett aus. Wiederhole das ca. 30-mal. Du fühlst dich vielleicht etwas schwindelig. Nach dem letzten Ausatmen, halte die Luft an, solange wie es für dich angenehm ist. Dann atme tief ein und halte die Luft für circa 20 Sekunden an. Wiederhole den Ablauf dreimal. Auf keinen Fall darfst du diese Übung machen, während du Auto fährst oder im Wasser bist, da es in seltenen Fällen zu kurzer Bewusstlosigkeit kommen kann.
Welche Rolle spielt die Kälte dabei?
Sie ist eine Kraft außerhalb deines Körpers, die normalerweise feindlich ist. Aber wenn du regelmäßig trainierst mit ihr umzugehen, kannst du sie plötzlich ertragen. Die 125.000 Kilometer deines Gefäßsystems, all die Kapillaren, Arterien, Adern, die primitiven Muskeln und Reflexe, werden dadurch optimiert. Plötzlich braucht dein Herz weitaus weniger Schläge für die Durchblutung, bei mir bis zu 20 Schläge weniger pro Minute, 24 Stunden am Tag. Das bedeutet eine Menge weniger Stress. Unser Immunsystem wird optimiert, du hast subjektiv mehr Energie.
Sie empfehlen kalte Duschen und Eisbäder.
Eine kalte Dusche täglich hält dich gesund. Das reicht völlig aus, um das vaskuläre System, das die Blutkörper durch unseren Körper transportiert, und deine Mindpower zu aktivieren. Du wirst feststellen, dass du deinem Geist diktieren kannst, dass er sich dabei ruhig verhält.
Welche Rolle spielt die dritte Säule: das Mindset?
Der physische Teil unseres Geistes, unserer Seele, ist das Gehirn. Denn es hat sich gezeigt, dass wir durch unsere Geisteskraft unsere Glückshormone beeinflussen können. Indem wir unseren Geist auf die richtige Weise steuern, aktivieren wir die richtigen Hormone, Endorphine, Dopamine und Serotonin. Wenn du deine Geisteskraft im richtigen Mindset verwendest, verbindest du das Gehirn mit allen Systemen. Dich selber gut zu fühlen heißt also, dich mit dem Gehirnzentrum zu verbinden, dem Hirnstamm.
Inwiefern ergänzen sich diese drei Aspekte?
Jeder einzelne dieser Aspekte ist in der Lage, Körper und Geist neu auszurichten. Wir als Menschen haben alle Werkzeuge, die wir dazu brauchen, nur haben wir uns verirrt. Wir kamen zu der Ansicht, dass wir die Natur kontrollieren können. Mit unseren klimatisierten Häusern haben wir die Verbindung zu unseren tieferen Systemen verloren. Diese Verbindung stellen wir nun wieder her. Das Gehirn ist der Chauffeur, aber der Körper ist das Auto.
Sie sagen, Ihre Methode erzeugt auch einen Anstieg an Adrenalin – ein Hormon, assoziiert mit stressreichen Überlebenssituationen. Warum sollte ein hoher Adrenalinwert vorteilhaft sein?
Man muss hier unterscheiden: Das eine ist ein Adrenalinüberschuss, zu viel Stress, Burnout. Dazu kommt es, wenn wir keine Kontrolle über die Hormon­ausschüttung unseres Körpers haben. Wenn wir aber die Kontrolle haben, nutzen wir das Adrenalin bewusst, um unsere Bestleistung für die Aufgabe vor uns abzurufen, und wenn diese erledigt ist, sinkt das Adrenalin wieder. Kurz gesagt, kontrolliertes Stresshormon fühlt sich gut an, unkontrolliertes nicht.
Es gibt sehr viele Atemtechniken. Inwiefern ist Ihre Methode anders?
Unser Ziel ist, uns mit unseren inneren Systemen zu verbinden und diese zu beeinflussen. Es ist wie bei einem Safe mit mehreren Zahlenschlössern. Drehst du die erste Nummer richtig, kommst du eine Ebene tiefer, bei der nächsten Zahl noch tiefer usw. Aber nur wenn du alle Zahlen richtig hast, springt die Türe auf und du bekommst alles, was darin ist.
Sie haben die Wim-Hof-Methode über viele Jahre entwickelt. Wie hat alles angefangen?
Ich hatte ein Geburtstrauma. Ich bin einer von Zwillingen, was den Ärzten bei der Geburt nicht bewusst war. Ich war noch lange nach meinem Bruder im Bauch. So kam es, dass ich irgendwo in einem sehr kalten Korridor geboren wurde. Ich glaube, das hat eine unterbewusste Prägung hinterlassen, die mich später dahin führte, die Kälte zu erkunden.
Wie kam es dann zum ersten Mal, dass Sie sich bewusst dem Eis ausgesetzt haben?
Es war an einem Sonntagmorgen im Winter, ich ging im Park spazieren. Eine dünne Eisschicht bedeckte das Wasser eines Teichs und ich fühlte mich davon angezogen. Ich ging rein und es fühlte sich großartig an. Ich wusste: „Das ist es!“ Ohne darüber nachzudenken, das war es, wonach ich gesucht hatte. Und dieses Gefühl blieb den ganzen Tag über, also ging ich am nächsten Tag wieder ins Wasser und dann begann ich es zu kultivieren. Dann bemerkte ich, wie sich meine Atmung im Eiswasser änderte, tiefer wurde und mir erlaubte, noch länger im Wasser zu bleiben. Es fühlte sich großartig an. Dann fand ich heraus, dass ich eine ganze Nacht nur mit Shorts bekleidet bei eisiger Kälte im Freien verbringen konnte. Das ist Power. Das sind natürliche Drogen, komplett kontrolliert. Fantastisch.
Heute wirken Sie sehr ausgeglichen. Gab es in Ihrem Leben Zeiten, wo Sie gar nicht in Ihrer Mitte waren?
Natürlich hatte ich, wie jeder Mensch, solche Phasen. Ich durchlebte Zeiten sehr großer emotionaler Depression, der Grund war Trauer, ein Mangel an Endorphinen, unkontrollierte Ohnmacht. Das ist auch der Grund, weshalb ich heute so viel Wert auf Gehirnstudien lege, um diesen Prozess zu zeigen. Denn ich fand den Weg zurück zu mir, um mich wieder mit meinem Inneren zu verbinden und einen Zustand von Balance herzustellen, wann immer ich will. Das ist etwas Fantastisches. Ein Schlüssel gegen Depression, eines der größten Probleme der heutigen Zeit.
Gibt es Rituale in Ihrem Leben, die Ihnen besonders wichtig sind?
Eine schöne Tasse Kaffee am Morgen. Aber natürlich auch das Atmen und die Kälte. Immer, wenn ich zu viel Aufgeregtheit spüre, gehe ich ins Eiswasser, sitze dort für 10 Minuten und lasse mich reinigen. Es ist eine bestimmte Art von Präsenz, die dich den ganzen Tag begleitet. Simpel.
Ist es wirklich so simpel?
Ja, das ist es. Wir halten es für selbstverständlich. Wir halten auch die Sonne für selbstverständlich, die Bäume. Aber was, wenn das alles nicht da wäre? Wir sollten uns mit dem, was uns frei zur Verfügung steht, verbinden. Bewusst sehen, wie schön das ist. Dann beginnst du, die Schönheit des Lebens zu verstehen und du wirst selbst schön, innen wie außen.

