Arts & DesignMagazin

Glaser, Sagmeister & Co.: Das Treffen der Design-Giganten

OOOM exklusiv: Der Roundtable der wichtigsten Grafikdesigner unserer Zeit. Milton Glaser, Stefan Sagmeister, Paula Scher, Chip Kidd und Jan Wilker prägten das moderne Grafikdesign wie niemand anderer. Ihre Entwürfe, Markenidentitäten, Logos und Designs wurden zu Ikonen unserer Zeit. OOOM brachte sie erstmals gemeinsam an einen Tisch. In Glasers legendärem Designstudio in Kips Bay, in dem er das „New York“ Magazine entwickelte, sprachen sie über gutes Design, Verantwortung, kreative Tricks, das geteilte Amerika, schreckliche Entwürfe, das Ende des Buches – und warum Donald Trump ein großer Designer ist.

Georg Kindel & Christina Zappella-Kindel12. September 2018 No Comments

from left: Designers Stefan Sagmeister, Jan Wilke , Chip Kidd and Milton Glazer photographed in Milton Glazer’s studio in Manhattan.

Ist das immer leicht, wenn man von seiner Arbeit auch leben muss?

Glaser: Ich denke, wir müssen uns dessen bewusst sein, auch wenn man nicht immer danach handeln kann, weil man jeden Tag Essen auf den Tisch stellen und seine Kinder aufs College schicken muss. Aber die Tatsache, dass jemand die Auswirkung seiner Arbeit ignoriert, ist ein furchtbarer psychischer Schlag. Und ein Schlag gegen die Gesellschaft als Ganzes. Wenn ich von Behörden lese, die die Nährwerttabellen beurteilen und ernsthaft sagen „Fett ist schlimmer für dich als Zucker“, denke ich mir als Erstes: Die gehören an die Wand gestellt! Denn sie sind die Mörder von Millionen Menschen. Die Tatsache, dass sie bereit sind, dies zu tun, weil sie die Macht und Wichtigkeit haben, und sie durch Bekanntheit und Geld dafür belohnt werden, ist eines der schlimmsten Dinge, die der menschliche Geist zu tun fähig ist. Es muss also auch unsere erste Frage sein: Was sind die Konsequenzen meiner Arbeit? Und wenn die Konsequenzen meiner Arbeit sind, dass ich durch Werbung suggeriere, es sei okay viel Zucker zu sich zu nehmen und Millionen Kinder sterben deshalb an Diabetes, so weiß ich nicht, wie ich damit umgehen könnte, außer sofort und augenblicklich damit aufzuhören.

Milton, 1977 war New York eine gefährliche Stadt, es gab zahlreiche Morde, der Times Square war von Prostituierten bevölkert, die Kriminalitätsrate hoch. Damals hat man Sie gebeten, ein Logo für die Stadt zu entwerfen, um das Image von New York zu verbessern und den Einwohnern den Glauben an ihre Stadt zurückzugeben. In einem Taxi hatten Sie den Einfall zum legendären „I love NY“-Logo mit dem roten Herzen. Dachten Sie, dass 40 Jahre später noch jedes Jahr Ihr Logo millionenfach auf T-Shirts, Tassen und Anhänger gedruckt wird?

Glaser: Das Wichtigste, was ein Designer tun kann, ist, das Bewusstsein der Menschen zu verändern. Das muss unser Ziel sein, egal ob wir eine Zeitung entwickeln oder einen Wolkenkratzer designen. Du veränderst die Vorstellung von Menschen, wenn du es richtig machst.  Das ist dann der Fall, wenn eine Verbindung zwischen Design und Kunst existiert. Kunst und die Vorstellung von Schönheit als Möglichkeit, dass Menschen ihre Erfahrung teilen, so dass sie sich nicht gegenseitig killen. Das ist die bedeutendste Form dessen, was wir erreichen können, wenn wir erfolgreich sind.

Mit New York ging es bergauf, die Lebensqualität stieg, auch die Kriminalitätsrate sank. Sie haben Ihr Logo New York geschenkt, das damit jährlich 30 Millionen Dollar umsetzt.

Glaser: Nur ganz selten kann man als Designer so etwas erleben, und wenn du es dann tust, merkst du, du bist in etwas involviert, das größer ist als Ruhm und Geld, was in unserer heutigen Kultur leider für viele alleine attraktiv zu sein scheint.

Stefan, wie mächtig sind Designer wirklich?

Sagmeister: Ich stimme Milton total zu, dass man sich der Konsequenzen dessen, was man tut, bewusst sein muss. Ich denke, wir können das Boot in die richtige Richtung steuern, auch wenn wir nicht immer die Konsequenzen unserer Arbeit vorhersehen können. Ich denke, als du das „I love NY“-Logo entworfen hast, wusstest du auch nicht, dass es millionenfach kopiert werden wird.

Scher: Oft machst du Dinge und hast keine Ahnung, was das Ergebnis sein wird. Ich habe oft solche Erfahrungen gemacht.

Welche zum Beispiel?

