Das grüne OOOM

Desserto: Leder aus Kakteen

Die beiden Freunde Adrián López Velarde und Marte Cázarez ­aus Mexiko verfolgen ­einen ­gemeinsamen Traum: Ihre Marke Desserto soll der wichtigste Lieferant von veganem Leder für die Industrie werden. Ihr auf der Kaktusart Nopal, bei uns als ­Feigenkaktus bekannt, ­basierendes ­Material ist von Tierleder kaum zu unterscheiden. Auch das österreichische ­Unternehmen Giesswein hat diese Innovation aufgegriffen. ­Desserto-Mitgründer ­Velarde sprach mit OOOM über das Thema Nachhaltigkeit und wie der vegane Trend sein Leben verändert hat.

Julia Rous14. Januar 2022 No Comments

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, veganes Leder aus Kakteen herzustellen?
Marte und ich haben früher in der Automobil- und Modeindustrie gearbeitet und dabei viel mit Leder und synthetischen Materialien wie PVC und Polyurethan zu tun gehabt. Wir waren nicht zufrieden mit dem, was wir in der Industrie oder zumindest in der Wertschöpfungskette sahen, angesichts der vielen giftigen Chemikalien in der Herstellung. Nach unserer Arbeit und unseren Reisen beschlossen wir, uns in Mexiko niederzulassen und nach einer Lösung zu suchen. In Mexiko gab es zu der Zeit keine Alternativen zu diesen Produkten und Mexiko ist ein wichtiges Land für die Mode- und Automobilherstellung. Wir sahen uns um und suchten nach Pflanzen, aus denen wir ein nützliches Material herstellen könnten und wir dachten, warum nicht aus Kaktus, der hier am häufigsten vorkommenden Pflanze. Anfangs war es ein Traum, wir wussten nicht, ob es wirklich funktionieren würde, aber wir haben zwei Jahre mit Forschung und Entwicklung verbracht und mit vielen Kaktusarten gearbeitet, denn es gibt mehr als tausend. Schließlich haben wir unsere Suche auf Opuntia ficus indica eingegrenzt, die in Mexiko heimisch ist und eine riesige Auswahl an Produkten bietet.

Kann man aus jedem Kaktus Leder herstellen?
Das könnten wir, und es würde funktionieren. Aber wir müssen die Nachhaltigkeit bewerten und nach Pflanzen suchen, die tatsächlich eine nachhaltige Lösung darstellen, die die Artenvielfalt nicht beeinträchtigen, die eine sehr schnelle und effiziente Wachstumsrate haben und bei denen man keine Herbizide, Pestizide und Düngemittel einsetzen muss. Diese Kaktusart ist so großartig, weil sie sehr schnell wächst. Sie müssen nicht bewässert werden und es müssen keine Chemikalien eingesetzt werden. Und weil dieser Kaktus in seinem natürlichen Lebensraum hier in Mexiko angebaut wird, wächst er sehr, sehr schnell. Wir können jede Plantage zwei Mal im Jahr ernten. 

Sie bevorzugen karges Land?
Wir bestellen das Land der Bauern, das heruntergekommen ist und das sie nicht für andere Anbauprodukte nutzen können. Und auf diesem Land, auf dem es sehr schwer ist, etwas anzubauen, pflanzen wir unsere Kakteen an. Und warum? Weil wir wissen, dass er dort wachsen wird, weil es sein natürlicher Lebensraum ist. Wir ernten nur die reifen Blätter der Pflanze und so forsten wir tatsächlich auf. So bleibt der Kaktus in seinem natürlichen Umfeld und stellt die Mikroflora und -fauna wieder her, bereichert die Artenvielfalt, absorbiert Kohlendioxid und bietet den Bauern eine neue Einkommensquelle. Das ist die Art und Weise, wie wir vorgehen, und wir lassen die wild­wachsenden Pflanzen dabei unberührt.

Wächst diese Art nur in Mexiko oder könnte man überall auf der Welt Kaktusplantagen anlegen?
Nicht überall, aber mit Sicherheit in jeder Region. Das ist etwas, das wir im Zuge unserer Expansionsschritte prüfen. Unser Ziel ist es, das Material so nah wie möglich an jede Ecke der Welt zu bringen. So können wir den CO2-Fußabdruck und die Kosten für den Transport reduzieren.

Wenn die Leute an Kakteen und Mexiko denken, denken sie oft an die Bücher von Carlos Castaneda und an Peyote. Welche traditionelle Bedeutung hat der Kaktus in Mexiko?

Vor vielen Jahren, in unserer prähispanischen Geschichte, wurde erzählt, dass es zwei Götter gab, den Vater und den Sohn, und dann gerieten sie in einen Streit. Der Sohn tötete seinen Vater und als der Vater zu Boden fiel, wuchs er zu einem Kaktus heran.

Der Kaktus ist in unserer Kultur überall zu finden. Er ist in unserer Nationalflagge zu finden. Er findet sich in unserer Kunst, im Design und er ist sehr symbolisch für uns alle. Er hat eine schöne Geschichte, die nicht nur uns alle als Mexikaner repräsentiert, sondern er ist eine Pflanze, die viel zu tun hat, um eine Bedeutung für sich selbst zu haben.

Wie ich vorhin schon sagte, arbeiten wir mit einer Pflanze, die sehr widerstandsfähig, unabhängig, stark und effizient ist. Wenn man das auf die Wirtschaft überträgt, dann ist das ebenso. Man muss sehr kreativ und innovativ sein, um zu überleben und weiter zu wachsen.

14. Januar 2022