Was der „Iceman“ heute wäre, würde er nicht auf eisige Bergspitzen klettern? „Postbote oder Gärtner. (Foto: Enahm Hof)

Heute wird Ihre Methode von hunderttausenden Menschen weltweit praktiziert. Früher war das anders.
Man begegnete mir jahrelang mit einer großen Menge Spott und Zynismus. Ich praktizierte die Methode für mich alleine, heimlich, jahrzehntelang. Es hat sich einfach gut angefühlt, also tat ich es wieder und wieder. Ich wurde unempfindlich gegenüber Spott.
Hätten Sie sich jemals gedacht, dass Ihre Methode so populär wird?
Auf keinen Fall. Wenn du 25 oder 30 Jahre mit Zynismus konfrontiert wirst, niemand etwas damit zu tun haben will, dann behältst du deine Überzeugungen für dich. Du bleibst einfach im Jetzt.
Sind Sie ein spiritueller Mensch?
Spiritualität ist, sich wieder mit dem Tiefsten der eigenen Physiologie zu verbinden. Den Geist dazu erwecken, die Kontrolle über die eigenen Gefühle zu erlangen, glücklich, gesund und stark zu werden. Das sind die Systeme in uns, mit denen wir uns verbinden müssen. Nicht nur im Inneren, wir müssen ebenso lernen, dankbar für die Natur zu sein.
Ist Ihre Methode eine Reflexion unseres Zeitgeistes?
Als ich vor vier Jahren zum ersten Mal den wissenschaftlichen Beweis lieferte, dass wir in der Lage sind, uns in das autonome Nervensystem, das Hormonsystem und das Immunsystem einzuloggen und diese zu beeinflussen, konnten die Menschen das nicht verstehen. Die Botschaft ist nicht angekommen. Wie ein Wecker, der zum ersten Mal läutet – die Menschheit hat damals auf den Buzzer gedrückt und ihn abgestellt. Aber dann läutet er erneut und man sagt: „Ich bin spät dran, ich muss aufstehen.“ Die Menschen fangen an herauszufinden und zu lernen. Der Glaube, dass wir glücklich, gesund und stark werden und unseren eigenen Flow kontrollieren können, ist zurück.
Welche Rolle spielt die Kälte?
Sie ist ein sehr klarer Lehrer. Die Kälte ist gnadenlos, aber gerecht. Alles, was gnadenlos und gerecht ist, ist großartig. Es ist alles da. Mach es wahr. Die Kälte ist nur ein Weg, der dir zeigt, dass du es kannst. Gute Atmung ist Lebenskraft. Und der Rest ist Mindset.
Gibt es einen Rekord, auf den Sie besonders stolz sind?
Als ich in einer Felswand nur an einem Finger hing und versuchte, die massiven Krämpfe in meinen Waden wegzudenken, während ich in Gefahr war, in den Tod zu stürzen. Tiefe Zuversicht und eine Leichtigkeit des Seins unter den unmöglichsten Bedingungen, das ist wichtig. Oder als ich unter dem Eis tauchte und die Orientierung verlor, den Weg zum Ausstiegsloch nicht sah; aber ich empfand in diesem Moment keine Angst zu sterben, weil da keine Agonie war.
Wie oft standen Sie bei Ihren Rekorden an der Grenze zum Tod?
Es ist schon sehr oft knapp geworden. Doch wenn du lernst, dich mit dem Inneren deines Körpers zu verbinden, lernst du, mit Angst umzugehen. Ich habe gelernt, auch in extremen Situationen Selbstvertrauen zu haben. Ich bin über diese Ängste hinausgegangen.
Was ist Ihr Mantra?
Gesundheit, Glück und Stärke.
Und wer wären Sie heute, wenn Sie nicht der Iceman wären?
Wahrscheinlich ein Postbote oder Gärtner. Ich liebe Gärten.

4. August 2017