Inspiration

Sula Herzl: Der verrückte Tanz ihres Lebens

Ihr Vater schmuggelte Kokain im großen Stil von Brasilien nach Österreich und wurde per Haftbefehl gesucht. Ein Berg Schulden ist alles, was er ihr hinterließ. Die Künstlerin Sula Herzl hat ein bewegtes Leben voller Höhen und Tiefen hinter sich. Sie trat als Sängerin in Wien und als Stripperin in Tokio auf, wurde Werbesprecherin für Ariel und McDonald’s, bis sie endgültig ausstieg. Heute lebt sie in Klosterneuburg und blieb in ihrem Herzen Hippie. Die Geschichte eines verrückten Lebens, aufgezeichnet von ihrer Tochter Namita.

Namita Herzl5. Dezember 2018 No Comments
ooom interview sula herzl
sula herzl ooom interivew

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Zusammenbruch. Sie nippt an ihrem grünen Tee. Und erinnert sich: „Innerhalb eines Jahres schaffte ich die Hälfte seiner Schulden abzuzahlen.“ Dann folgte der psychische und physische Zusammenbruch: „Nach einem Jahr Arbeit, 18 Stunden am Tag, war ich am Ende. Ich machte alles: Einkauf, Verkauf, Buchhaltung, nachts putzte ich das Geschäft.“ Sie löste die Firma von einem auf den anderen Tag auf, in der Gewissheit, nun alleine für 150.000 Euro zu haften. „Ich wollte nur weg und reiste für drei Monate nach Indien. Es war ein Hippie-Leben, ich fuhr mit durchgedrehten Freaks auf großen Motorrädern durch die gefährlichsten Straßen des Landes.“

Kokain. Zurück in Wien traf sie meinen Vater, Bernhard, ein Model, und wurde bereits nach ein paar Wochen schwanger. Dann brach ihr Leben vollends ein: „Ich war hoch verschuldet, zuhause mit meinem Kind alleine, das ich großzog, während er Partys feierte. Mein Vater wurde zur selben Zeit wegen Kokainhandels inhaftiert und musste seine Frau und seinen Sohn in Brasilien alleine zurücklassen.“ Sula Herzls Vater – mein Opa – sollte schließlich zu zehn Jahren Haft verurteilt werden. Auch die Liebe zu ihrem Lebenspartner, meinem Vater, zerbrach: Nach eineinhalb Jahren trennte sie sich von ihm.

Als Stripperin in Tokio. Freunde, die sie in Goa kennengelernt hatte, boten ihr an nach Tokio mitzukommen. Weil sie toll aussah und Japaner Europäerinnen lieben, bekam sie ein verlockendes Angebot, in einem Edelclub in Akasaka zu strippen. Nach ein paar Tagen wurde sie in den besten Club nach Roppongi „befördert“. Pro Nacht musste sie als Tänzerin 150 Euro an den Club zahlen, dafür, dass sie tanzen durfte. Jeder Private Dance brachte ihr 100 Euro ein. „Ich tanzte im teuersten Club in Tokio, wo die Verhältnisse klar und die Grenzen festgelegt waren. Unsere Kunden waren Stars und reiche Geschäftsmänner, wir waren in einem geschützten Raum. Es gab keinen Sex, nicht einmal eine intime Berührung. Aber ich konnte meine exhibitionistische Ader ausleben. Die Bodyguards waren unsere Freunde und jeder übergriffige Kunde wurde sofort hinausbefördert.“ Sie tanzte Nächte durch und fuhr nach zwei Monaten reich nach Hause. Ich musste zwischenzeitlich in Wien bei meiner Großmutter leben, das Schicksal wiederholte sich. Das war nicht einfach für mich und führte zu tiefem Leid auf beiden Seiten. Sie ließ mich zurück, wie es ihre Mutter auch mit ihr gemacht hatte.

Tränen. Während sie ihre Wand in Tokio mit Bildern von mir zuklebte, mir insgesamt an die hundert Postkarten schrieb und unzählige japanische Kinder fotografierte, um ihren Schmerz zu kompensieren, vermisste ich meine Mutter. Innerhalb von zwei Jahren verbrachte sie insgesamt neun Monate in Tokio und beglich damit sämtliche Schulden.

Werbespot für McDonald’s. Zurück in Wien begann sie am Empfang bei einer Werbeagentur zu arbeiten: „Es war die erste Fixanstellung meines Lebens, die ich drei Jahre durchhielt.“ Sula sprang durch Zufall als Sprecherin für Werbeaufnahmen ein und machte dies so gut, dass sie zu einer der gefragtesten Werbestimmen des Landes wurde. Sie sprach unzählige Werbespots von Ariel bis McDonald’s und lernte ihren zukünftigen Ehemann, einen Künstler, kennen.

Antidepressiva. Ihr Traum einer idyllischen Familie wurde jedoch nie Wirklichkeit. Ihr Mann verbrachte die meiste Zeit malend in seinem Atelier, sie war wieder alleine, wurde depressiv und krank, zog sich zurück, fiel in ein tiefes Loch der Einsamkeit und nahm Antidepressiva. Sie atmet tief durch: „Wer selbst erfahren hat, dass man bei schwerer Depression von einem schwarzen Loch verschlungen wird, wird keinem je sagen, er soll sich zusammenreißen.“ Sie flüchtete abermals. Nach der Scheidung blieb sie bis heute alleine, wurde Veganerin und begann, sich künstlerisch zu verwirklichen und zu meditieren. Sie blickt auf ein bewegtes Leben zurück: „Ich weiß bis heute nicht, wie ich das alles überstanden habe“, sagt sie, atmet tief durch und setzt sich auf die mit bunten Pölstern und pinkfarbenen Decken belegte Bank. Liebevoll gießt sie Kaffee mit Hafermilch in bunte Flohmarkttassen ein.

ooom magazine sula herzl

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Meine Mutter liebt und lebt das Leben in all seinen Facetten. Sie will sich nie wieder selbst verraten und nur noch das tun, was ihr guttut. Das hatte auch zur Folge, dass sie ihren Job als Werbesprecherin aufgab, weil sie nicht mehr zum Kauf von Produkten animieren wollte, die sie selbst seit Jahren boykottierte: „Wir können als Einzelne die Welt vielleicht nicht verändern, aber wir können unsere persönliche Welt so gut wie möglich gestalten.“ Heute stellt sie kunstvolle Tische und Stühle her. Die Inspiration dafür findet sie in jedem einzelnen Bild, das sie sammelt. „Wenn ich arbeite, arbeite ich wie in Trance. Ich vergesse zu schlafen und zu essen.“

Selbstliebe. Meditation und Yoga gehören heute zu ihrem Leben. Wie kann man nach mehreren Schicksalsschlägen, einer schweren Krankheit und einer starken Depression so lebensfroh sein?

Ich habe die tiefsten Abgründe schon gesehen. Ich habe keine Angst mehr vor der Dunkelheit.

www.ursulaherzl.com

5. Dezember 2018