Inspiration

Sula Herzl: Der verrückte Tanz ihres Lebens

Ihr Vater schmuggelte Kokain im großen Stil von Brasilien nach Österreich und wurde per Haftbefehl gesucht. Ein Berg Schulden ist alles, was er ihr hinterließ. Die Künstlerin Sula Herzl hat ein bewegtes Leben voller Höhen und Tiefen hinter sich. Sie trat als Sängerin in Wien und als Stripperin in Tokio auf, wurde Werbesprecherin für Ariel und McDonald’s, bis sie endgültig ausstieg. Heute lebt sie in Klosterneuburg und blieb in ihrem Herzen Hippie. Die Geschichte eines verrückten Lebens, aufgezeichnet von ihrer Tochter Namita.

Namita Herzl5. Dezember 2018 No Comments
ooom interview sula herzl

Ihr Paradies liegt in einem kleinen Sommerhäuschen an der Donau, versteckt in einem kleinen Garten, wo Blumen blühen und bunte Tücher voll Ornamenten den direkten Weg zu ihrem Haus weisen. Einem Ort, der auch Greenwich Village oder Haight-Ashbury in San Francisco sein könnte, wo Janis Joplin wohnte und Jimi Hendrix‘ Freundin lebte, wo Gras an jeder Ecke wuchs und Allen Ginsberg mit bewusstseinserweiternden Drogen experimentierte. Es war die Zeit der Hippies, der freien Liebe, von Flower-Power und der Musik von Jim Morrison und Grateful Dead.

Ursula Herzl, 50, genannt Sula, könnte dieser Szenerie entsprungen sein, mit ihren strahlenden Augen, dem bunten Kopftuch, einer Gebetskette um den Arm, extravaganten Ringen und ihrer schrillen Herzbrille. Sie wirkt, als wäre die Hippie-
Zeit stehengeblieben und sie mittendrin. Sula Herzl ist eine starke Frau. Sie ist meine Mutter.

Drogendealer. Wenn ich an meine Kindheit denke, spüre ich eine Trauer über die Schwere, mit der ich groß-
geworden bin. Wir hatten eine Last zu tragen, meine Mutter und ich, und wir waren lange alleine mit dieser Last. Ihr Leben ist so außergewöhnlich, dass es eine Geschichte verdient hat. Sula Herzl durchlebte Höhen und Tiefen der Modewelt, arbeitete für ihren Vater, der später aus Brasilien im großen Stil Kokain nach Österreich schmuggelte und dafür für zehn Jahre hinter Gitter wanderte, trat als Sängerin in Wien und als Stripperin in Tokio auf. Sie brachte mich vor 25 Jahren zur Welt, zog mich alleine groß, beglich dreihunderttausend Euro Schulden, die sie ihrem Vater verdankte, wurde Werbesprecherin und schließlich Aussteigerin. Heute macht sie Kunst und lebt endlich das Leben, das sie sich immer gewünscht hatte. Wie wird man zu dem, was man ist?

Klosterschule. Die Geschichte von Sula Herzl ist die Geschichte einer Generation, die geboren wurde, als die Welt von freier Liebe sprach, Zehntausende Afroamerikaner in den USA für ihre Rechte auf die Straße gingen, der Prager Frühling brutal niedergeknüppelt wurde. Meine Mutter wuchs mit ihrer Schwester am Stadtrand Wiens auf, am Fuße der Himmelhofwiese. Sie ging zehn Jahre lang in eine Klosterschule, diskutierte mit den Nonnen über freien Willen und ein selbstbestimmtes Leben. Dann übersiedelten ihre Eltern – meine Großeltern – nach Padua, Italien, um mehrere Modegeschäfte aufzubauen. Meine Mutter und ihre Schwester ließen sie bei der Großmutter zurück. Völlig unverständlich, auch noch aus heutiger Sicht. Mit 16 Jahren floh sie in eine leerstehende Altbauwohnung in Wien, verbrachte die Nächte in Clubs und die Tage schlafend im Unterricht. Sie begegnete den verrücktesten Menschen, nahm Drogen und kümmerte sich um verlorene Junkies: „Wie ich parallel die Matura geschafft habe, ist mir bis heute ein Rätsel.“ Schließlich zog sie nach der Matura nach München, um für ihren Vater den Ein- und Verkauf für seine Münchner Boutiquen zu machen. Es war der Anfang des Wahnsinns, der bald danach ihr Leben bestimmen sollte. In ihrer Wohnung war durchgehend Party, selbst die Jungs von Milli Vanilli – damals einer der angesagtesten Acts – hingen bei ihr herum.

ooom magazine sula herzl

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Haftbefehl.
„Mein Vater wurde von einem Tag auf den anderen per Haftbefehl gesucht“, schildert Sula Herzl den Moment, als ihre Welt implodierte. „Er flüchtete nach Brasilien auf eine Insel vor Rio, Paquetá. Ich reiste ihm nach und wollte nie wieder gehen.“

Sula Herzl brach ihr Studium ab und lernte in Brasilien die Liebe ihres Lebens kennen: „Ein blonder Taucher, der um einiges älter war als ich. Er trug mich auf Händen. Wir nahmen LSD am Meer und ich lernte von ihm die Sprache der Wellen.“

300.000 Euro Schulden. Dann machte sie im Alter von nur 21 Jahren einen fatalen Fehler: Ihr Vater wollte, dass sie seine Firma zum Schein übernimmt, während er sie aus Brasilien weiterführt. Sie sollte sein Strohmann sein: „Mein Gefühl sagte Nein, aber er war mein Vater. Also ging ich darauf ein.“ Was sie nicht wissen konnte: Die Firma war mit vier Millionen Schilling, heute 300.000 Euro, verschuldet.

„Ich habe damals nicht erkannt, dass man immer die Wahl hat und ich vertraute meinem Vater blind“, sagt sie mit der nötigen Distanz. „Heute weiß ich, dass es offensichtlich notwendig war, ein paar Runden in der Hölle zu drehen und meine eigenen Dämonen zu bekämpfen, um Toleranz, Mitgefühl und Vergebung zu lernen.“