Arts & Design

Die Kraft der Kunst

Shirin Neshat inszeniert bei den Salzburger Festspielen „Aida“ mit Riccardo Muti und Anna Netrebko. Die iranische Künstlerin und Filmemacherin setzte sich bisher in ihrem Werk vor allem mit der Rolle der Frau in der muslimischen Welt auseinander. Mit der Fotoserie „Women of Allah“ gelang ihr der Durchbruch, mit ihren Installationen gewann sie den Internationalen Preis der 48. Biennale von Venedig, mit ihrem Spielfilm „Women without Men“ den Regiepreis der Filmfestspiele. OOOM zeigt einen Überblick über ihr Werk – und sprach mit Shirin Neshat über die Rolle der Frau, den Iran, Schönheit und ihre Arbeit in Salzburg.

Gerald Matt4. August 2017 No Comments

Die Fotoserie „Women of Allah“ machte Sie bekannt. Ist sie auch heute noch eine Ihrer wichtigsten Arbeiten?
Ja, das war die Serie einer Frau, die mit einem Hijab  verhüllt war und deren Hände und Gesicht mit Kalligrafie und Gedichten versehen waren. Vier Elemente bestimmen diese Bilder: eine Waffe, der Schleier, der weibliche Körper und der Text, die Kalligrafie. Die Arbeit fokussierte auf die islamische Revolution im Iran und das Konzept des Märtyrertums, das sie institutionalisiert hatte und das so viele Leute dazu ermutigte, im postrevolutionären Iran freiwillig zu töten und sich töten zu lassen. Sie entstand von 1993 bis 1997. Dabei ging es mir auch um das Phänomen weiblicher Militanz, das durch die Regierung gefördert wurde. Ich denke, dass die Bilder – heute betrachtet – immer noch die Realität der muslimischen Bevölkerung und das Konzept von Tod, Gewalt,Terrorismus und vor allem Märtyrertum widerspiegeln.
Das Märtyrertum scheint eine besonders wichtige  Rolle in der islamischen Kultur zu spielen. Warum?
Die Arbeit stellte auch Fragezeichen an mich selbst. Indem ich mich versuchte tief einzufühlen in den psychologischen und philosophischen Raum von Menschen, kam ich auch meinen kulturellen und persönlichen Prägungen näher. Die Tatsache, dass jemand bereit ist für seine hingebende Liebe zu Gott sein Leben, ja seine Welt zu opfern, ist faszinierend wie beängstigend und als verführerische Ideologie abstoßend zugleich.
2012 haben Sie sich diesem Phänomen des Martyriums und des Opfers aus Überzeugung mit der Arbeit „The Book of Kings“ wieder gestellt.
Aber diesmal ging es mir weniger um religiöse Motive als um die Jugend, die 2009 der Grünen Bewegung folgte. Ein Enthusiasmus, der auch den Arabischen Frühling prägte, eine Bewegung junger Menschen, die mehr Demokratie und Freiheit verlangten, ohne eine Verbindung mit Religion zu haben. Sie brachten sich selbst, ihr Leben in Gefahr, trotzten der Armee auf den Straßen und viele von ihnen wurden eingesperrt, vergewaltigt oder getötet. Unter ihnen waren auch viele Frauen aus allen Schichten, von sehr vermögend bis hin zu religiös bestimmten, meist armen Frauen. Mir ging es mit dieser Arbeit vor allem darum, was wir und unsere Gesellschaft daraus lernen können.
In einem Artikel des Magazins „Der Spiegel“ wird Ihre Arbeit sehr gewürdigt, gleichzeitig aber auch ihre Perfektion und Schönheit hinterfragt. Ist Schönheit ein Anliegen für Sie?
Mir geht es um mehr als Schönheit, eigentlich um Poesie. Als Iranerin bin ich einerseits tief verwurzelt in der Schönheit einer allegorisch-poetischen Sprache, andererseits dem Einfluss von Politik, Gewalt, Unterdrückung und Brutalität ausgesetzt. Schönheit und Poesie sind für mich auch eine Antwort, eine Form des Widerstandes gegen die allgegenwärtige Gewalt.
Auch wenn ich in meine Arbeit Unruhen, den schwarzen Horror, die politische Dunkelheit, Gewalt, Unterdrückung und Schmerz einbeziehe, steht demgegenüber stets eine unglaubliche Poesie, Ästhetik und Harmonie der Menschen, die uns an die Humanität in uns allen erinnert. Das hat nichts mit Dekoration zu tun, viel mehr auch mit einem Paradox tief in mir selbst.
„The Book of Kings” steht auch in Zusammenhang mit dem Arabischen Frühling. Dessen brutale Niederschlagung traf Sie zutiefst und machte Sie zu einer politischen Figur, aber wohl nicht auch zu einer politischen Künstlerin?
Das ist sehr gut beobachtet. Natürlich sind da meine persönlichen Befindlichkeiten und Leiden, Dinge, die ich persönlich erlebt habe. Ich bin aber nicht interessiert daran, eine Arbeit über mich selbst zu machen. Ich denke, da gibt es so viel interessantere Anliegen, die tiefer gehen als mein persönliches Leben. Dennoch bin ich im Konflikt mit meinen tief verwurzelten persönlichen Ängsten, meinem Schmerz als menschliches Wesen und gleichzeitig mit meinen Gefühlen um die Schmerzen anderer. Darum gilt mein Interesse dem Aktivismus von Menschen, die ihre persönlichen Interessen hintanstellen. Letztlich erzählt meine Arbeit über persönliche Krisen im Verhältnis zu Krisen der Welt um uns herum.

JEDER WESTLICHE KÜNSTLER IST
IN GEWISSEM MAßE SCHULDIG,
SICH VOM MAKRT VEREINNAHMEN ZU LASSEN.
VIELE KÜNSTLER WURDEN ZU REICH.

Sie und Ihre Freunde haben selbst Zensur im Iran erlebt, gleichzeitig sind Kultur und Kunst politisch wesentlich relevanter im Iran als in westlichen Gesellschaften.
So sehr ich das iranische Regime ablehne, seine Unterdrückung und Zensur, so sehr bewundere ich gleichzeitig die starken künstlerischen Bewegungen im Untergrund. Ich denke da nicht nur an die bildenden Künste, auch an das Theater, den Film und die Musik, an einen Untergrund, der all den traditionellen oder verordneten Tabus, der allgegenwärtigen Zensur und dem Mangel an freiem Ausdruck trotzt. Im Westen ist die Freiheit des Ausdrucks selbstverständlich, zu selbstverständlich, eine Art Komfortzone. Da gibt es so viel  Unterstützung. Hingegen gibt es keine Situationen, in denen Künstler wirklich auf die Probe gestellt werden, ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft beweisen müssen und einen hohen Preis dafür bereit sind zu zahlen.

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