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Die Medizinrevolution vor einem Quantensprung

Die Medizin steht vor einem Quantensprung, der unser Leben grundlegend verändern wird. Rund um den Erdball forschen Wissenschaftler an der digitalen Diagnose, der Verbindung zwischen Gehirn und Computer, dem Eingriff in unsere Gene, um sie ein- und auszuschalten und so Krankheiten zu verhindern, dem Bau von Organen aus Stammzellen im Labor und der Pille gegen das Altern, die Prof. Nir Barzilai (Bild) am Albert Einstein College of Medicine in New York entwickelt. OOOM blickt in die Zukunft der Medizin und stellt die Pioniere, Visionäre und Game Changer vor.

Georg Kindel29. März 2018 No Comments

GAME CHANGER NUMMER 3.
JOSEF PENNINGER UND WIE WIR GENE EIN- UND AUSSCHALTEN KÖNNEN.

Prof. Josef Penninger vom Institut für Molekulare Biotechnologie in Wien ist einer der weltweit führenden Genetiker.

Das Institut für Molekulare Biotechnologie in Wien-Erdberg ist ein unscheinbarer Betonbau mit viel Glas und moderner Kunst, was für ein Forschungslabor ungewöhnlich ist. In der großen Halle steht in überdimensionalen meterhohen Lettern der Satz „What if God was wrong“ an der Wand, das Ergebnis eines gemeinsamen Kunstprojekts mit der Meisterklasse von Kunst-Weltstar Erwin Wurm. Auch Josef Penninger ist ein Star – in seinem Metier. Er gilt als einer der führenden Genetiker weltweit, ein Visionär, dessen Forschungsergebnisse seit Jahrzehnten in den angesehensten Fachjournalen der Welt, von „Science“ bis „Nature“, publiziert werden.

Sein letzter Coup. Ein Medikament für die Behandlung des kindlichen Neuroblastoms, eine bösartige Krebserkrankung des Nervensystems, das die bisher hohe Sterblichkeit massiv reduziert. Josef Penningers Spezialgebiet ist die Erforschung der Manipulation von Genen: Autoimmunerkrankungen, Herzkrankheiten, Stoffwechselstörungen, Krebs. Dabei greift er in die Gene aktiv ein und verändert diese. Noch vor wenigen Jahrzehnten war das Lesen der menschlichen Gene ein nicht machbarer Prozess. Dann wurde 1990 das Humangenomprojekt („Human Genome Project“) gegründet mit dem Ziel, das Genom vollständig zu entschlüsseln.

10.000 Erkrankungen heilbar. In zehn Jahren, davon ist der Wiener Forscher überzeugt, wird die Wissenschaft die Gene von allen rund 10.000 gängigsten seltenen Erkrankungen kennen, bei denen meist ein bestimmtes Gen mutiert und zur Erkrankung führt. „Wir werden daraus unendlich viel lernen können.“ Bereits jetzt entstehen nicht nur neue Erkenntnisse, sondern auch neue Medikamente. Diese Entwicklung wird noch rasant zunehmen. Es wird neue Lösungen für eine Vielzahl von Krankheiten geben, vom Krebs bis Autoimmunerkrankungen.

Wir können Gene ein- und ausschalten. Eine unglaubliche Revolution, die wir einer Frau verdanken, die auf den ersten Blick die Aura eines französischen Filmstars versprüht. Emmanuelle Charpentier ist ein Weltstar der Biogenetik, Ende 40, mit langen, dunklen, wallenden Haaren und haselnussbraunen Augen. Mit ihrem souveränen Lächeln begeistert die Mikrobiologin, Biochemikerin und Genetikerin jeden Gesprächspartner augenblicklich. Sie ist eine ernstzunehmende Kandidatin für den Nobelpreis – und das zu Recht. Denn sie hat den Schalter entwickelt, mit dem sich Gene ein- und ausschalten lassen.

CRISPR/Cas9. Der Schlüssel ist eine Genschere, genannt CRISPR/Cas9 (sprich: Krisper Kähs Nine), die Charpentier maßgeblich mitentwickelt hat. Eine bahnbrechende Methode, die die Medizin der Zukunft revolutionieren wird, denn was immer rund um die Entschlüsselung der Funktionsweisen einzelner Gene noch entdeckt wird – all das nützt wenig, wenn wir keine Methoden haben, um in die Gene direkt einzugreifen. Was nützt die Erkenntnis, welches Gen eine todbringende Krankheit auslöst, wenn es sich nicht beeinflussen oder im Idealfall ausschalten lässt? CRISPR Engineering ermöglicht dies erstmals, und zwar in jeder Spezies und für geringe Kosten.

Durch CRISPR/Cas9 kann man mehrere Stellen im Erbgut ausschneiden, reparieren, an- oder abschalten. Man kann die Killerzellen des Immunsystems, die T-Zellen, so programmieren, dass sie Krankheiten wie Krebs erkennen und ausschalten. Wir schaffen so eine künstliche Verteidigungslinie für die menschliche Gesundheit. Man kann gesundheitliche Risiken auf null reduzieren. Und: Es kostet wenig, denn die Methode ist einfach und billig. Sie ist zum wesentlichen Element der molekularbiologischen Grundlagenforschung geworden. „Gentherapien werden ein gigantisches Feld in der Medizin der Zukunft einnehmen“, weiß Josef Penninger. Denn scheinbar unheilbare Krankheiten, deren Ursachen genetisch bedingt sind, können plötzlich behandelt werden.

29. März 2018