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Die Medizinrevolution

Die Medizin steht vor einem Quantensprung, der unser Leben grundlegend verändern wird. Rund um den Erdball forschen Wissenschaftler an der digitalen Diagnose, der Verbindung zwischen Gehirn und Computer, dem Eingriff in unsere Gene, um sie ein- und auszuschalten und so Krankheiten zu verhindern, dem Bau von Organen aus Stammzellen im Labor und der Pille gegen das Altern, die Prof. Nir Barzilai (Bild) am Albert Einstein College of Medicine in New York entwickelt. OOOM blickt in die Zukunft der Medizin und stellt die Pioniere, Visionäre und Game Changer vor.

Georg Kindel29. März 2018 No Comments
Prof. Nir Barzilai vom Albert Einstein College of Medicine, New York.

GAME CHANGER NUMMER 1.
NIR BARZILAI, DAS LANGLEBIGKEITSGEN UND DIE PILLE GEGEN DAS ALTERN.

Die Nachbarschaft wirkt wie ein klassisches Arbeiterviertel in der New Yorker Bronx, und doch ist hier der Sitz von einer der renommiertesten Forschungsinstitutionen der Welt: das Albert Einstein College of Medicine, das seine ganze Qualität und den wissenschaftlichen Anspruch bereits im Namen trägt. Der Campus an der Morris Park Avenue ist von gewaltiger Größe, in mehr als zwei Dutzend Gebäuden forscht die Crème de la Crème der Medizin an der Zukunft des Menschen und seiner Gesundheit. Im Belfer Building an der Ecke zur Eastchester Road ist das Reich von Nir Barzilai, Professor für Medizin und Genetik, Gründungsdirektor des Instituts für Altersforschung. Barzilai leitet aber noch ein anderes vielversprechendes Projekt: er erforscht Langlebigkeitsgene. Und einige davon hat er bereits gefunden.

Der bullige Wissenschaftler mit den grauen Haaren, der rechteckigen Brille und dem Hollywood-Lächeln stammt aus dem israelischen Haifa und lebt jetzt mit seiner Frau und zwei Kindern in Westchester, New York. Wenn er in TV-Dokumentationen wie „Breakthrough“ des National Geographic Channels vor der Kamera von „Da Vinci Code“-Regisseur Ron Howard über das Altern erzählt, wirkt er fast so sympathisch wie Tom Hanks, der als Symbologe einen Mord im Louvre aufklären soll.

Metformin. Barzilai ist ein routinierter Forscher, und wenn er über seine Erkenntnisse erzählt, ein leidenschaftlicher Analytiker. Er will die Pille gegen das Altern entwickeln, und er ist bei seiner Mission schon ziemlich weit. Im Zentrum seiner momentanen Forschung steht ein Wirkstoff, der seit Jahrzehnten als Medikament gegen Typ-2-Diabetes im Einsatz ist, über alle Zulassungen verfügt und der doch noch ganz andere Anwendungsmöglichkeiten verspricht: Metformin. Diabeteskranke und Übergewichtige werfen es gerne ein, kein anderes Mittel wird weltweit so häufig verabreicht. Und trotzdem ist das Wirkungsprinzip der Gruppe von Biguaniden, aus denen Metformin stammt, noch immer nicht vollständig geklärt. Tierversuche haben gezeigt, dass es den Alterungsprozess verlangsamen kann. Und die ersten Daten belegen eindrucksvoll, dass es denselben Effekt auch beim Menschen haben könnte.

Was ermöglicht längeres Leben? „Unser Forschungsansatz war ungewöhnlich“, sag Prof. Barzilai. „Wir haben uns nicht die Frage gestellt, was Altern ist, sondern wir haben uns vielversprechende Modelle angesehen, die ein längeres Leben ermöglichen. Wir wissen daher nicht alles über das Altern, aber wir bekommen eine Idee davon, wie man die Lebens- und Gesundheitsspanne tatsächlich verlängern kann. Wir nehmen das Altern ins Visier und werden es aktiv beeinflussen können.“

Barzilai geht in seiner Prognose sogar noch einen Schritt weiter: „Wir haben Anzeichen, um nicht zu sagen erste Beweise dafür, dass wir den Alterungsprozess sogar umkehren können oder zumindest einige der dafür verantwortlichen Prozesse.“ Das lässt aufhorchen.

Mit Metformin sterben 17 % weniger Menschen als ohne. Metformin ist ein breit erforschter Wirkstoff. Alleine in einer britischen Studie wurden 78.000 Menschen mit früh erkanntem Diabetes Typ 2, die eben erst ihre Diagnose erhielten, mit Metformin behandelt. Die Studie verglich die Werte mit 78.000 Menschen, die kein Diabetes haben, die also eine gigantische Kontrollgruppe waren. Jene Menschen, die Metformin bekamen und als Diagnose Diabetes hatten, waren überdurchschnittlich fettleibig und hatten zahlreiche andere Krankheiten, also eine von Grund auf deutlich schlechtere Prognose als die Kontrollgruppe, die kein Diabetes hatte. Es passierte Erstaunliches: In der mit Metformin behandelten Gruppe der Diabeteskranken starben im selben Zeitraum 17 Prozent weniger Menschen als in der Kontrollgruppe ohne Diabetes oder anderen Krankheiten. Selbst gesunde Menschen lebten nicht so lange wie Kranke mit Metformin.

Wir können 35 Jahre länger leben. Nir Barzilai weiß: „Jede Spezies hat ihre maximale, natürliche Lebensspanne. Beim Menschen werden das um die 115 Jahre sein, doch wir sterben derzeit mit 80 Jahren. Wir haben demnach die Fähigkeit, 35 Jahre länger zu leben, als wir es bisher tun.“ Nachsatz: „Das heißt aber noch lange nicht, dass dies das Ende ist. Es kann sein, dass wir in Zukunft das Leben noch deutlich darüber hinaus verlängern können. Wir haben sieben Milliarden Menschen auf unserem Planeten. Jedes genetische Experiment wurde bereits durchgeführt. Wir müssen diese Versuche nur finden und die Ergebnisse analysieren. Wenn etwas beim Menschen wirkt, kann man Medikamente dafür entwickeln.“

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