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Stimme von Links: Cynthia Nixon als Politikerin

Cynthia Nixon, als Miranda in der Kultserie „Sex and the City“ zu Weltruhm gelangt, kandidiert um das Amt der Gouverneurin von New York. Gewinnt sie die Vorwahlen der Demokraten im September, hätte sie gute Chancen, das politische Kommando über 19,8 Millionen Amerikaner und die Weltmetropole New York zu übernehmen. OOOM begleitete die Neo-Politikerin im Wahlkampf – und erlebte eine unkonventionelle, überzeugende, eloquente und inspirierende Kandidatin.

Georg Kindel & Christina Zappella-Kindel12. Juni 2018 No Comments

Fulminante Rednerin. Jetzt ist sie selbst an der Reihe. Und eines wird sofort klar: Ihr Start in einem völlig neuen Metier ist durchaus fulminant. Nixon fordert in einer zündenden Rede mehr Schutz für einkommensschwache Mieter. Sie prangert die wachsende Ungleichheit an, die immer größere Kluft zwischen Arm und Reich, die latenten Ungerechtigkeiten im US-Justizsystem, durch die Schwarze und Latinos öfter hinter Gittern landen als Weiße. Sie kritisiert, dass das Sozialnetz immer mehr ausgehöhlt wird, während sich die Allerreichsten Steuergeschenke zuschanzen. Sie wirft ihren Rivalen sogar in einen Topf mit Trump und den Republikanern. Immer wieder spricht sie ihn direkt an. Für die Polit-Novizin haben die Missstände einen Namen: „Andrew Cuomo!” Ihre Wahlkampfrede wirkt durchaus poliert: „Es wird keinen Wandel geben, bis ihn wir, wir die Bürger, erzwingen”, sagt sie energisch. Sie wolle sich an die Spitze einer Bewegung stellen für „Gerechtigkeit und Solidarität im Staat New York”. Immer wieder gestikuliert sie mit den Händen. Sie scheint ein Naturtalent am politischen Parkett zu sein.

Diagnose Brustkrebs. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Schauspielerin engagiert. Nachdem sie im Oktober 2006 die Diagnose Brustkrebs erhielt, wurde sie zur leidenschaftlichen Aktivistin in Sachen Aufklärung über die heimtückische Krankheit. Sie öffnete sich in einer TV-Doku über ihren Kampf gegen den Krebs und übte dann Druck auf den TV-Sender ABC aus, die Sendung in der „Prime Time”, dem Hauptabend, auszustrahlen.

Nixon engagierte sich in den letzten Jahren auch für die Rechte Homosexueller. Nach ihrer Ehe mit dem Lehrer Danny Mozes, aus der sie zwei Kinder hat, begann sie 2004 eine Liebesbeziehung mit der Bildungs-Aktivistin Christine Marinoni, 2009  gab das Paar die Verlobung bekannt. Geheiratet wurde im Mai 2012 in New York, Nixon trug ein blassgrünes Hochzeitskleid der Designerin Carolina Herrera. Ihre Lebenserfahrungen, was ihre sexuelle Orientierung betrifft, beschrieb sie einmal so: „Ich war mein ganzes Leben lang mit Männern zusammen und ich habe mich nie in Frauen verknallt, doch als es passierte, fühlte sich das ganz normal an.” Danach setzte sie sich für Gesetze ein, die gleichgeschlechtliche Eheschließungen in immer mehr US-Staaten ermöglichen.