Scher: Bei der New York High Line zum Beispiel (eine 2,33 Kilometer lange Güterzugtrasse im Westen Manhattans, die zu einer Parkanlage umgebaut wurde, Anm.). Der ursprüngliche Ansatz war ein rein selbstloser, eine Identität gemeinsam mit Architekten und Landschaftsdesignern zu entwickeln, aus der ein fantastischer Park entsteht. Es ist ein fantastischer Platz geworden, das kann man nicht leugnen, anderseits sind wir nicht verantwortlich dafür, dass plötzlich Immobilienentwickler kamen und die Wohnungspreise in diesem Gebiet enorm anstiegen. Oder dass jene Menschen, die immer schon rund um die High Line wohnten, einkommensschwache Haushalte sind und den Park praktisch nicht nutzen. Sie glauben, er sei nicht für sie gemacht worden. Er ist viel zu schön und nicht ihr Design. Das war aber nicht die Absicht jener Menschen, die die High Line entwickelten. Ich erlebe dies immer öfter, dass es eine unbeabsichtigte Wirkung gibt in der Weise, wie ein Publikum „gutes Design“ sieht. Es grenzt sie aus. Und das ist es, worüber Designer niemals reden und was sie wohl auch nicht ganz verstehen wollen.

Ist das generell ein Problem der Stadtplanung?

Scher: Wenn du im öffentlichen Bereich tätig bist – und ich war sechs Jahre in der Design Commission New Yorks – wirst du in alle möglichen Projekte involviert. Ich war entsetzt, wenn ganze Stadtteile Steuergeld verwenden wollten, um schreckliche Entwürfe von Designern zu verwirklichen. Aber dann denkst du dir: Das ist ihre Nachbarschaft. Du erlebst Bewertungen, die auf der Besteuerungsgrundlage gemacht werden. Eine Seite der Houston Street hat andere Bordsteine als die andere Seite, weil es dort Steuervergünstigungen gibt und sie daher keine Granitplatten bekommen. Design ist ein kompliziertes Geschäft, weil es nicht einfach nur versucht Gutes zu tun, es kommt auf die Auslegung an, was „gut“ ist und das Verhältnis zu einer Gesellschaft, die vielleicht darunter nicht dasselbe versteht. Du kannst Menschen nichts vorschreiben. Selbst wenn Designer bewusst agieren und den absolut richtigen altruistischen Geist verfolgen, kann deine Arbeit Folgen haben, derer du dir nicht bewusst bist.

War das immer schon so?

Scher: In meinen Anfängen als Designer hasste ich die Schrift Helvetica, weil sie für mich den Vietnam-Krieg repräsentierte. Kein Scherz! Alle Unternehmen verwendeten damals Helvetica, für mich waren sie die Bösewichte. Das zeigt, wie ein Mensch in einer Kultur etwas interpretieren kann, was eigentlich neutral ist.

Kidd: Ich designe Buchcover, was im Kontext von all dem etwas sonderbar erscheint. Was ich aber immer gefragt werde, ist: „Hast du jemals das Design für ein Buch gemacht, das du nicht magst?“ Ich mache diesen Job jetzt seit 31 Jahren und die Antwort ist ganz klar: Ja! Natürlich. Aber das ist etwas anderes, als ein Design für ein Buch zu entwickeln, gegen das ich aus moralischen Gründen bin. Ich musste dies niemals tun. Wir veröffentlichen keine Bücher von schrecklichen Autoren wie Bill O‘Reilly (ein Fox-News-Moderator, Anm.) oder Ann Coulter (eine rechtskonservative Autorin, Anm.). Darüber bin ich sehr glücklich, denn ich glaube nicht, dass ich das könnte. Das Schöne an meiner Arbeit ist: Hardcover-Bücher werden nie weggeworfen. Du spendest sie bestenfalls dem Kirchen-Flohmarkt oder schenkst sie her. Sie werden nicht zerstört. Sie landen in der Bibliothek oder dem Bücherregal.

Glaser: Ich denke, es gibt da einen Unterschied zwischen Überzeugung und der Möglichkeit von Alternativen, die man Menschen anbietet, also zwischen „Hier sind die Möglichkeiten“ und „Du musst das tun“. Das Beste, was du als Designer tun kannst, ist, Menschen die Welt zu öffnen und die vielen Möglichkeiten aufzeigen. Ich glaube nur, du kannst keine Bücher mehr produzieren, die auf dem Bücherregal verstauben, nachdem sie bestenfalls einmal gelesen wurden. Sie harren 70 Jahre auf dem Regal aus und vergilben – dafür gibt es keinen Platz mehr. Man sollte keine Bücher mehr produzieren.

Ernsthaft?

Glaser: Bücher sollten nur mehr produziert werden, wenn sie für immer bestehen können, wie ein Gemälde. Auf vielen Bücherregalen stehen Bücher, die sind 50 Jahre alt und werden nie mehr angesehen. Eines Tages werden sie im Ozean versenkt. Die Frage ist also: Soll man heute wirklich noch Hardcover-Bücher produzieren, oder sollen wir den Menschen beibringen, in anderer Form zu lesen und Zugang zu diesem Wissen zu bekommen, weil es mit der Welt zu Ende geht?

12. September 2018