Arts & DesignMagazin

Glaser, Sagmeister & Co.: Das Treffen der Design-Giganten

OOOM exklusiv: Der Roundtable der wichtigsten Grafikdesigner unserer Zeit. Milton Glaser, Stefan Sagmeister, Paula Scher, Chip Kidd und Jan Wilker prägten das moderne Grafikdesign wie niemand anderer. Ihre Entwürfe, Markenidentitäten, Logos und Designs wurden zu Ikonen unserer Zeit. OOOM brachte sie erstmals gemeinsam an einen Tisch. In Glasers legendärem Designstudio in Kips Bay, in dem er das „New York“ Magazine entwickelte, sprachen sie über gutes Design, Verantwortung, kreative Tricks, das geteilte Amerika, schreckliche Entwürfe, das Ende des Buches – und warum Donald Trump ein großer Designer ist.

Georg Kindel & Christina Zappella-Kindel12. September 2018 No Comments

Sie begegnen uns ständig im Alltag, und doch nehmen wir sie meist nicht bewusst wahr. Wenn wir unseren Laptop aufdrehen und Windows 8 hochfährt, wir Steven Spielbergs Blockbuster „Jurassic Park“ ansehen, den Stand unseres Citibank-Kontos abrufen oder das Rolling-
Stones-Album „Bridges to Babylon“ auf iTunes downloaden: Das Design dazu, die Logos, die Markenidentitäten stammen von fünf kreativen Köpfen, die die Welt des Grafikdesigns der letzten Jahrzehnte prägten wie kaum jemand anderer. Sie alle leben und arbeiten in New York und trafen für ein zweistündiges Gespräch für OOOM erstmals zusammen:

• Milton Glaser gilt als einer der wichtigsten Designer der letzten Jahrzehnte. Er entwarf das legendäre „I love NY“-Logo mit dem roten Herzen, das seitdem millionenfach als Symbol der Stadt auf T-Shirts, Bücher, Tassen und Merchandising-Artikel gedruckt wurde. Glaser gründete das New York Magazine, seine Arbeiten für Bob Dylan, Stevie Wonder und Olivetti sind legendär. Präsident Obama zeichnete ihn 2009 mit der „National Medal of Arts“ aus.

• Stefan Sagmeister zählt mit seinem Designbüro Sagmeister & Walsh zu den innovativsten Köpfen der Branche. Time Warner, das Guggenheim Museum, David Byrne oder die Rolling Stones sind seine Kunden. Die Ausstellung „Happy Show“ des Österreichers und sein Movie „Happy Film“ lockten Hunderttausende Menschen weltweit in Museen und ins Kino.

• Paula Scher designte als Art Directorin von CBS 1.500 Plattencover – von Bruce Springsteen, Leonard Bernstein bis Billy Joel – und setzte so die Musik einer ganzen Generation visuell um. Sie entwarf das Citi-Logo, das heute von der Citibank bis zu Citibikes verwendet wird, auf einer Serviette. Auch das Windows-8- und Metropolitan-Opera-Logo ist ihr Design, ihre Kunden reichen vom Museum of Modern Art, Coca-Cola bis Bloomberg. Paula Schers Werke hängen in Museen vom MoMA bis zum Centre Pompidou in Paris.

• Chip Kidd ist der bedeutendste Buchdesigner der Welt. Über 1.000 Cover hat er bisher entworfen, viele davon – für Klienten von Haruki Murakami, Michael Crichton bis Bill Clinton – sind Weltbestseller geworden. Sein Entwurf für „Jurassic Park“ wurde vom Buch über Steven Spielbergs Film bis zum Merchandising millionenfach verwendet.

• Jan Wilker zählt mit seiner Agentur karlssonwilker Puma, Nike, die New York Times, MTV, Mini und Adobe zu seinen Kunden. Nach Covers für das TIME Magazine hat Wilker auch das OOOM-Cover der Ausgabe 5/2017 designt.

Wir sitzen hier in Milton Glasers Designstudio, einem für die Geschichte des Designs historischen Ort. Sie haben hier 1968 das New York Magazine gegründet und bis 1977 geleitet, das heute noch 2,8 Millionen Leser hat.