Die Außenseiterin. Die Kandidatin setzt zum Finale ihrer Wahlkampfrede an: „Ich stehe für Gerechtigkeit in New York”, sagt sie entschlossen. „Die Zeit ist gekommen für ein neues New York, schaffen wir eine bessere Zukunft, zusammen, für uns alle!” Es wird anerkennend applaudiert. Aus der Schauspielerin ist fast über Nacht eine versierte Politikerin geworden. Natürlich bleibt sie vorerst eine krasse Außenseiterin gegen Cuomos gut geölte Polit-Maschinerie: Laut einer ersten Umfrage führt der Langzeit-Gouverneur im Demokraten-Duell mit zwei Drittel der Stimmen deutlich. Trotzdem hat die zähe Nixon Zweifler bereits eines Besseren belehrt: Sie sammelte eine Reihe an Wahlempfehlungen liberaler Gruppen, zuletzt von der mächtigen „New York Working Families Party”, die Gewerkschaftsinteressen vertritt. Sie nützt geschickt ihre Star-Power, um bei Pressekonferenzen Missstände im US-Staat New York anzuprangern und die Schuld Cuomo in die Schuhe zu schieben. Sie wurde zu einem der Gesichter einer Revolte, die die demokratische Partei erschüttert: Nach dem Fiasko der Wahlniederlage Hillary Clintons verlangt die Parteibasis einen markanten Linksruck. Vor allem die Liberalen sind bei den „Dems” im Vormarsch – und genau auf diesen Zug ist Nixon aufgesprungen. Die Menge in Brooklyn skandiert wieder: „Cynthia! Cynthia! Cynthia!” Dann stimmt die Gruppe auch noch ein „Happy Birthday”-Geburtstagsständchen an, begeht doch die Kandidatin an diesem Tag ihren 52. Geburtstag.

Die Ehefrau immer dabei. Nach dem Auftritt marschiert Nixon zurück zur Subway. Mit dieser Taktik sammelte sie bereits Pluspunkte: Die Kandidatin fährt, wenn immer es geht, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu Auftrittsorten. Damit möchte sie Bescheidenheit und Bürgernähe demonstrieren – fernab ihrer früheren Auftritte am roten Teppich. Ihre Frau Marinoni geht neben ihr, sie plaudern darüber, wie es gelaufen ist. Cynthia legt liebevoll ihre Hand auf die Schulter ihrer Ehefrau. Gegenüber OOOM zeigt sie sich optimistisch, schreibt sich gute Chancen zu – selbst gegen Goliath Cuomo.

Emmy-Preisträgerin. Die in New York geborene Tochter eines Radiojournalisten sammelte schon als Kind Erfahrungen mit der Schauspielerei, als sie als 12-Jährige bei einer Schulproduktion für Furore sorgte. Ihr Film-Debüt landete sie 1980 an der Seite vom Tatum O’Neal in der Teenie-Komödie „Little Darlings”. Im selben Jahr erhielt sie auch ihre erste große Broadway-Rolle. Im Film-Thriller „The Manhattan Project” überzeugte sie in einer Hauptrolle. Mit „Sex and the City“ hob ihre Karriere ab wie eine Rakete, ihr wurde für die Rolle der Miranda sogar ein prestigeträchtiger Emmy Award verliehen. Doch Nixon blieb auch stets dem Theater treu, für ihre mitreißende Performance im Stück „Rabbit Hole” streifte sie einen Tony Award ein. Im letzten Jahrzehnt ist sie neben weiteren Theater-, TV- und Filmrollen zunehmend auch als Aktivistin aufgefallen.

Beim Gang durch Brooklyn wird sie immer wieder erkannt. „Oh, wow, das ist doch … Miranda aus ‚Sex and the City‘”, sagt ein Mann, der aus dem Fenster eines Minivans sieht. Gleich schüttelt sie seine Hand und klärt ihn auf, dass sie jetzt Gouverneurin werden will. Mit einem Afroamerikaner posiert sie für ein Selfie, obwohl der Mann beim Fotografieren eine Zigarette hält und ihr damit gefährlich nahe kommt. Bei der Fahrt zurück nach Manhattan mit der Subway-Linie Nr. 5 bietet sich das gleiche Bild: Immer wieder bitten New Yorker um Fotos. Wieder gibt es sogar auch hier Sprechchöre: „Cynthia! Cynthia! Cynthia!”

12. Juni 2018