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Die Kindgöttinnen von Nepal: Verherrlicht bis zur Geschlechtsreife

Nepal ist ein kleines Land voller Legenden, das zwischen China und Indien liegt. Ein Land voll alter Traditionen und religiösen Bräuchen. Nepal ist nicht nur das einzige Land, in dem lebende Göttinnen existieren, sondern auch das Geburtsland von Buddha.

Luisa Gavira5. Oktober 2019 No Comments
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Seit Jahrhunderten ist es Tradition, dass Priester und Astrologen Mädchen aussuchen, um sie zur Kumari zu ernennen. Einer alten Legende nach soll ein König sehr zügellos gelebt haben und auch sehr junge Mädchen missbraucht haben. Damit beleidigte er die Schutzgöttin Taleju und zog deren Zorn auf sich. Um sie zu besänftigen und Buße zu tun, gelobte der König fort an, die Schutzgöttin in Gestalt eines jungfräulichen Mädchens anzubeten. Der Kumari-Kult stammt zwar aus dem hinduistischen Glauben, aber es werden auch Kinder aus buddhistischen Familien auserwählt. Kumari bedeutet so viel wie Jungfrau oder Jungfräuliche. Nicht jedes Mädchen kommt infrage, so muss eine Kumari 32 strenge Kriterien erfüllen. Sie muss makellos schön sein, kerngesund, die Schenkel eines Rehs haben, blau-schwarze Haare, weiße Zähne und pechschwarze Augen vorweisen. Nach einer strengen und geheimen Prozedur werden die Mädchen als Inkarnation der Götter zugelassen. Sie dürfen keinerlei Angst zeigen, auch nicht, wenn ihnen 32 frisch abgeschlagene Büffelköpfe gezeigt werden. Da sie noch nie geblutet haben darf, kommen nur sehr junge Mädchen infrage, und nur solange, bis sie das erste Mal „bluten“, was spätestens mit Eintritt der Menstruation der Fall ist. Nur in dieser Zeit kann ein Mädchen eine Kumari sein.

Die Kindgöttinnen werden verehrt und die jüngsten Göttinnen sind zwei und drei Jahre alt, wenn sie in den Palast einziehen und von ihren Familien getrennt werden. Für die kleinen Mädchen ist es nicht nachzuvollziehen, weshalb sie von ihren Eltern getrennt werden. Einmal als lebende Göttin auserwählt, erwartet sie eine Kindheit unter speziellen Bedingungen. Sie müssen bestimmte Regeln einhalten: Sie dürfen den Boden nicht berühren, denn dies gilt als unrein, sie müssen aufwendige, traditionelle Kleidung und Schmuck tragen, und sie dürfen den Palast nur zu besonderen Anlässen und hohen Feiertagen verlassen. Sie wird dann durch die Stadt getragen und von unzähligen Menschen, die sie anbeten, begleitet. Sie darf nicht lachen und auch nicht weinen, denn das bringt Unglück. Jeden Tag kommen viele Gläubige in den Tempel, um die Göttin zu sehen, und um sie zu verehren. Üblicherweise ist eine Schulbildung nicht vorgesehen und auch eine normale Kindheit nicht. Mit Freunden spielen und in die Schule gehen, war vor wenigen Jahren noch undenkbar.

Erst seit kurzer Zeit, werden die Mädchen im Tempel-Palast unterrichtet und haben mehr Freiheiten, zumindest einem Bericht des obersten Gerichtshofes zufolge. So ist es auch möglich, dass die junge Göttin zuhause bleibt und nicht in einen Palast ziehen muss. Trotz dieser Entwicklung wird die Tradition von Verteidigern der Menschenrechte stark kritisiert. Abgesehen von der Zeit als Göttin im Palast, die mit einer „normalen“ Kindheit nicht viel zu tun hat, wird auch kritisiert, dass die Mädchen spätestens mit Eintritt ihrer Periode wieder von heute auf morgen in ihr Elternhaus zurückkehren müssen. Die Kumari wird von jeglichem Leben abgeschirmt. Als Normalsterbliche, die jahrelang verehrt wurde und unter besonderen Umständen lebte, soll dieses Mädchen dann aber wieder ein ganz gewöhnliches Leben führen. Dass das nicht gerade einfach ist, liegt auf der Hand. Für ehemalige Kumaris ist es sehr schwer, einen Ehemann zu finden, denn die Ehe mit einer Ex-Kumari soll zu einem frühen Tod des Ehemannes führen. Der Brauch ist sehr umstritten und auch wenn das für die Familien auf der einen Seite eine Ehre ist, ist es auf der anderen Seite eine Qual, wenn das eigene Kind plötzlich zu einer Göttin auf Zeit ernannt wird.

5. Oktober 2019