Glaser: Wir haben das Haus 1965 gekauft. Als wir mit dem New York Magazine starteten, arbeiteten zeitweise 100 Leute hier, was man sich heute kaum mehr vorstellen kann. Als ich 1974 mein eigenes Designstudio gründete, musste das Magazin ausziehen. Mit einem Mal saßen hier Dutzende Designer auf mehreren Stockwerken. Viele kamen von der School of Visual Arts, an der einige von uns, die heute in dieser Runde hier sitzen, unterrichtet haben. Es gab keine Computer, wir mussten alles händisch entwickeln. Heute haben wir im Erdgeschoß Designstudenten untergebracht.

Kidd: Milton, ich weiß, du wirst dich nie im Leben daran erinnern, aber ich ging zum ersten Mal 1986 in dieses Gebäude, als ich 22 Jahre alt war, zu einem Vorstellungsgespräch mit dir. Du warst extrem freundlich – hast mich aber nicht eingestellt. (alle lachen) Aber ein richtiger Nervenkitzel war es allemal!

Stefan, Sie haben unten beim Eingang einige Ihrer Studenten getroffen.

Sagmeister: Ja, da sind etliche hier. Fast alle von uns unterrichten an der School of Visual Arts. Einige meiner Lieblingsstudenten – und ich nehme an eurer auch – haben im Erdgeschoß ein kleines Designstudio gestartet. Ich bin sehr stolz darauf und freue mich, wenn Leute, die du kennst, eine gute Arbeit machen. Ich denke, jeder Lehrer kennt dieses Gefühl.

Wenn Sie von „guter Arbeit“ reden, stellt sich unweigerlich die Frage: Was ist gutes Design?

Scher: Ich ändere meine Meinung dazu ständig. Gutes Design hängt davon ab, ob man über professionelle Arbeit spricht, also über Standards, oder über Arbeit, die wirklich überrascht. Überraschende Arbeiten setzen sich oft über den Begriff „gut“ hinweg, denn sie können auch Emotionen wie Ärger in dir wecken, wenn du es für unverschämt hältst. Oder du verstehst es nicht oder nimmst es nicht wahr. Ich finde das viel interessanter als einfaches, grundlegendes Design, das eigentlich gutes Handwerk ist, aber nicht mehr.

Kidd: Was gutes Design ist? Ich kann eher sagen, was schlechtes Design ist. Das ist die Fernbedienung für mein neues Kabel-TV, mit der ich mich schon seit einiger Zeit herumschlage. Sie ist einfach schrecklich designt, hat Tausende verwirrende Knöpfe, die dir nicht bei dem helfen, was du gerade tun möchtest.

Ist Apple mit seiner Reduktion auf das Wesentliche als Gegenentwurf dazu gutes Design?

Kidd: Ja. Ich verwende jetzt auch ständig Apple Pay (ein Zahlungssystem für mobile Apple-Geräte, Anm.), das funktioniert perfekt. Apple hat ein gutes formales und ein gutes technisches Design.

Wilker: Gutes Design ist niemals träge. Träge in jenem Sinn, dass es entweder sorgfältig und sauber gefertigt wurde oder die Idee nicht träge war, sondern wagemutig und kühn. Faulheit erzeugt schlechtes Design. Da würde ich den Unterschied sehen. Paula, du schüttelst den Kopf?

Scher: Ich habe eine geringere Erwartung von „gut“.

Sagmeister: Ich denke, wir müssen unterscheiden von der Art, wie wir als Designer das sehen und was es mit dem Betrachter macht, den Menschen, die unser Design nutzen. Ich denke, gutes Design ist alles, das jemandem hilft, gefällt oder sogar begeistert. Nur in ganz seltenen Fällen gelingt uns beides. Wenn nichts davon gelingt, war es Zeitverschwendung.

Glaser: Du musst Design von den Absichten trennen. Ab einem gewissen Punkt muss man sich fragen: Was ist meine Absicht hier? Das gilt übrigens für jeden anderen Aspekt unseres Lebens genauso. Wir wissen, dass die Absicht meist nicht nur uns selbst betrifft. Wir wissen das, seit wir die Katastrophen erlebt haben, die die Menschheit verursachen kann. Speziell in diesem Augenblick unserer Geschichte, mit Menschen wie Donald Trump, der ausschließlich eigennützig handelt und absolut keine Vorstellung der anderen hat. Du brauchst ein Konzept für die anderen für jede Zivilisation, um zu überleben. Es ist eine Frage, die sich Designer viel zu selten stellen, obwohl es der Ausgangspunkt für alles sein sollte, was wir tun: Was sind die Konsequenzen meiner Arbeit? Oder: Verursache ich Schaden?

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