Arts & Design

Der lebendige Raum

Wie wollen wir wohnen? Wie wollen wir leben? Schauen Sie sich um, gerade eben, während Sie z.B. das neue OOOM Magazin aufgeschlagen vor sich haben. Was sehen Sie: Welche Formen, Farben und Materialien umgeben Sie? Wie ist Ihre sinnliche Erfahrungswelt gestaltet, was macht sie aus? … Es ist noch nicht lange her – in der Menschheitsgeschichte ein Wimpernschlag – da hielten wir uns vornehmlich in Räumen auf, die von Naturkräften beherrscht wurden.

Julia N. Gruber 2. August 2018 No Comments

Ob auf der Weide bei den Tieren, am Acker, im Wald oder in der, mit Materialien aus der Umgebung und von eigener Hand gebauten Behausung.
Die Gestaltungskräfte der Natur – Erde, Wind, Wasser, Feuer, Steine, Lehm, Holz, Blätter, Sonne, … – waren omnipräsent und prägten die menschliche Erfahrungswelt.

Künstliche Innen- und Außenräume

Heute verbringen wir nahezu unsere gesamte Zeit in von fremden Menschen erdachten, von Computern errechneten und mit hochspezialisierten Materialien erbauten Innenräumen: Wohnungen, Kindergärten, Schulen, Büros, Fabriken, … Von Ort zu Ort schweben wir in den mobilen Innenräumen Auto, Bahn, Bus und Flugzeug. Auch die Außenräume tragen mittlerweile durchwegs unsere Handschrift. Straßen, Parks und Naherholungsgebiete sind menschenerdacht, etwa die große Wiener Donauinsel, vor 40 Jahren künstlich aufgeschüttet, oder der gerade in Renaturierung befindliche Liesing-Bach bei mir um die Ecke.

In nur wenigen Generationen haben wir fast der gesamten Welt um uns unseren Stempel aufgedrückt. Besonders in Stadtnähe sind wilde, ungestaltete Plätze kaum mehr zu finden. Wer hat noch eine „Gstett´n“ hinter dem Haus? Bebauter, urbaner Raum dehnt sich immer weiter aus und diese Entwicklung wird sich in den nächsten Jahren noch beschleunigen. Bereits jetzt leben weltweit mehr Menschen in Städten als am Land. 2030 sollen es bereits 5 Milliarden sein.  Stadtgebilde wachsen zusammen und bilden riesige, in Beton gegossene Cluster. Umso mehr drängt die Frage: Nach welchen Kriterien wollen wir bauen? Architektur, die den Investoren maximalen Profit in die Tasche spielt und möglichst viel Aufmerksamkeit auf sich zieht – das kann nicht alles sein!

Architektur schafft Identität.

Letztendlich geht es um Lebensqualität, um das Wohlbefinden der Bewohner jener neugeschaffenen Häuser und Stadtteile. Es geht darum, ihnen ein gesundes, entspanntes Sein zu ermöglichen und gleichzeitig Austausch und Kreativität anzuregen. Architektur hat eine gesellschaftsbildende Funktion und Verantwortung. Sie ist identitätsstiftend. Unsere Städte sind wie eine Gebärmutter, in der sich unsere Kultur weiter „ausbrütet“. Die Atmosphäre in unseren Städten trägt dazu bei, in welche Richtung sich unser Kollektiv entfalten wird. Doch nach welchen Maßstäben gestaltet man „menschenfreundliche“ Räume? Ich gebe es offen zu: als ich vor mittlerweile zwei Jahrzehnten Architektur studierte, war das Wohlfühlen der Bewohner nicht im Fokus unserer Diskussionen. Vielmehr ging es uns um Kunst: um klare Formensprache, eine inspirierende Ästhetik, eine starke Entwurfsidee. Der Entwurf sollte „fetzen“, um sich bei Wettbewerben durchzusetzen. Wie sich die Menschen in diesen Gebäuden dann fühlen – wer weiß das schon? Das schien mehr oder weniger Glückssache. Unsere Entwürfe wurden jedenfalls nicht danach benotet. Es gab schlichtweg keine klaren Parameter – jedenfalls keine, die dem aufgeklärten, vernünftigen Kopf einleuchteten. Und auf den Geschmack der breiten Masse an Menschen schien auch kein Verlass zu sein. Da brauchten wir uns nur die, mit Erkern und Türmchen geschmückten Fertigteilhäuser am Stadtrand anzuschauen. Menschliche Gefühle schienen etwas zutiefst „Schwammiges“ zu sein.

