Arts & Design

Shirin Neshat – Die Kraft der Kunst

Shirin Neshat inszeniert bei den Salzburger Festspielen „Aida“ mit Riccardo Muti und Anna Netrebko. Die iranische Künstlerin und Filmemacherin setzte sich bisher in ihrem Werk vor allem mit der Rolle der Frau in der muslimischen Welt auseinander. Mit der Fotoserie „Women of Allah“ gelang ihr der Durchbruch, mit ihren Installationen gewann sie den Internationalen Preis der 48. Biennale von Venedig, mit ihrem Spielfilm „Women without Men“ den Regiepreis der Filmfestspiele. OOOM zeigt einen Überblick über ihr Werk – und sprach mit Shirin Neshat über die Rolle der Frau, den Iran, Schönheit und ihre Arbeit in Salzburg.

Gerald Matt4. August 2017 No Comments

Ibrahim (Patriots) aus der Serie „Book of Kings“, 2012, Format 152,4 x 114,3 cm © Shirin Neshat/Gladstone Gallery, NY und Brüssel.

Denken Sie, dass die Kunst im Westen manchmal zu weit entfernt ist vom Leben, von existentiellen Fragen des Seins?
Absolut. Ich glaube, jeder westliche Künstler ist in gewissem Maße schuldig, sich vom Markt vereinnahmen zu lassen. Natürlich müssen wir alle überleben, aber ich denke, viele Künstler wurden zu reich, zu komfortabel und zu vernarrt in die Idee der Kunst als reine Ware. Da herrscht zu wenig Bewusstsein darüber, sich zu fragen: Warum wurden wir Künstler? Für wen und für was arbeiten wir? Wo und wer ist unser Publikum? Letztlich bleibt traurigerweise oft nur die Idee, berühmt und reich zu werden.

Zurück zur Schah-Zeit, die Zensur, politische Kontrolle und Unfreiheit bedeutete. Gleichzeitig schützte sie aber einen liberalen, westlichen Lebensstil. Bedeutet Revolution automatisch mehr Freiheit?
Ich will in keiner Weise die Schah-Herrschaft romantisieren! Tatsächlich war ich Teil jener Generation, die dagegen rebellierte, unglücklicherweise ist das eine sehr komplexe Sache. Aber es ist wahr, dass damals ein gewisses Maß an Modernität in den Iran kam, an intellektuellem und kulturellem Fortschritt, eine gewisse Europäisierung, nein, wohl mehr Amerikanisierung, die alle urbanen Eliten erfasste. Die iranische Revolution war nicht von Studenten oder Intellektuellen getragen, sie kam von Fanatikern und armen Leuten, die Widerstand gegen Industrialisierung und Modernisierung leisteten. Es war ein Moment der großen Hoffnung. Ich war zur Zeit des Arabischen Frühlings in Ägypten, um für meinen Film zu recherchieren. Da war eine frische, wirklich echte Bewegung. Da war ein ungeheurer Optimismus und ein großes Potenzial für gute Entwicklungen, aber all der Enthusiasmus wurde missbraucht und die Revolution gestohlen von Leuten, denen es nur um die Macht ging. Doch die Erhebung war aufrichtig und etwas noch nie Dagewesenes. Für mich war sie auch das vielleicht inspirierendste und begeisterndste, was ich in meinem Leben sehen durfte. Aber vielleicht war es auch zu euphorisch und hätte niemals fortleben können. Aber Sie haben recht, es ist sehr deprimierend, in welcher Weise es kompromittiert wurde, und seine Nachwirkungen sind ein schlimmer Teufelskreis.

Roja (Patriots) aus der Serie „Book of Kings“, 2012, Format 152,4 x 114,3 cm © Shirin Neshat/Gladstone Gallery, NY und Brüssel.

