Inspiration

Im Gespräch. Holger Bröer – Die Marke Ich

Holger Bröer baute in Deutschland eine erfolgreiche Management­beratungsfirma, Bröer & Partner, auf. Dann ging der Motivations- und Erfolgscoach, Autor und Entrepreneur nach Los Angeles. Von Santa Monica aus will er die Marke Bröer nun auch in den USA etablieren. In OOOM spricht er über Kommunikation, richtiges Verkaufen, die amerikanische Mentalität, Ängste, Mut – und was Erfolg ausmacht.

Georg Kindel4. August 2017 No Comments

Motivationscoach und Buchautor Holger Bröer am Strand von Venice Beach. (Fotos: Martin Ehleben)

Sie waren zehn Jahre in der Telekommunikationsbranche. Wie schwierig war der Sprung ins Unternehmertum? War das mit Angst verbunden?
Ich hab mir in die Hose gepisst vor Angst! Ich hätte nämlich in der Position dort ewig bleiben können. Ich hätte mir Essen bringen lassen und mir alle zwei Jahre einen neuen Firmenwagen aussuchen können, einfach mit der Option, einen langweiligen Job zu machen. Also habe ich dann tatsächlich einen Griff in die Motorsäge gemacht, ohne Netz und ohne doppelten Boden – und ohne Geld, ich hatte meine Abfindung an der Börse damals verloren – mit einem neugeborenen Kind, ohne Handy, ohne Kreditkarte, ohne Firmenwagen stand ich mit null da. Ob ich Angst gehabt habe? Klar hab ich Angst gehabt! Fürchterliche Angst.
War diese Angst für Sie auch motivierend?
Die Angst ist und war für mich nie eine Motivation. Angst ist eher eine kleine Leitplanke am Rande, die ab und zu mal die Hand hebt. Die Motivation habe ich tatsächlich in mir selbst. Ich habe immer gesagt: „Ich bin der beste Mitarbeiter der Welt!“ Die Angst, die sucht man sich ja auch nicht aus, die ist dann manchmal da und manchmal nicht da. Ich hatte von jetzt auf gleich nichts mehr. Aber in mir selbst wusste ich, wer ich bin und was ich kann.
Was waren die Faktoren, die Ihren Erfolg letztendlich ausgemacht haben?
Mut, Fleiß, Leidenschaft und Bissigkeit. Und ob ich jetzt einen Flugzeugträger oder einen Hubschrauber verkaufe, eine Dienstleistung oder mich selbst: Wenn Sie mutig sind, wenn Sie fleißig sind, wenn Sie bissig und leidenschaftlich für ein Thema sind, spürt das jeder. Was man denkt, strahlt man aus. Was man ausstrahlt, zieht man an. Wenn man bestimmte Sachen noch nicht kann, muss man es mit Fleiß kompensieren.


Wie hat Ihre Karriere begonnen?  
Ich bin in Hagen geboren, als Sohn eines großen Unternehmens, das es heute auch noch gibt. Mein Vater war der direkte Erbe dieses Unternehmens, dann gab’s da Zwistigkeiten mit seinen Stiefbrüdern. Ich bin nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, sondern ich habe schon sehr schnell und früh teilweise unternehmerische Überlebenskämpfe mitbekommen. Meine Eltern haben sich in den 1970er-Jahren, was damals noch verpönt war, getrennt, meine Mutter war dann mit mir und meinem Bruder alleinerziehend. Dann kam noch der Tod meines Vaters hinzu. Da beginnt bei jedem ein Notfallprogramm, man funktioniert nur. Die Zeit zwischen meinem 13. und 20. Lebensjahr war für mich eine der schwierigsten und schwersten Phasen, wo mich das Leben zu dem gemacht hat, was ich heute bin: Jemand, der sehr aufmerksam, sehr fein, sehr klar und sehr direkt anderen Menschen helfen will. Weil ich weiß: Die Lebenszeit ist kurz. Weil ich weiß: Wir alle brauchen Hilfe. Wir haben ja alle so unsere Muster. Das sind so die ersten Prägejahre. Bei mir wäre die Überschrift: „Von Verlusten geprägt“.
Wirkt das bis heute in Ihnen nach?
Natürlich wirkt das nach. Eine Trennung ist eine Trennung. Und wenn man jemanden verliert, so wie ich meinen Vater, wirkt das nach. Ich möchte, dass Menschen sich früh Fragen stellen. Ich möchte, dass sie früh ihren Wünschen und Träumen folgen. Ich will, dass sich jeder ganz genau darüber im Klaren ist, wo er ist, wo die Reise hingeht. Das funktioniert auch schon im frühen Alter.