Wenn Schlafzimmer nicht genutzt werden…

Trotzdem, im Laufe des Studiums wurde mir immer deutlicher, dass ästhetische und funktionale Richtlinien für den Entwurf eines Gebäudes zu wenig sind. Allzuoft entstehen Bauten, die am Papier super aussehen, doch vor Ort enttäuschen. Ich denke gerade an eine elegante, moderne Villa, die ich besichtigte. Das Schlafzimmer bot einen sensationellen Ausblick über die Landschaft. Nur – in dem Zimmer wollte scheinbar keiner die Nacht verbringen, die Matratzen lagen im Ankleideraum nebenan. Beschämt gab die Frau des Hauses zu, dass ihr das Schlafzimmer nicht kuschelig genug sei. Sie fühlte sich durch die großflächig verglaste Front – das „Loch“ – schier aus dem Zimmer in die Tiefe gezogen. Ihr Unterbewusstsein war ständig in Alarmbereitschaft, ein tiefer, geruhsamer Schlaf wollte sich nicht einstellen. In einem anderen Haus betrat ich ein repräsentatives Wohnzimmer mit einer großen, teuren Leder-Sitzlandschaft, die auch nach Jahren unbenutzt aussah. Besucher blieben lieber zum Tratschen in der Küche, wie mir der Hausherr erzählte. Dort war es einfach gemütlicher. Wie im Kleinen, so im Großen. Auch im Stadtraum kennen wir alle Plätze, die immer gut besucht sind und andere, die von den Menschen offensichtlich gemieden werden. Der Grund dafür scheint manchmal rätselhaft zu sein.

Der „Genius loci“ als Schlüssel

Dabei ist es ganz einfach: Die Atmosphäre eines Ortes entscheidet letztlich, ob Architektur gelingt oder nicht. Doch was ist das eigentlich, die Raumatmosphäre? Und wie kann sie bewusst wahrgenommen und gestaltet werden? Schon während des Studiums hörte ich ab und zu den Begriff „Genius loci“, doch erst während meiner Geomantie-Lehrjahre habe ich so richtig begriffen, wie vielschichtig und faszinierend dieses Thema ist. Genius Loci heißt, aus dem Lateinischen übersetzt, „der Geist eines Ortes“. Er bezeichnet den ganzheitlichen Charakter eines Platzes, seine Aura. Im antiken Rom wurden Tempeln, aber auch profanen Räumen, öffentlichen Plätzen, ja ganzen Städten ein Genius loci zugesprochen. Wenn wir genau schauen, spielt der Genius loci, die lebendige Atmosphäre von Orten, in allen Kulturen rund um den Globus eine wichtige Rolle. Bloß in unserer mental geprägten Gesellschaft ist das Bewusstsein dafür abhanden gekommen. Denn der Genius loci lässt sich nicht durch den Verstand erfahren. Man kann ihn nicht sehen, objektiv messen oder von außen bewerten. Der Genius loci erschließt sich nur denjenigen, welche die distanzierte Betrachtung des Raumes, quasi von „außen“, aufgeben und beginnen, den Ort innerlich zu erspüren. Die bereit sind, eine authentische Erfahrung zu machen und mit dem Platz in eine persönliche Beziehung zu treten. Indem sie den „leeren“ Raum auf sich wirken lassen, den Raum zwischen den Wänden oder zwischen den Gebäuden. Auf dieses Dazwischen kommt es also an.

