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Die großen Drei: Sex, Geld und Tod

Das haben sie gemeinsam – Sex, Geld und Tod: Sie sind allgegenwärtig in unserer Gesellschaft. Gleichzeitig sind sie sehr ambivalent geladen und mannigfaltig tabuisiert.

MATTHIAS STROLZ28. Mai 2021 No Comments

Im individuellen Leben sind sie mit eigentümlichen Freuden und Ängsten sowie Beschränkungen und Erfüllungen belegt. Oft sind sie ein „Murks“, oft eine Quelle von Lebendigkeit. Jede und jeder von uns ist aufgefordert, ihnen einen stimmigen, einen guten Platz im eigenen Leben zu geben. Und das ist „Work in Progress“. Denn die Themen bewegen sich über die Jahrzehnte unserer Lebensspanne weiter. Im besten aller Fälle entfalten sie sich in große Vitalität. Im schlechtesten machen sie uns krank.

Sexualität. Sie ist überall. Die Ärsche, die Brüste, die Muskeln. Millionenfach in den TikTok-Videos unserer Kinder und Jugendlichen, in jedem Modekatalog, in der Baumarktwerbung, auf den Plakatwänden unserer Städte und Dörfer, in jedem zweiten Film, in der Sonntagszeitung auf Seite 5 (oder ist‘s die 7), ein Viertel der Suchanfragen im Internet, in unseren Tag- und Nachtträumen …

Geld. Es ist überall. Immer am Mann, stets in der Damentasche. Es lockt wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Staaten vermehren die Geldmenge, Start-ups werden in wenigen Jahren zu milliardenschweren „Unicorns“, Kredite kommen fast ohne Zinsen und der Bitcoin explodiert. Allerorts winkt es, vielerorts prasst es, immerfort brauchen wir’s. Wir halten es in Händen, wir tragen es in Gedanken, wir vermehren es in unseren Fantasien …

Tod. Er ist überall. In jeder Nachrichtensendung zu Gast, an jedem Fernsehabend vielfältig in Szene gesetzt, verlässlicher Aufmacher in Print und Internet, ein prächtiges Geschäft für vielgestaltige Branchen, kultig besungen in Liedern, auf den Bildschirmen unserer Kinderzimmer tausendfach bespielt, ein unausweichliches Rendezvous für jede und jeden von uns …

Die großen Drei sind erdrückend präsent. So selbstverständlich für den modernen Menschen. Und doch sind alle drei beklemmende Tabuzonen. Wir halten uns für aufgeklärt, aufgeschlossen, erwachsen. Doch wir verhalten uns nicht so. Obwohl an jeder Ecke plakatiert und in jedem Hauptabendprogramm strapaziert – sobald eines der großen Drei konkret in unser Leben tritt, wird uns ganz anders.

Wenn es sexuell intim wird … regiert oft Beklemmung und Verkrampfung. Wenn der Tod im Umfeld anklopft … ab in die Kiste, raus aus dem Blickfeld. Wenn das Geld funkelt … hm, das gehört sich nicht. Wir lesen gerne drüber. Wir lassen uns dazu berieseln und berichten. Doch wo Geld, Sexualität oder Tod die Bühne des echten, des eigenen Lebens betreten, da stehen oft Scham und Angst auf.

Warum die Scham? Wovor wollen wir uns verstecken? Was wollen wir verbergen? Und warum die Angst? Wieso dieses bange Gefühl, bedroht zu sein? Was ist das Schlimmste, das passieren könnte, wenn wir wahrhaftig in Berührung gehen? Es hat viel mit unserer Verletzlichkeit zu tun. Wir wollen uns weder verletzlich spüren, noch zeigen. Doch wir sind es. Und wieso sollten wir uns für etwas schämen oder vor etwas Angst haben, das uns alle auszeichnet: Verletzlichkeit. Sie ist conditio humana, menschliche Grundbedingung.

Wenn wir unsere Verletzlichkeit akzeptieren, verlieren Scham und Angst ihre Übermacht. Der Tod wird plötzlich zum besten Coach des Lebens, das Geld zum goldenen Medium, die Sexualität zum Feuerwerk der Freude und Munterkeit.

Und wir sollten dranbleiben. Denn die großen Drei haben in unseren Zwanziger-Jahren eine andere Relevanz, Kraft und Eigentümlichkeit als in unseren Vierzigern oder Sechzigern. Jedenfalls bleiben sie spannend. Gut, denn die Spannung ist – wenn wir sie halten und konstruktiv nutzen können – die Quelle der Vitalität. Und wenn alle Spannung abfällt, dann sind wir tot, dem irdischen Leben entwichen. Doch davor sind wir eingeladen, lustvoll zu singen, hemmungslos zu tanzen und uns liebevoll zu umarmen.

28. Mai 2021