ES GIBT MENSCHEN, DIE TEXTEN IHNEN
UND DANN RUFEN SIE AN,
UND DIE GEHEN NICHT RAN.
REDET MITEINANDER! AUFRICHTIGES
INTERESSE FÜR DEN ANDEREN
IST WESENTLICH. UND MUTIG ZU SEIN, D
IE WAHRHEIT ZU SAGEN.

Ihre Jugend war hart.
An allen Ecken und Enden fehlte es – sowohl materiell, finanziell als auch emotional. Ich wollte meine Mutter entlasten. Also begann ich früh Geld zu verdienen. Viele Menschen haben damals gesehen, dass ich Talent habe, dass ich mit anderen Menschen gut umgehen kann, dass ich im Verkauf, im Vertrieb gut aufgehoben bin. Ganz früh fing ich an auf dem Flohmarkt Sachen zu verkaufen. Und dann ging es los, dass ich in Kaufhäusern angeheuert habe oder in Computer-Abteilungen. Für mich war das auch nie ein reiner Job, sondern für mich war das auch Reinwachsen und Spaß haben.
Sind Sie deswegen so erfolgreich in allem, was mit Verkauf zu tun hat, weil Sie es einfach von der Pike auf gelernt haben?
Verkaufen ist für mich Kommunikation. Wenn Sie in den Handel gehen und etwas verkaufen wollen, müssen Sie reden. Sie müssen hinhören, Sie müssen Fragen stellen, Sie müssen sprechen. Deswegen bin ich glücklicherweise extrem früh in das Feld Kommunikation geraten.
Wenn Sie Ihr Business in Münster, Deutschland, vergleichen mit dem Business in den USA: Ist der Unterschied mehr als nur die Mentalität?
Wir etablieren hier ja ein anderes Business. Ich etabliere mich hier als Marke, als digitaler Speaker. Wir machen hier andere Dinge, die ich vielleicht in Deutschland gar nicht so schnell tun könnte. Aber das Business ist völlig unterschiedlich! Bis ich den Kontakt hatte zu Entscheidern, bis selbst die deutschen Entscheider oder die deutsche Community mich akzeptiert hat, das hat fast fünf Jahre gedauert.


Sie schreiben gerade wieder an einem neuen Buch.
Mein erstes Buch war „Schnecken hüpfen nicht“, dann kam letztes Jahr „Faktor Mensch – Plädoyer für Leidenschaft und Menschlichkeit“, also eine Balance zwischen der Digitalisierung und der analogen Kommunikation. Das neue Buch heißt „Niemand kommt hier lebend raus“, da geht’s ganz klar um die Zeit 5 Jahre vor der Geburt bis zu unserem Tod. Früher waren wir zu 99,9 % ein Produkt der elterlichen Liebe. Heute ist es leider so, dass Kinder oft in ein System der nicht vorhandenen Familie hineingeboren werden, das heißt, heute werden Kinder nicht unbedingt immer aus Liebe geboren. Und dann starten die schon mit einem ganz anderen Rucksack. „Niemand kommt hier lebend raus“ ist nicht nur Zeigefinger, sondern es ist eine wirkliche Anleitung darüber nachzudenken: Wie führe ich ein glückliches Leben, das ich verdiene?
Wo finden Sie Inspiration?
Tatsächlich habe ich nicht nur die Fähigkeit, nach außen hin gut zu kommunizieren, sondern ich habe für mich auch so eine feine Sensorik, die umgekehrt funktioniert. Das heißt, ich sehe und fühle in Menschen Dinge, die mich auch weiterbringen. Das kann manchmal so ein Impuls sein wie: Ach, das probier ich mal! Oder: So wär ich vielleicht auch gern! Oder: Das möchte ich auch mal wissen! Das sind Mini-Impulse. Ich sag mal so, ich bin nicht nur neugierig und mutig, sondern ich habe auch ein ziemlich breites Wissen. Nicht immer ganz intensiv, aber breit, weil mich alles interessiert, und deswegen nehme ich auch alles auf. Deswegen nehme ich Sie auf, deswegen nehme ich den homeless Menschen auf der Straße auf, mit dem ich manchmal ein Gespräch führe, und den Manager im Hotel. Das alles ist für mich extrem interessant.

 

4. August 2017