Die Lebendigkeit der Leere – ein Blick in die Naturwissenschaften

Lernen wir von der Physik. Es ist ein alter Hut, dass die Materie um uns nicht so fest ist, wie sie scheint. In der Tat besteht sie fast ausschließlich aus Leere. Leerer Raum zwischen den Atomen, zwischen Kern und Hülle. Die neuen QuantenfeldTheorien gehen einen Schritt weiter. Sie sagen, dass in diesem leeren Raum wiederum unglaublich viel Lebendigkeit steckt. Er enthält eine unendliche Anzahl an potentiellen Teilchen, die aus dem Vakuum entstehen und wieder vergehen. Diese Teilchen gleichen mehr einer örtlichen Verdichtung des alles durchdringenden Feldes, als  fester Materie, so wie wir sie kennen. Es ist ein Feld „lebendiger Leere“, das in endlosen Rhythmen pulsiert und das Potential für alle Formen in sich trägt. Damit nähert sich die Wissenschaft den alten daoistischen Leeren an, die das Tao (die Summe allen Seins) als ewige Leere sehen, die gleichzeitig mit unendlichen Möglichkeiten angefüllt ist.
Auch die Biologie beginnt sich mit dem „Raum dazwischen“ zu beschäftigen. Nach dem Zellbiologen Rupert Sheldrake sind alle Lebewesen in ein „morphogenetisches Feld“ eingebettet. Das Feld steuert die Entwicklung von Körperstrukturen, aber auch gesellschaftliche Prozesse. Experimente zeigten beispielsweise, dass ein neu erlerntes Verhalten im Tierreich zeitgleich an verschiedenen Orten auftreten kann, ohne dass es dabei zu einem physischen Kontakt der Tiere kam. „Tatsächlich entspricht das morphogenetische Feld am ehesten dem, was wir in der westlichen Tradition Seele nennen. Die Seele ist das Prinzip, das lebende Wesen organisiert. Die Seele ist ein grundlegendes organisierendes Prinzip der Natur, unsichtbar, vergleichbar mit einem magnetischen Feld. Und genau das ist die Ursache für die Entstehung und den Wandel der Dinge.“ (Rupert Sheldrake)

Wie fühlt sich Ihr Lieblingsplatz an?

Handelt es sich beim Genius loci also um lokale morphogenetische Felder, die unsere Häuser, Städte und Landschaften durchdringen? Wir alle kennen es aus eigener Erfahrung, dass wir bestimmte Lieblingsplätze haben und andere, die wir versuchen zu vermeiden. Manchmal lassen sich unsere Vorlieben an bestimmten „äußeren“ Dingen festmachen, wie einem bequemen Sessel oder einer angenehmen Zimmerfarbe. Manchmal aber auch nicht. Die Atmosphäre, die wir an einem Ort wahrnehmen, entsteht aus der Summe der Ausstrahlung ganz vieler „Mitspieler“, die in Wechselwirkung stehen: Materialien, Untergrund, Formen, Farben, Klima, … Auch die pflanzlichen, tierischen und menschlichen Mitbewohner prägen durch ihre Energie und Geschichte die Atmosphäre vor Ort mit. Ganzheitliche Gestaltung ist demnach Beziehungskunst. Und dieses „in Beziehung treten“ kann gelernt und geübt werden, zum Beispiel indem man sich mit Geomantie beschäftigt.

Geomantie (lat. „Erdschauen“)
Am bekanntesten ist hierzulande das „Wünschelrutengehen“, das Aufspüren belastender Erdstrahlen von Wasseradern und Verwerfungen aus dem Untergrund. Doch Geomantie geht weit darüber hinaus – sie beschreibt die Gesamtheit aller „feinstofflichen“ Wechselwirkungen zwischen Menschen, Architektur und Landschaft. Sie findet Möglichkeiten, sich über diese unsichtbaren – doch fühlbaren und wirkenden – Qualitäten auszutauschen und sie in Gestaltungsprozesse  bewusst einzubinden. Jede Kultur auf der Erde (außer unserer westlichen) hat dafür eine eigene Sprache und Hilfsmittel entwickelt. Im chinesischen Feng Shui untersucht man die Yin- und Yangkräfte eines Ortes, um diese auszugleichen. Auch alle 5 Elemente sollen in einer harmonischen Form ausgebildet sein. Im indischen Vastu Vidya wird dem Grundriss großer Tempel- oder Stadtanlagen das Vastu Purusha Mandala zugrunde gelegt. In diesem Zeichen ist der gesamte Kosmos mit all seinen unterschiedlichen Gottheiten in vollständiger Harmonie abgebildet. Die kosmische Harmonie überträgt sich so auf die gebaute Architektur.

