Wissenschaft & Technologie

Diäten: Wie wir unser Gehirn manipulieren

Zehn Kilos in wenigen Wochen abnehmen: Die Verlockung ist speziell in der Fastenzeit für viele groß. Doch neben dem Hungern manipulieren wir unser Gehirn dauerhaft. Man ist nie mehr so wie zuvor.

Clara Wimmer14. März 2017 No Comments
Dr. Iris Zachenhofer (links) und Dr. Marion Reddy (rechts) warnen vor Diäten! (Foto: www.lukasbeck.com)

„Menschen fühlen sich nach Radikaldiäten nie mehr richtig satt, auch wenn sie genug gegessen haben“, sagen die Psychiaterin Iris Zachenhofer und die Neurochirurgin Marion Reddy in ihrem neuen Buch „Slow Slim“. Während die Zahl auf der Gewichtsanzeige unten sinkt, steigt weiter oben im Gehirn die Ausschüttung der Hungerhormone Leptin und Ghrelin durchschnittlich um ein Viertel. Der Gegenspieler zum Verlangen nach Essen ist der volle Magen. Das Sättigungsgefühl bleibt jedoch bei Radikaldiäten niedrig. Unterm Strich kommen die Kilos oftmals wieder, die neurologischen Folgen bleiben. Das Phänomen des unstillbaren Hungers tritt auf.

Die Vergangenheit holt uns ein.

Was muss passieren, um dauerhafte Veränderungen in der Neurochemie auszulösen? Radikaldiäten. Doch ab wann sind Diäten nicht mehr Diäten, sondern radikal? „Die Grenze ist schwammig. Es geht darum, dass man innerhalb kürzester Zeit viele Kilos verliert. Verliert man mehr als 10 Prozent seines Gewichts sieht der Körper es jedoch als lebensgefährlich an“, sagt Zachenhofer. In der Steinzeit war das Ziel überleben. Rascher Gewichtsverlust passte den Menschen damals nicht ins Konzept, die Kilos mussten zurück. Das Resultat: mehr Hungerhormone und weniger Sättigungshormone. Die Evolution holt den Menschen wieder ein.

An einem anderen Punkt der Entwicklung setzen Zachenhofer und Reddy an: in der Kindheit. Bei Radikaldiäten spielt oft der Druck eine große Rolle. „Wollen“ wird durch „müssen“ ersetzt. Der Sport wird zum Pflichtprogramm. „Stellen sie sich mal vor, man sagt zu einem Kleinkind: ‚Du musst jetzt laufen’. Es würde genau das Gegenteil tun“, so Zachenhofer. Der Druck von außen löst in unserem Gehirn die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol aus. Es vergeht einem die Lust. Aus diesem Grund halten die Autorinnen einen spielerischen Aufbau bereits im Kindesalter für wichtig. Sport soll keine Tortur sein, sondern Freude bereiten. Wenn man diese Einstellung bereits seinen Kindern vermittelt, kann Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalten oft vermieden werden.

Der wichtigste Faktor bei „Slow Slim“ ist die Zeit. Der Gewichtsverlust funktioniert nicht von heute auf morgen, sondern braucht ein ganzes Jahr. Zwölf Monate, in denen man sich Schritt für Schritt an das Schlankwerden herantastet. Diese Methode bringt auch wieder den Hormonhaushalt im Gehirn ins Gleichgewicht. Wie lange die Folgen ohne Gegenmaßnahmen anhalten, ist noch nicht bekannt. Eine Radikaldiät bedeutet also nicht „Game Over“ im Spiel um die Traumfigur. Aber nach ihrem Ende leider oft „Zurück an den Start“.