„Women without Men“ ist mithin auch ein Film über die Rolle der Frauen im Islam, die eine wesentliche Rolle in den aktuellen Islamdebatten spielt.
Die Frauen im mittleren Osten waren meine größte Inspiration und Hoffnung weit über den westlichen Feminismus hinaus, da sie wahrhaft gegen eine Mauer aufgestanden sind, ein Widerstand und ein Aufbegehren, wie man es bei den muslimischen Männern im mittleren Osten nicht sehen kann. So hat jede meiner Arbeiten ein Zeugnis abgelegt, war eine Feier dieser Form des Feminismus, der von Generation zu Generation seinen schweren Kampf führt. Auch mein neuer Film über Umm Kulthum ist nicht nur ein Tribute für die wichtigste und zur Ikone gewordene Sängerin des Nahen Ostens, sondern auch mein Respekt für eine unglaublich starke Frau.

Sie war die arabische Edith Piaf.
Ja, für mich war sie die bedeutendste Künstlerin des 20. Jahrhunderts in der muslimischen Welt, eine unglaublich inspirierende Frau.Mein Film über sie ermöglicht eine Konversation über einen Teil der Welt, den wir immer noch nicht besonders gut kennen. Er wirft Licht auf eine Kultur, ihre Humanität und Gemeinsamkeit. Der Film war gleichsam das Aufstellen eines Spiegels vor mir selbst, eine Art Selbstbefragung.

Wie wichtig ist Musik für Sie?
Enorm wichtig. Musik greift die Emotionalität meiner Arbeit und mein Interesse für Mystizismus und Poesie, ja das Humane in uns, auf. Musik ist zeitlos, universell, übersteigt Übersetzungen und kulturelle Grenzen, trifft dich im Innersten und so soll auch meine Arbeit auf die Menschen wirken. Im nächsten Leben wäre ich wohl gerne eine Musikerin, so sehr liebe ich Musik.

Lieben Sie auch die Oper?
Als Markus Hinterhäuser, der Intendant der Salzburger Festspiele, mir großzügig die Regie für eine Oper und dann gleich für die Aida anbot, fragte ich ihn, ob er sich lustig über mich mache wolle. Denn die Oper war eine Welt, mit der ich bislang weder als Künstlerin noch als Besucherin viel zu tun hatte. Vielleicht reizte mich die Aufgabe aber gerade deshalb. Und ich begann zu lernen. In der Metropolitan Opera hatte ich einen wunderbaren Lehrer, den Leiter des Opernchores. Er spielte jeden Tag das Klavier und führte mich in die Welt der Oper ein. Er entfachte ein Feuer in mir, das mir für Salzburg Mut machte. Mir wurde klar, dass das, was ich bisher gemacht habe, meine Fotos, Filme und die Musik, nicht so unterschiedlich zur Oper waren. Die Gefühle, die sie ausdrücken, sind alle zutiefst mit der Kraft und Magie der Musik verbunden.

Ist Aida die richtige Oper für Sie?
Ja, perfekt. Eine Geschichte voller Emotionen und Schmerz, eine Zerrissenheit zwischen Unterdrückung, Aufbegehren, Fanatismus, Gewalt, Machtstreben und unglaublicher Liebe. All das hat mich inspiriert und ich fand die richtigen Partner in Riccardo Muti und Anna Netrebko. Sie sind geniale Künstler.

Glauben Sie noch daran, dass Kunst die Welt verändern kann?
Ja, definitiv. Kunst kann das Leben verändern. Ich erinnere mich, was erste Filme für mich bedeuteten. Danach war mein Leben nicht mehr dasselbe. Ich glaube an diese Ernsthaftigkeit der Kunst, daran, dass sie das Denken, das Bewusstsein verändern kann. Nichts auf unserem Planeten kann uns im wahrsten Sinn des Wortes so bewegen und so viel Hoffnung geben wie ein großes Musikstück, eine wunderbare Theateraufführung oder ein herausragendes Bild. Ich glaube an diese Kraft der Kunst und hoffe mit Gott, dass nichts diesen Glauben kompromittieren wird, solange ich lebe.

4. August 2017