Das Unsichtbare fühlen

In der aktuellen Architektur Österreichs wird die Geomantie fast nicht berücksichtigt, obwohl im Hintergrund doch einige damit arbeiten. Zu gefährlich scheint es, in der Öffentlichkeit mit Esoterik in Verbindung gebracht zu werden. Zusätzlich tritt die geomantische Szene nicht einheitlich auf, was unsicher macht. Eine Menge, sich teils widersprechender Vorstellungen und Systeme werden gehandelt. Was stimmt davon? Was kann man nachprüfen? Es scheint zunächst ein erdrückender Nachteil zu sein, dass die feinstoffliche Welt unsichtbar und herkömmlich nicht messbar ist. Wenn Sie selbst bauen, haben Sie dennoch zwei Möglichkeiten, um zu klaren, „griffigen“ Aussagen zu kommen:

Erstens: Stärken Sie Ihre eigene Wahrnehmungsfähigkeit! Es stimmt, dass Geomanten verschiedene Sprachen nützen, um das auszudrücken, was jenseits des Logischen liegt. Wer jedoch selbst ein ausgeprägtes „Bauchgefühl“ besitzt, kann leicht das Gemeinsame aus den verschiedenen Bildsprachen heraus holen und für sich relevante Schlüsse ziehen.

Zweitens: Nützen Sie die Schwarmintelligenz! Das Verhalten einer Gruppe von Menschen, über eine Zeit beobachtet, gibt interessante Aufschlüsse über die Qualität von Plätzen. Wenn Sie beispielsweise die Wegführung durch ein Gelände neu gestalten wollen, können sie zunächst einfach zusehen, auf welche Art die Menschen das Grundstück von alleine und „freiwillig“ begehen. Mit der Zeit werden sich dadurch „Trampelpfade“ und Verweilzonen herausbilden. Das selbe können Sie natürlich auch im eigenen Garten machen, in dem Sie verschiedene Sitzgelegenheiten aufstellen und beobachten, welche von Familienangehörigen oder Gästen angenommen werden. Wenn Sie für sich ein Haus planen, empfehle ich Ihnen, sich möglichst oft auf dem Grundstück aufzuhalten. Schlafen Sie dort, hören Sie den Vögeln zu und träumen Sie dabei. Das wird Ihre Intuition beflügeln und Ihnen das richtige Gespür für den Ort verschaffen. Von den mittelalterlichen Kathedralen und ihren Bauhütten über die monumentale Kathedrale „la Sagrada Família“ des Spanischen Architekten Antoni Gaudí bis zu Günther Domenigs Steinhaus am Ossiachersee sind komplexe und „dichte“ Architekturen oft dadurch entstanden, dass die Erbauer jahrzehntelang direkt vor Ort auf der Baustelle lebten. Der Genius loci hatte es somit leicht, sich in die Planung „einzumischen“ und die richtigen Entscheidungen einzuflüstern.

Partizipation und Interaktion

Für die Planung von Wohnhäusern oder ganzen Stadtteilen können partizipatorische Prozesse sehr nützlich sein, um auf das intuitive Wissen vieler Menschen zuzugreifen. Nach den ersten Pilotprojekten (in Österreich zum Beispiel die Wiener „Sargfabrik“ oder die CoHousing-Siedlung „Lebensraum“) wurden mittlerweile eine Fülle von Tools und Methoden erarbeitet, wie sich Beteiligungsprozesse fruchtbar und effizient gestalten lassen.    Auch bei der Planung des neuen WU Campus in Wien wurden Tools für Interaktion und Partizipation eingesetzt. Der für die Masterplanung verantwortlichen Architektin Laura Spinadel von BUSarchitektur ging es besonders darum, auch Laien im Verständnis von Raum zu schulen. Damit sie mitentscheiden können, nach dem Motto „Die Stadt gehört uns!“ Für alle partizipatorische Projekte gilt, dass sie Zeit brauchen. „Slow Architecture“, analog zu „Slow Food“, ermöglicht es dem Menschen, das Baugeschehen mit dem ganzen Wesen mitzuverfolgen, inklusive seiner seelischen Empfindsamkeit. Die Chance zu begreifen, wie sich der Genius loci an diesem Ort zeigt, durch seinen Bewuchs, seine Topografie, seine Materialien. Zu hören, welche tieferen Bedürfnisse die involvierten Menschen haben. Wahrzunehmen, was unausgesprochen im Raum steht.

Für mich ist letztlich das wahr, was ich selbst wahrnehmen und real erleben kann. In meiner, nunmehr beinahe 20-jährigen Erfahrung als Architektin und Schamanin habe ich viele Male erfahren, dass ich direkt mit dem Bewusstsein eines Platzes oder einer Landschaft in Kommunikation treten kann. Ich erlebe den Raum nicht nur als Energiefeld, sondern als persönliches Gegenüber. Es kommt zu einem Austausch von Empfindungen und Verbundenheit, aber auch von Wissen und Inspiration.

Julia N. Gruber, Architektur und Geomantie als Leidenschaft

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